Missbrauch durch Geistliche: Katholische Kirche in Tschechien will auf Opfer zugehen

Sexueller Missbrauch durch Geistliche ist in vielen Ländern ein brennendes Thema. Auch in Tschechien wurden in der Vergangenheit etliche Fälle bekannt, allerdings ging die römisch-katholische Kirche eher nachlässig dagegen vor. Nun sollen die Prävention sexueller Gewalt und der Schutz der Opfer besser werden. Dafür haben die hiesige Bischofskonferenz und der außerkirchliche Verein Někdo Ti uvěří (Jemand wird Dir glauben) am Dienstag in Prag ein gemeinsames Memorandum unterschrieben.

„Der erste wichtigste Schritt werden die Treffen mit den Opfern sein. Dann müssen wir helfen – finanziell und auch auf andere Art. Gleichzeitig sollten wir Maßnahmen zur Prävention vor Missbrauch ergreifen. Dafür werden wir mit verschiedenen Organisationen zusammenarbeiten, die sich mit dem Thema beschäftigen.“

Stanislav Přibyl | Foto: Jan Beneš,  Tschechischer Rundfunk

So hatte gleich zu Beginn seiner Amtszeit der neue Prager Erzbischof Stanislav Přibyl angekündigt, sich dem schwierigen Thema Missbrauch in der katholischen Kirche Tschechiens zu widmen. Im Gespräch mit Radio Prag International bedauerte er, dass der Dialog mit den Betroffenen bislang nicht im Vordergrund gestanden habe. Zudem versprach Přibyl, dass er dies nun ändern wolle.

Am Dienstag hat er dazu ein Memorandum  unterzeichnet, gemeinsam mit Jiří Kylar. Kylar hat 2020 den außerkirchlichen Verein Někdo Ti uvěří gegründet, nachdem er selbst öffentlich über seine Erfahrungen als Missbrauchsopfer durch einen Priester gesprochen hatte. Der Verein kann seinem Vorsitzenden zufolge beispielsweise bei der Entwicklung sensibler Maßnahmen für Einzelfälle der Kirche helfen:

„Man kann Regeln und Mechanismen festlegen, Priester ausbilden und betreuen. Und sich gleichzeitig um Opfer kümmern, denen im kirchlichen Umfeld etwas zugestoßen ist.“

Das Memorandum zwischen der NGO und der Tschechischen Bischofskonferenz erklärt das gemeinsame Bemühen, gefährdete Personen in der Kirche zu schützen, Missbrauchsopfer zu unterstützen und Präventionsmaßnahmen sowie einen sensiblen Umgang mit Menschen zu entwickeln, die von Kirchenvertretern oder Mitarbeitern missbraucht wurden. Die katholische Kirche werde die Kosten für die therapeutische Versorgung der Opfer übernehmen, sagte Stanislav Přibyl am Dienstag:

„Wir sind bereit, die Versorgung für alle zu bezahlen, die sie brauchen. Dabei handelt es sich sowohl um einmalige Therapien als Erste Hilfe, als auch um die Betreuung beim langwierigen Erholungsprozess des Opfers.“

Přibyl zufolge kooperiert die Kirche mit dem Verein auch hinsichtlich der Methodik zur Untersuchung von Missbrauchsfällen. Künftig solle man beispielsweise bei Befragungen sensibler mit den Opfern umgehen und unnötige Wiederholungen vermeiden.

Wie Jiří Kylar erklärte, sei die Zusammenarbeit durch den Generationswechsel unter den Bischöfen ermöglicht worden:

„Als Erzbischof Stanislav letztes Jahr den Vorsitz der Kommission zu Prävention und Schutz vor Missbrauch übernahm, wandte er sich an uns und begann umgehend, dieses Thema mit uns zu erörtern. Ich sehe darin einen großen Wandel in der Haltung der Kirche zu dieser Problematik.“

Jan Graubner | Foto: Zuzana Jarolímková,  iROZHLAS.cz

Přibyls Vorgänger Jan Graubner war noch wegen Untätigkeit kritisiert worden. Laut seinem Nachfolger lernt die tschechische katholische Kirche nun allmählich, mit dem Problem umzugehen, und benötigt dabei Unterstützung von außen:

„Da wir im Bereich Therapie und Opferhilfe nicht kompetent sind, müssen wir nach Mitarbeitern und Personen suchen, die uns Feedback geben können.“

Der Verein Někdo Ti uvěří bearbeitet jährlich Dutzende von Fällen, wie Geschäftsführerin Anna Ptáčková erläutert:

„Nicht alle Betroffenen wurden nur im kirchlichen Umfeld missbraucht. Manche unserer Klienten sind gläubig, haben aber etwa in ihrer Familie Missbrauch erlebt, und die spirituelle Dimension spielt für ihren Heilungsprozess eine wichtige Rolle. Sobald ein Fall die Kirche betrifft, gehen wir ihm nach.“

Weitere Fälle würden an andere Organisationen verwiesen, ergänzt Ptáčková.

Erzbischof Stanislav Přibyl kündigte am Dienstag außerdem an, dass die Tschechische Bischofskonferenz in diesem Jahr einen Bericht über die Zahl der Missbrauchsfälle durch Kirchenvertreter veröffentlichen wird.

Autoren: Markéta Kachlíková , Sára Adamcová
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