Posselt zu Protest in Brünn: „Demonstrationen sind das Salz in der Suppe der Demokratie“
Mit einem Gedenkakt auf dem Hauptbahnhof von Brno / Brünn hat am Donnerstagabend das Festival Meeting Brno begonnen. Es findet parallel mit dem Sudetendeutschen Tag statt. Begleitet wurde die Festivaleröffnung von Protesten. Martina Schneibergová war für uns in Brünn dabei.
Unter der gleißenden Sonne versammelten sich beim fünften Bahnsteig am Donnerstag die Veranstalter des Festivals Meeting Brno, ihre Anhänger und die Sudetendeutschen. Sie kamen, um an das Schicksal der Holocaust-Opfer zu erinnern. Veronika Smyslová ist Exekutivdirektorin des Festivals Meeting Brno. Sie begrüßte einleitend die Teilnehmer der Gedenkaktes und fuhr fort:
„Wir stehen nahe des fünften Bahnsteigs jenes Bahnhofs, von dem im Herbst 1941 die ersten Juden aus Brünn mit einem Transport ins Ghetto von Minsk gebracht wurden. In den folgenden Monaten wurden weitere Juden nach Theresienstadt deportiert. Aus Brünn wurden insgesamt 10.000 jüdische Bewohner in die Konzentrationslager verschleppt. Nach dem Krieg sind nur einige Hundert Juden nach Brünn zurückgekehrt.“
Veronika Smyslová erinnerte in ihrer Rede zudem daran, dass auf Einladung des Festivals und mehrerer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens derzeit der Sudetendeutsche Tag in Brünn stattfindet. Sie lud den Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe und Bundesvorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, ans Mikrofon. Dieser sagte, er habe Verständnis für die Protestierenden, die unweit des Bahnhofs mit Pfiffen und Brüllen versuchten, den Gedenkakt zu stören. Posselt merkte einleitend an:
„Ich freue mich über die Demonstration, denn unter den Kommunisten gab es kein Demonstrationsrecht. Jetzt gibt es eines, und das ist das demokratische Europa, für das wir uns einsetzen.“
Posselt machte darauf aufmerksam, dass das Pfingsttreffen absichtlich mit dem Gedenken an das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte beginne.
„Die schlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte waren die deutschen Nationalsozialisten.“
Ähnlich wie in seinen Reden zuvor brachte Posselt sein tiefes Bedauern darüber zum Ausdruck. Er merkte an, dass sich auch Sudetendeutsche an den Verbrechen beteiligten.
„Verbrechen ist Verbrechen. Da gibt es nichts zu beschönigen und zu relativieren. Ich möchte ganz klar nochmals sagen: Ich bitte um Vergebung für den sudetendeutschen Anteil an diesen Verbrechen.“
An Bernd Posselt knüpfte der Leiter des Instituts der Theresienstädter Initiative, Tomáš Kraus, mit einer Rede an. Er betonte, eine Wiederholung von so etwas wie der Shoah dürfe nicht zugelassen werden. Dafür brauche man Verbündete in einem vereinten Europa, so Kraus.
Nach den Ansprachen wurde der Shoah-Opfer gedacht, wobei Blumen und Kränze auf den Gleisen niedergelegt wurden. Daraufhin folgte ein stilles Gebet. Außer Bernd Posselt gehörte etwa auch Nick Winton zu den Gästen des Gedenkaktes. Er ist der Sohn von Nicholas Winton, der 1939 insgesamt 669 jüdischen Kindern die Ausreise mit einem Zug nach Großbritannien ermöglichte. Zwei der sogenannten „Winton-Kinder“, Eva Paddock und Milena Grenfell-Baines, waren am Donnerstag ebenfalls in Brünn zu Gast.
Nach dem Gedenkakt entstand das folgende Gespräch mit Bernd Posselt:
Herr Posselt, Sie haben mehrere Jahre lang geträumt, dass der Sudetendeutsche Tag einmal in Tschechien stattfinden könnte. Wie sind jetzt Ihre Gefühle?
„Sie sind großartig. Der erste Mensch, der das vorgeschlagen hat, war mein Freund František Černý. Der hatte die Idee schon in den 1990er Jahren. Es hat nun 30 Jahre gedauert, bis dies Wirklichkeit geworden ist, weil wir gesagt haben, wir kommen nicht ohne Einladung. Doch dann haben wir diese großartige Einladung von zwei Bürgerinitiativen bekommen. Die eine ist das Festival Meeting Brno, das jedes Jahr die Versöhnungswallfahrt organisiert. Und die andere Einladung kam von einer Gruppe Historiker, Schriftsteller und Politiker um Milan Ude, den Ehrenbürger der Stadt Brünn.“
Als Sie die Protestierenden gesehen haben, haben Sie in Ihrer Rede gesagt, Sie seien froh, dass die Leute heutzutage hier demonstrieren dürften. Haben Sie auch damit gerechnet?
„Ja, selbstverständlich. Diskussionen und auch Demonstrationen sind das Salz in der Suppe der Demokratie. Solange sich alles friedlich und im Rahmen der Gesetze vollzieht, habe ich daran nichts auszusetzen.“
Im Abgeordnetenhaus hat sich vor kurzem ein Teil der Abgeordneten gegen die Austragung des Pfingsttreffens in Brünn ausgesprochen. Wie fanden Sie diesen Beschluss?
„Ich bin ein alter Parlamentarier. Ich liebe den Parlamentarismus. Ich fühle mich bei Parlamentsdebatten wie ein Fisch im Wasser. Ich habe mir auch die ganze sechsstündige Debatte im Internet auf Tschechisch angeschaut. Das war sehr interessant. Ich sage nur eines: Ich habe selten eine solche parlamentarische Farce gesehen. Für diese Resolution waren 73 von 200 Abgeordneten. Vier haben sich enthalten. Die demokratisch-pro-europäische Opposition hat demonstrativ gefehlt. Inzwischen hat Herr Babiš sogar erklärt, dass er die Resolution gar nicht genau gelesen hat. Ich glaube, ehrlich gesagt, Herr Babiš – ich kenne ihn ja von früher – ist ein Pragmatiker. Er hat jedoch rechtsextremistische und nationalistische Koalitionsteile – die Regierungspartner wie Herrn Okamura und Herrn Macinka. Diese haben ihn unter Druck gesetzt. Es war ihm unangenehm, aber er hat sich unter Druck setzen lassen. Die deutsch-tschechischen Beziehungen dürfen darunter auf keinen Fall leiden. Herr Babiš war zu Besuch in Bayern. Und ich freue mich, wenn er wiederkommt.“
Unter den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung und damit auch des Festivals sind zwei Damen von den Winton-Kindern. Hatten Sie die Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen?
„Das war das größte Erlebnis, was ich seit Jahrzehnten hatte. Ich war ja damals beim Paneuropa-Picknick und durfte mitarbeiten, als der Eiserne Vorhang geöffnet wurde. Das war bisher mein größtes Erlebnis. Aber heute wurde das noch getoppt, weil diese beiden Damen im Alter von über 90 Jahren gekommen sind. Wir haben uns umarmt. Das werde ich nie vergessen.“
Wie sind Ihre Kontakte sonst zu den verschiedenen Initiativen hierzulande?
„Sehr intensiv. Jeder, der sich in der Sudetendeutschen Landsmannschaft engagiert, ist mehrmals jährlich zu Besuch in Tschechien. Ich bin auch mehrmals monatlich im Land – selten in Prag – meistens sozusagen in den Dörfern. Ich liebe die sogenannte Provinz. Ich habe dort immer nur positive Erlebnisse gehabt. Wenn ich in ein Gasthaus gehe, kommen die Leute an den Tisch, wollen Bier mit mir trinken, diskutieren, ein Selfie machen. Ich habe noch nie etwas Negatives erlebt. Und deshalb sage ich ganz klar, ich freue mich immer, wenn ich hier bin.“
Petr Kalousek ist Mitbegründer des Festivals Meeting Brno. Wie ist es ihm gelungen, die beiden Damen, die zu den Winton-Kindern gehören, nach Brünn zu holen? Petr Kalousek dazu:
„Es ist für uns wirklich eine große Ehre, dass die beiden Damen und auch Nick Winton, der Sohn von Sir Nicholas Winton, gekommen sind. Nick hat mir während der Veranstaltung eines gesagt: ,You are making history‘ – ,Ihr schreibt Geschichte.‘ Wir bemühen uns, in diesem Geist weiter zu machen, hoffentlich erfolgreich. Diese Worte freuen uns, unsere Bemühungen werden damit aufrichtig geschätzt.“
Tomáš Kraus, der zuvor in seiner Rede auch über seine Familiengeschichte gesprochen hatte, äußerte sich gegenüber Radio Prag International zu seinen Eindrücke von der Eröffnung des Festivals.
„Ich glaube, es ist immer wichtig, miteinander zu sprechen und auch etwas aus der Familiengeschichte zu erzählen, weil die konkret und nicht anonym ist. Wenn man über den Holocaust und sechs Millionen Tote spricht, dann sagt das nichts. Wenn man aber über eine Familie oder ein bestimmtes Schicksal spricht, dann ist das etwas ganz anderes. Ich versuche immer, etwas Persönliches hinzuzufügen. Heute hielt ich das für besonders wichtig, da es das erste Mal ist, dass ein Sudetendeutscher Tag auf dem Gebiet der Tschechischen Republik stattfindet. Das hat Symbolkraft. Wir alle dachten, dass jetzt die richtige Zeit dafür ist. Selbstverständlich gab es einige Leute, die das nicht so sehen. Aber das ist Demokratie.“
Herr Winton hat den Veranstaltern gesagt, sie würden Geschichte schreiben…
„Das kann sein. Für viele Leute kann diese Zusammenkunft etwas sein, was ihnen die Augen öffnet. Denn viele Sachen wurden all die Jahrzehnte unter den Teppich gekehrt. Und nun sprechen wir öffentlich darüber.“
Das Festival Meeting Brno dauert bis 31. Mai. Der Sudetendeutsche Tag findet 25. Mai in Brünn bis statt.







