Seit Barockzeiten unverändert: Die historische Bibliothek im Prager Klementinum
Im Prager Klementinum hat die Nationalbibliothek nicht nur ihren Sitz. Zu sehen ist dort auch der wunderschöne Lesesaal, der seit der Barockzeit nicht mehr verändert wurde.
Es war Königin Maria Theresia, die veranlasste, dass die Bibliothek im Prager Klementinum für die Öffentlichkeit zugänglich wurde. Ihr Dekret von 1777 bestimmte erstmals eine Art Besucherordnung sowie die Öffnungszeiten. Seitdem konnten die Besucher all das Wissen nutzen, das die Jesuitenmönche mehr als 200 Jahre lang in dem Büchersaal gesammelt hatten. Tomáš Foltýn, der Direktor der tschechischen Nationalbibliothek, erläutert:
„Die Geschichte des Klementinums ist eng verbunden mit dem Jesuitenorden. Er kam Mitte des 16. Jahrhunderts auf Einladung der Habsburger nach Böhmen, um hier den katholischen Glauben zu festigen. Die Jesuiten fanden in Prag noch nicht dieses schöne Areal vor, das bis heute besteht. Vielmehr kamen sie in ein ehemaliges Dominikanerkloster, das in Folge der Hussitenkriege stark beschädigt war.“
Die noch verbleibenden Dominikanermönche wurden ausgesiedelt, und die Jesuiten entwarfen einen systematischen und langwierigen Bebauungsplan. In der ersten Phase entstand das Kolleg einschließlich einer Schule. Und eine Bibliothek gehörte von Anfang an zu deren Ausstattung...
„Die Legende besagt, dass die Jesuiten aus Rom nur ein einziges Buch mitbrachten, und das war natürlich eine Bibel. Das ist allerdings nur die mündliche Überlieferung. Wahrscheinlich war der ursprüngliche Bestand eher größer, und es gab mehr Bücher. Denn aus Rom kamen immerhin zwölf Brüder nach Prag.“
Die Bibliothek nahm rasch Formen an. Schon 1622 übernahmen die Jesuiten die Verwaltung der Karlsuniversität, und die dortige Büchersammlung wurde ins Klementinum verlegt. Das stetig wachsende Areal am Moldauufer habe dann auch bei außergewöhnlichen historischen Ereignissen seine Rolle gespielt, betont Foltýn:
„Zu erwähnen sind dabei die Aktivitäten der hiesigen Studenten im Dreißigjährigen Krieg. Sie haben sich erheblich dafür eingesetzt, dass die Schweden nach ihrem Einmarsch in Prag nicht über die Karlsbrücke kamen. Diese wurde nämlich mit der Hilfe der Studenten blockiert. Die Schweden plünderten zwar die Adelspalais‘ auf dem gegenüberliegenden Moldauufer. Aber auf die Seite des Flusses, auf der sich das Klementinum befindet, gelangten sie nicht.“
Exponate aus dem Mathematischen Museum
Die zweite wichtige Bauetappe fand Mitte des 17. Jahrhunderts statt. Damals sei das Klementinum zu jenem umfangreichen Komplex ausgeweitet worden, der heute noch besteht, berichtet Tomáš Foltýn. Und das berühmte barocke Herz des Areals entstand dann in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts. Es umfasst die Spiegelkapelle, den astronomischen Turm und den repräsentativen Bibliothekssaal. Eröffnet wurde zu dieser Zeit auch ein Mathematisches Museum. Dazu führt Foltýn aus:
„Dieses Museum war damals einzigartig, weil es nicht mehr im Sinne der Kunstkammern eingerichtet war, die wir aus den Filmen über Rudolf II. kennen. Es handelte sich wirklich schon um ein wissenschaftliches Museum. Hier wurden wichtige Hilfsmittel für die Entwicklung der Wissenschaften zusammengetragen. Das waren unterschiedliche Instrumente oder etwa Globen, die die damaligen Kenntnisse über die Gestalt der Erde beschrieben. Ebenss gab es Uhren, denn zur wissenschaftlichen Arbeit gehörte auch das Messen der Uhrzeit.“
Einige der Globen und Standuhren sind in der historischen Bibliothek heute noch zu sehen.
Seit 1781 ist das Klementinum der Sitz der Nationalbibliothek. In den historischen Büchersaal kann heute bei Besichtigungstouren nur noch ein Blick vom Eingang aus geworfen werden. Der Direktor beschreibt den Umfang der gesamten Einrichtung:
„In dem Barocksaal befinden sich heute knapp 24.000 Bücher. Dies ist nur ein Bruchteil dessen, was im Bestand der Nationalbibliothek insgesamt zu finden ist. Man kann wirklich sagen, dass unsere Sammlungen uferlos sind. Sie decken alle Bereiche des menschlichen Wissens ab, die verschiedensten Sprachen und alles, was man von einer Nationalbibliothek erwarten würde. Das heißt, wir pflegen unser nationales Kulturerbe, gestalten es heute mit und übergeben es den künftigen Generationen.“
Im Klementinum und im Depositorium im Prager Stadtteil Hostivař werden nicht nur Bücher gelagert, sondern auch Landkarten, Grafiken oder Handschriften. Darunter sind die wertvollsten Stücke des tschechischen Schrifterbes.
„So wie das Klementinum an sich ein Kulturdenkmal ist, verwalten wir in ihm noch vier weitere geschützte Kulturgüter in schriftlicher Form. Neben dem berühmten Vyšehrader Codex kümmern wir uns um die Fragmente der Dalimil-Chronik, die Velislaus-Bibel sowie das sogenannte Kunigundenpassional. Alle vier Handschriften gehören zu den tschechischen Kulturdenkmälern.“
Einkäufe in Antiquariaten
Der Bestand der Nationalbibliothek wird permanent erweitert – und das nicht nur um jede neue Publikation, die hierzulande auf den Büchermarkt kommt. Es werden auch immer wieder historische Sammlungen von Klöstern oder Adelsfamilien übernommen. Und es gibt noch eine weitere wichtige Quelle...
„Für weitere Ankäufe, vor allem von historischen Dokumenten, sind unsere wissenschaftlichen Mitarbeiter sehr aktiv und verfolgen den Antiquitätenhandel auf der ganzen Welt. Sie halten Ausschau nach Dokumenten, die für das Archiv der Nationalbibliothek interessant sein könnten – sei es aus Sicht der Bohemistik oder auch zur Erweiterung der Sammlung an sich. Einer der letzten Fänge gelang in Zusammenarbeit mit dem Kulturministerium. Wir konnten nämlich im vergangenen Jahr in einem Antiquariat in Wien einige Handschriften des bedeutenden tschechischen Komponisten Antonín Dvořák erwerben.“
Antonín Dvořák ist bei Weitem nicht der einzige berühmte Künstler, dessen Originale im Bestand der tschechischen Nationalbibliothek aufbewahrt werden. Auch Bedřich Smetana gehört dazu oder aber Wolfgang Amadeus Mozart. Foltýn fährt fort:
„Kaum jemand weiß, dass die erste Gedenksammlung für Mozart nicht in Österreich eingerichtet wurde. Das war nicht in Salzburg und auch nicht in Wien – sondern eben in Prag. Es ist das bekannte Mozarteum, das heute Bestandteil des musikalischen Fonds der Nationalbibliothek ist. Man kann sagen, dass gerade unsere Musiksammlungen sehr breitgefächert sind. Außer den Handschiften von Mozart und Drucken seiner Kompositionen beherbergen sie viele Werke aller Titanen der tschechischen Musik.“
Diese würden immer wieder von Wissenschaftlern und Studenten eingesehen, ergänzt Foltýn. Und beim Vergleich der Notenblätter etwa von Dvořák und Smetana würde auffallen, dass beide eine absolut gegensätzliche Art zu Komponieren gehabt hätten, so der Experte.
Schnell wachsendes Webarchiv
Handbeschriebene Papiere gehören zu den ältesten Stücken, die die Nationalbibliothek aufbewahrt. Das gilt weltweit für viele bedeutende Archive, Büchersammlungen und Museen. Umso wichtiger sei es, sich ihnen in besonderer Weise zu widmen, unterstreicht Foltýn:
„Es ist zu wenig darüber bekannt, welche konkreten Handschriftensammlungen sich in den einzelnen Institutionen befinden und welcher Zusammenhang zwischen ihnen besteht. Die Frage ist auch, wie man am besten mit ihnen umgeht und sie katalogisiert. Darum sind wir im Rahmen des europäischen Programms Horizon eine Partnerschaft mit anderen bedeutenden Einrichtungen eingegangen. Dazu gehören die Universitäten in Heidelberg, Cambridge oder Oxford. Wir versuchen, ein System zu finden, wie Papierhandschriften gelagert und ausgewertet werden können. Zudem wollen wir bei ihrer Lektüre zusammenarbeiten und weitere Kenntnisse über sie gewinnen.“
Im Jahr 2027 wird die tschechische Nationalbibliothek ihr 250-jähriges Bestehen feiern. Geplant ist etwa eine große Ausstellung, bei der unter anderem der Vyšehrader Codex oder auch das Dekret von Maria Theresia gezeigt werden sollen. Viel Raum werde dabei auch jenen Zeitzeugen eingeräumt, die die Wendezeit von 1989 miterlebt hätten, kündigt Foltýn an. Denn damals ist die Nationalbibliothek dem Direktor zufolge in eine offene demokratische Einrichtung verwandelt worden. Und heute hätten auch die neuen Schriftmedien ihren Platz in dem Archiv:
„Die Nationalbibliothek ist inzwischen eine hybride Institution. Denn wir kümmern uns nicht nur um das gedruckte Kulturerbe und die Handschriften unserer Vorfahren, sondern auch um die aktuellen Inhalte, die in digitaler Form entstehen. Kaum jemand weiß wahrscheinlich, dass zu unseren Sammlungen ein Webarchiv gehört. Darin werden seit 2001 systematisch die Inhalte tschechischer Websites gesammelt, die auf .cz enden.“
Dies sei eine unglaubliche Menge an weiteren Informationen über die moderne Zeit, die den künftigen Generationen an Forschern einst zur Verfügung stehen werde, sagt Tomáš Foltýn.
Wir danken der Tschechischen Nationalbibliothek für die Möglichkeit, im Klementinum Filmaufnahmen zu machen.
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