Obdachlose erhalten 4000 Euro auf die Hand: Unerwartete Ergebnisse eines Projektes in Prag

Es ist ein ungewöhnliches wissenschaftliches Experiment: Menschen, die in Prag auf der Straße leben, haben umgerechnet mehrere Tausend Euro bekommen. Melanie Zajacová hat dann ein Jahr lang verfolgt, was diese aus dem Geld machen.

Was passiert, wenn man einem Obdachlosen in Prag einfach 100.000 Kronen in die Hand gibt? Kann diese Summe, umgerechnet etwa 4000 Euro, ihm helfen? Das ist die Grundfrage, die sich die Wissenschaftlerin Melanie Zajacová vor einiger Zeit gestellt hat. Damals hörte sie von einem entsprechenden Projekt in Vancouver, das positive Ergebnisse gebracht hat.

Illustrationsfoto: Aleš Kartal,  Pixabay,  CC0

Zajacová leitet an der Prager Karlsuniversität den Lehrstuhl für Sozialarbeit. Sie griff die Idee aus Kanada auf und startete unter dem Titel „New Leaf Česko“ ihr eigenes Projekt. Im Juni 2024 begann sie, nach Probanden zu suchen. Im Interview für Radio Prag International schildert sie, nach welchen Kriterien ausgewählt wurde:

„Es mussten tschechische Staatsbürger sein, die nicht länger als zweieinhalb Jahre auf der Straße lebten. Es durften kein ernsthaftes Risiko für Alkoholmissbrauch oder den Konsum von illegalen Drogen und kein Verdacht auf eine seelische Erkrankung bestehen.“

Foto: New Leaf Česko

Das Sozialprojekt selbst, das letztlich von der Hilfsorganisation Neposeda betreut wurde, startete im Dezember 2024. An ihm nahmen insgesamt 100 Obdachlose teil, die versprechen mussten, in Kontakt mit den Sozialarbeitern zu bleiben. Die Teilnehmenden wurden per Zufallsgenerator in mehrere Gruppen aufgeteilt:

„Die 20 Leute aus der ersten Gruppe erhielten jeweils 100.000 Kronen in bar, und das ohne weitere Bedingungen. Die zweite, gleich starke Gruppe erhielt eine exklusive Betreuung durch einen Sozialarbeiter. In der dritten Gruppe hatten die Teilnehmenden beides zur Verfügung: das Bargeld und die intensive Begleitung durch den Sozialarbeiter. Und dann gab es noch eine Kontrollgruppe von 40 Obdachlosen, die keine Leistungen erhielten. Sie wurden nur im Verlauf des Jahres über ihre Situation befragt.“

Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden lag bei 45 Jahren. Im Schnitt hatten sie vor Start des Projekts etwa 20 Monate lang auf der Straße gelebt. Ein Drittel der Teilnehmenden waren Frauen, zwei Drittel Männer.

Diejenigen, die 100.000 Kronen erhielten, hatten die höchsten Ausgaben in den ersten drei Monaten nach der Übergabe des Geldes. Aber es zeigte sich nicht, dass sie gleich alles verjubelt hätten. Ganz im Gegenteil. Melanie Zajacová hält die Ergebnisse für sehr ermutigend…

Melanie Zajacová | Foto: New Leaf Česko

„Unsere Daten haben die Stereotype über Menschen auf der Straße durchbrochen. Die Ergebnisse zeigen nicht, dass die bedingungslose Bereitstellung von Geld zu erhöhten Ausgaben für Drogen und Alkohol führen. Ebenso wenig lässt sich aus ihnen herauslesen, dass die Begünstigten weniger arbeiten oder weniger verdienen würden. Und auch ein weiteres Stereotyp, dass die Menschen freiwillig auf der Straße leben würden, konnte widerlegt werden. Denn es hat sich herausgestellt, dass die meisten Leute ihr Geld für ein Dach über dem Kopf, für Essen und Kleidung ausgegeben haben“, so die Wissenschaftlerin.

Die beteiligten Obdachlosen erhielten die 100.000 Kronen auf einmal. Laut Zajacová wurde ihnen gesagt, dass sie mit dem Geld machen könnten, was sie wollten. Sie sollten nur den Kontakt aufrechterhalten, sodass ihre Ausgaben nachvollzogen werden konnten. Das heißt, dass die Wissenschaftler regelmäßig alle Teilnehmenden befragt haben.

Mehr Beschäftigung und Unterkunft

Foto: New Leaf Česko

Letztlich wurden die Ergebnisse aus den drei Hauptgruppen ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die Beschäftigungsquote bei allen Teilnehmenden gestiegen war. Vor Start des Experiments hatte die Hälfte der Beteiligten eine Arbeit. Ein Jahr später gingen 80 Prozent jener Menschen, die das Zusatzgeld erhalten hatten, einer Beschäftigung nach – und auch 60 Prozent jener, die einfach nur eine intensive Betreuung durch einen Sozialarbeiter hatten. Allerdings lag die Höhe der Verdienste weit unter einem Niveau, um sich wirklich selbst versorgen zu können. Zum Vergleich: Der Durchschnittsverdienst in Prag liegt bei etwa 65.000 Kronen (2670 Euro) brutto monatlich. Am besten schnitt im Projekt die Gruppe mit der Sozialarbeiterbetreuung ab – da stieg der Durchschnittslohn auf 15.250 Kronen (626 Euro).

Und wie stellt sich die Frage einer Unterkunft dar?

„Gemäß der Ergebnisse hatten 60 Prozent der Teilnehmenden zu Ende des Projekts immer noch eine Unterkunft. Und zwei Drittel davon gehörten zu der Gruppe mit Sozialarbeiter“, so Zajacová.

Illustrationsfoto: Tomáš Mařas,  Tschechischer Rundfunk

Anscheinend war dabei die Betreuung sehr wichtig. Denn unmittelbar bei Start des Projektes mieteten sich 87 Prozent jener Teilnehmenden ein, die die 100.000 Kronen erhalten hatten. Von jenen, die zwar Geld, aber keinen Sozialarbeiter erhalten hatten, suchten sich zu Beginn nur etwa 40 Prozent eine Unterkunft. Angesichts der enorm hohen Mietpreise in Prag handelte es sich meist um ein einfaches Zimmer, aber nicht um eine Wohnung.

Neben der Frage nach der Unterkunft hätte sie ein weiterer Punkt erstaunt, gesteht Melanie Zajacová. Und dieser betreffe die Ergebnisse aus den beiden betreuten Gruppen:

„Die Hilfe durch Sozialarbeiter stand den Teilnehmenden bedingungslos zur Verfügung. Das heißt, sie konnten wählen, ob sie mit ihnen zusammenarbeiten wollen oder nicht. Von den Sozialarbeitern haben wir wiederum einen personenzentrierten Ansatz gefordert. Dafür haben wir bestimmte Bedingungen geschaffen: Jeder Sozialarbeiter hat sich nur um 20 Teilnehmer gekümmert, und es gab keinen Verwaltungsaufwand im Rahmen des Projekts. Die erstaunliche Erkenntnis ist, dass wir nur in den zwei Gruppen mit der Betreuung durch einen Sozialarbeiter eine deutliche Verbesserung im seelischen Befinden der Teilnehmer sehen konnten. Das lag nicht daran, dass die Sozialarbeiter etwa auch therapeutisch tätig gewesen wären. Sondern sie konnten Vertrauen aufbauen und hatten Zeit, um sich um die Belange der Teilnehmer zu kümmern.“

Illustrationsfoto: Jan Ptáček,  Archiv des Tschechischen Rundfunks

Erkenntnisse für die Zukunft

Was soll nun aus dem Projekt folgen?

„Dieses Projekt ist vor einigen Monaten zu Ende gegangen. Aber wir wollen auf die Ergebnisse aus den Gruppen mit den Sozialarbeitern aufbauen und weitermachen. Der Plan ist nun, diese Herangehensweise mit anderen Organisationen und an anderen Orten Tschechiens zu wiederholen. Hinzu kommen internationale Kooperationen. Zusammen mit Kollegen aus Norwegen und Südkorea arbeiten wir an einem Projekt, das auf vertrauensbasierter Betreuung durch Streetworker fußt und auf der Einführung von Künstlicher Intelligenz in die Sozialarbeit“, sagt die Projektleiterin

Illustrationsfoto: Shutterstock

Eine Frage ist aber auch, ob die Erkenntnisse durch das Projekt dem Staat dabei helfen könnten, Geld zu sparen. Melanie Zajacová:

„Das wissen wir bisher noch nicht. Im Moment lässt sich nur sagen, dass es sich aus einer humanitären Perspektive lohnt, Obdachlosen zu vertrauen. Die Antworten zu wirtschaftlichen Fragen sollten dann im Herbst dieses Jahres vorliegen.“