Historische Klosterbibliothek Strahov: Vom Boden bis zur Decke sehenswert

Philosophischer Saal

Die Büchersäle im Kloster Strahov in Prag befinden sich in einer der schönsten und am besten erhaltenen Bibliotheken der Welt. Die Klosteranlage liegt oberhalb des Petřín-Hügels, und ihre beiden schlanken Türme gehören untrennbar zum Panorama der Kleinseite. Die Barockbibliothek steht unter strengem Schutz, die Besucher dürfen nur vom Gang aus einen Blick in die wundervollen Lesesäle werfen. Für unsere neue Videoserie haben wir uns aber durch die Räume führen lassen und nehmen Sie, liebe Hörer, nun mit in die altehrwürdige Bibliothek Strahov – die neben Büchern zum Beispiel auch eine Xylothek beherbergt.

Kloster Strahov | Foto: Kristýna  Maková,  Radio Prague International

Frühe Ausgaben der Werke von Aristoteles, die „Römische Geschichte“ von Titus Livius, der ganze Goethe auf Französisch oder medizinische Lehrbücher auf Latein. Dies alles steht in den Regalen der historischen Bibliothek im Kloster Strahov, der ältesten Prämonstratenseranlage in ganz Böhmen. Rund 300.000 Bücher zählt der Bestand. Damit sei die Prager Einrichtung die größte historische Privatbibliothek in Europa, informiert die Touristenführerin Ivana Tavares:

Ivana Tavares | Foto: Radio Prague International

„Zu den kostbarsten Büchern gehört hier das Strahov-Evangeliar aus dem Jahr 860, das der deutsche Erzbischof 1143 zur Gründung des Klosters stiftete. Außerdem würde ich den Sternenatlas von Al-Sufi erwähnen, einen der ersten Sternenatlanten. Er stammt aus dem 14. Jahrhundert, kommt aus Norditalien und ist auf Arabisch verfasst.“

Der Philosophische Saal der Strahov-Bibliothek | Foto: Radio Prague International

In der Sammlung fänden sich ebenso botanische Atlanten, Reiseberichte, Enzyklopädien, Wörterbücher oder Poesiebände, fährt Tavares fort. Das Kloster habe beim Aufbau der Bibliothek einen sehr starken Schwerpunkt auf den Bildungsaspekt gelegt…

„Die Bibliothek besitzt auch einen der ersten tschechischen Drucke. Er stammt aus dem Jahr 1506, vom Buchdrucker Mikuláš Bakalář aus Pilsen. Darin befinden sich Angaben über neu entdeckte Länder, also über die Entdeckung Amerikas. Das war schon sehr früh, nachdem Amerika 1492 entdeckt wurde.“

In Strahov gebe es heute Bücher in insgesamt 23 Sprachen, ergänzt die Fremdenführerin. Am meisten ist demnach Latein vertreten, gefolgt von Griechisch, Deutsch und Tschechisch.

Theologischer Saal | Foto: Radio Prague International

Zwei altehrwürdige Säle

Das Herz der Bibliothek bilden zwei altehrwürdige Säle. Sie sind im Stile des Barock und des Klassizismus gestaltet. Der niedrigere und ältere von beiden ist der Theologische Saal, fertiggestellt 1674. In ihm stehen rund 25.000 Bücher, eng aneinandergereiht entlang der Wände. Daneben fällt die sehr aufwendige und reich verzierte Deckengestaltung ins Auge. Ivana Tavares:

Theologischer Saal | Foto: Radio Prague International

„Die Deckenverzierung gehört zu den schönsten erhaltenen Arbeiten aus der Barockzeit. Der Stuck ist ein Werk des italienischen Architekten Giovanni Domenico Orsi. Die Fresken malte etwas später, nämlich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der böhmische Maler und Prämonstratenser Siard Nosecký.“

In einem Verbindungsgang stehe Literatur zu Medizin und Recht, berichtet Tavares und führt dann in den größeren der beiden Haupträume, den Philosophischen Saal. Er wurde 1790 bis 1794 ausgebaut und hat eine Höhe, die zwei Etagen des Gebäudes entspricht. Die Einrichtung aus Nussholz stammt von Jan Lahofer aus Tasovice. Neben Regalen gehören dazu auch praktische Möbelstücke, wie etwa ein Tisch mit dem zugehörigen Stuhl...

Philosophischer Saal | Foto: Radio Prague International

„Den Stuhl kann man unter den Tisch schieben, und so bilden sie eine Einheit. Dann kann der andere Teil des Tisches angehoben werden, sodass eine Trittleiter entsteht. Die hat die Firma Lahofer hergestellt, die auch für den gesamten Bibliothekssaal verantwortlich zeichnet. Sie war eine der besten Tischlereien ihrer Zeit. Jetzt produzieren sie Wein, immer noch in der Nähe von Znojmo. Das Möbelstück schenkten sie dem Abt als Dank dafür, dass sie die Bibliothek ausstatten durften. Dafür bekamen sie nämlich sehr gutes Geld und erwarben sich außerdem einen immensen Ruf. Das Tischchen ist also ein Original und wurde aus 26 verschiedenen Holzsorten hergestellt. Unter anderem wurde Wurzelholz verwendet, das sehr selten und teuer ist.“

Im Philosophischen Saal sind etwa 50.000 Bücher untergebracht. Einige wenige und ganz besondere Exemplare hätten sogar ihren eigenen Schrank, so der Hinweis von Tavares:

Foto: Radio Prague International

„Dies ist eine Schenkung der zweiten Ehefrau von Napoleon Bonaparte, Marie-Louise. Sie war eine Habsburgerin und hielt sich häufig in Prag auf, unter anderem auch hier im Kloster. Da man hier so nett zu ihr war, schickte sie später aus Paris diesen Schrank. Dafür hatte sie einen der besten französischen Schreiner engagiert, der vor allem Musikinstrumente herstellte – daher auch die verschiedenen Muster, die an Instrumente erinnern. Die Glaselemente sind ebenfalls original. Es ist ein wunderschönes Stück, diente aber lediglich als Behälter für die Bücher, die das eigentliche Geschenk waren. Im unteren Teil befinden sich die vier Bände des ersten Katalogs des Louvre. Denn als dieser 1794 als das erste Museum Europas für die Bevölkerung eröffnet wurde, wurden zwei Kataloge angefertigt. Einer ist immer noch in Paris – und der zweite hier in der Strahov-Bibliothek.“

Philosophischer Saal | Foto: Radio Prague International

Der Schrank beherberge im oberen, schmaleren Teil noch sechs weitere Bücher, fügt die Touristenführerin hinzu. Sie enthalten die zeitgenössischen Inventarlisten der königlichen Besitztümer in ganz Frankreich.

Deckengemälde von Maulbertsch

Die beiden historischen Bibliotheksräume im Kloster Strahov sind komplett restauriert. Die Arbeiten im Philosophischen Saal wurden erst 2010 beendet. Und auch hier lohnt der Blick an die Decke.

Decke des Philosophischen Saals | Foto: Radio Prague International

„Das Gemälde im Philosophischen Saal ist ein Werk des österreichischen Malers Franz Anton Maulbertsch aus dem Jahr 1794. Bemerkenswert ist, dass es sich um das größte zusammenhängende Deckengemälde in Europa handelt. Maulbertsch schuf es in nur sechs Monaten, gemeinsam mit einem Studenten. Zu dieser Zeit war der Maler bereits 73 Jahre alt, also in einem für die damalige Zeit sehr fortgeschrittenen Alter.“

Von der Decke lenkt Ivana Tavares die Aufmerksamkeit dann auf den Fußboden:

Der Boden des Philosophischen Saals | Foto: Radio Prague International

„Es handelt sich um das Originalparkett, das eines der schönsten und gut erhaltenen in ganz Europa ist. Interessant ist daran, dass dafür nicht ein Tropfen Klebstoff und kein einziger Nagel verwendet wurden. Alles ist nur zusammengesetzt.“

Im Theologischen Saal hingegen sei der Bodenbelag dem Original nur noch nachempfunden, wirft die Fremdenführerin ein. Denn das ursprüngliche Material sei zu Zeiten des Kommunismus zerstört worden.

Der Boden des Theologischen Saals | Foto: Radio Prague International

Der Klosterbesitz wurde nämlich nach 1950 verstaatlicht und auf verschiedene Institutionen aufgeteilt. Kurz nach der Wende von 1989 kehrten die Güter und auch der Bibliotheksbestand durch die Restitution zum Prämonstratenserorden zurück. Es erfolgte eine erneute Katalogisierung, die mehrere Jahre dauerte. Die Kataloge sind nun online einsehbar. Zudem läuft die Digitalisierung der Bücher zur wissenschaftlichen Aufarbeitung. Die Forschungsergebnisse werden regelmäßig in der Zeitschrift „Bibliotheca Strahoviensis“ veröffentlicht.

Sammlungen im Kuriositätenkabinett | Foto: Radio Prague International

Obwohl die beiden Hauptsäle der Bibliothek Zehntausende von Büchern beherbergen, werden die meisten der historischen Schriften in Nebenräumen gelagert, und das teilweise in Tresoren. Diese Bereiche können die Besucher für gewöhnlich nicht besichtigen – ebenso wenig wie das Kuriositätenkabinett, das zum Bestand gehört und einzigartig in Tschechien ist. Zu dieser Sondersammlung gehören Tierexponate, Schildkrötenpanzer, Versteinerungen, archäologische Funde oder auch historische Waffen. In einem verglasten Schrank scheinen jedoch wiederum Bücher zu stehen. Ivana Tavares klärt auf:

„Erwähnenswert ist die Xylothek von 1825. ‚Xylos‘ heißt im Griechischen ‚Holz‘. Die Exponate sehen aus wie Bücher, doch tatsächlich sind es Schachteln. Jede von ihnen repräsentiert einen Baum.“

Xylothek  (dendrologische Bibliothek). Die 68 Bände wurden um das Jahr 1825 von Karel von Hinterlagen zusammengestellt. | Foto: Radio Prague International

Weltweit gebe es nur drei Xylotheken, unterstreicht Tavares. Anders als diese Sammlung an Baumhölzern oder weiterer Kuriositäten wird der Bücherbestand der historischen Bibliothek im Kloster Strahov immer wieder durch Schenkungen und gelegentliche Ankäufe erweitert.

Wir danken der dortigen königlichen Kanonie der Prämonstratenser. Die Klosterbibliothek ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

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