2. Gefangen in der Ideologie: Radio Prag als kommunistisches Propagandainstrument

1969 – 1972 Normalisierung. Die sowjetische Besatzung zerstörte jede Hoffnung auf einen Wiederbelebungsprozess in der Tschechoslowakei und die Möglichkeit, dass der Tschechoslowakische Rundfunk frei senden kann.

Gleich nach Ende des Zweiten Weltkriegs nahm der Auslandssender des Tschechoslowakischen Rundfunks seinen Betrieb wieder auf. Die Hoffnung auf unabhängige journalistische Arbeit dauerte aber nur kurz. Nach der kommunistischen Machtübernahme entwickelte sich Radio Prag zu einem Instrument der Propaganda – und behielt diesen Charakter bis zur Samtenen Revolution bei.

Hilary Adair Marquand | Foto: National Portrait Gallery,  London

Anfang des Jahres 1947 sendete Radio Prag in 18 Sprachen in die ganze Welt. Die Tschechoslowakei bemühte sich zu dem Zeitpunkt noch, ihre Diplomatie in alle Richtungen zu betreiben. Dies belegt etwa eine Aufnahme des britischen Ökonomen und Labour-Politikers Hilary Adair Marquand. Für Radio Prag zeigte er sich von der Erneuerung nach dem Krieg begeistert, versprach britische Lieferungen von Wolle sowie Baumwolle und blickte mit Optimismus auf die Möglichkeiten der Handelsbeziehungen.

Von der Freiheit zur Linientreue

Arnošt Lustig | Foto: Profimedia

Die Nachkriegshoffnungen waren aber nicht von langer Dauer, und Radio Prag verwandelte sich zu einem reinen Propagandainstrument der Kommunisten. Dabei sahen junge Journalisten, wie zum Beispiel der Schriftsteller Arnošt Lustig, zu Anfang ihre Arbeit noch als ein tiefes Bedürfnis menschlicher Brüderschaft. Für sie war es auch erfüllend, entfernte Hörer ansprechen zu können. Doch die Leitung des Senders hatte andere Ziele.

Der damalige Direktor der Auslandssendungen, Vladimír Vipler, sprach ganz offen über den tatsächlichen Zweck von Radio Prag als einen ideologischen. Die Radiowellen sollten eine Bastion sein im Kampf gegen die soziale Ungerechtigkeit und die „Wahrheit“ dorthin bringen, wo die sozialistische Gesellschaftsordnung unter Beschuss antikommunistischer Angriffe stand.

Nach dem Krieg wurde beim Tschechoslowakischen Rundfunk ein Monitoringdienst eingerichtet,  der im Nationalhaus im Prager Stadtteil Karlín arbeitete.  | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

Zwei unterschiedliche Welten

Radio Prag zielte auf zwei unterschiedliche Hörerschaften und sprach diese mit jeweils einer eigenen Strategie an. Dazu der Rundfunkhistoriker Tomáš Pánek:

Tomáš Pánek | Foto: Khalil Baalbaki,  Tschechischer Rundfunk

„Ein Teil des Programms war für die Länder im sowjetischen Einflussbereich bestimmt, mit dem Ziel, die Freundschaft auf der Grundlage sozialistischer und kommunistischer Werte zu festigen. Es wurden die sogenannten ‚fortschrittlichen Traditionen‘ wie zum Beispiel die gemeinsamen Arbeiterkontakte populär gemacht. Das Programm für Westeuropa und Amerika sollte ein Gegengewicht sein zur dortigen antisozialistischen Propaganda und gleichzeitig versuchen, die Hörer in diesen Ländern für die Ideen des Kommunismus zu gewinnen.“

Der frühere Leiter der deutschsprachigen Redaktion, Bedřich Utitz, beschrieb diese Vorgabe für das Zeitzeugenprojekt „Paměť národa“ (Gedächtnis der Nation): Man sollte Westdeutschland von den Vorteilen des kommunistischen Regimes überzeugen und das Leben im Osten Europas als das bessere darstellen.

Politisch unzuverlässige Redakteure

Bedřich Utitz | Foto: Radio Prague International

Paradox war jedoch, dass nach dem kommunistischen Umsturz von 1948 gerade jene Rundfunkmitarbeiter in die Auslandssendungen abgeschoben wurden, die politisch eher als unzuverlässig galten: Ausländer, Teilnehmer am Widerstand gegen Hitler im Westen oder Mitarbeiter jüdischer Herkunft. So trafen sich bei Radio Prag etwa Lisa Londonová, Arnošt Lustig, Bedřich Utitz, André Simon und Bedřich Geminder. Die beiden Letztgenannten wurden nach dem Schauprozess gegen Rudolf Slánský sogar hingerichtet.

Dennoch erfreuten sich die Auslandssendungen des Tschechoslowakischen Rundfunks starker staatlicher Unterstützung. In einer Wochenschau von 1961 rühmte man sich damit, täglich mehr als 35 Stunden Programm in elf Sprachen zu erstellen, inklusive Arabisch und Esperanto.

Die Macht der Zensur

Alle Auftritte in den Sendungen von Radio Prag unterlagen einer strengen Kontrolle. Häufig mussten Texte, die die tschechische Zentralredaktion vorgab, einfach sklavisch übersetzt werden. Wie Antonio Cassado aus der spanischsprachigen Redaktion sagte, war dabei die Äußerung der eigenen Meinung undenkbar. Und der frühere Redakteur Karel Wichs beschrieb den Prozess der Zensur:

Antonio Casado | Foto: Daniel Ordóñez,  Radio Prague International

„Wenn man eine Meldung geschrieben hatte, wurde sie anschließend in die Sprachen übersetzt. Wichtig war also der Text auf Tschechisch. Das Blatt mit der Meldung kam in ein Fenster, wurde gestempelt, dann wurde geklingelt, das Fenster öffnete sich. Der Zensor – oder Inspektor, wie man sagte – las sich die Meldung durch, stempelte sie, und erst dann durfte ich sie an die einzelnen Redaktionen verteilen.“

Václav Richter, bis heute Mitarbeiter von Radio Prag International, bezeichnet diesen Prozess als ein Zusammenspiel von Zensur und Selbstzensur. Wurde die Linie überschritten, folgten die Strafen auf den Fuß. Das bestätigte etwa Bedřich Utitz. Weil er einen positiven Text über den damaligen Berliner Oberbürgermeister Willy Brandt geschrieben hatte, wurden sechs leitende Redakteure fristlos entlassen.

Foto: e-Sbírky,  Nationalmuseum - Muzeum Komenského v Přerově,  CC BY-NC-SA 4.0 DEED

Wenige Aufnahmen im Archiv erhalten

Tonbandgeräten | Foto: Tschechischer Rundfunk

Zwar wurde ausschließlich vom Tonband gesendet, aber die Bänder wurden immer wieder gelöscht und überspielt. Daher sind viele Aufnahmen der Auslandssendungen nicht erhalten. Eine der Ausnahmen ist jedoch etwa ein Kommentar des Redakteurs Karel Šimon aus der Sendung „Lebendige Worte“ von 1979, der sich mit einem damals aktuellen Thema beschäftigte: der Formung des sozialistischen Menschen.

Von Zeit zu Zeit waren auch einfache, menschliche Worte zu hören. Wie der Gruß eines gewissen Jožko Rybár aus Dětva an seinen Freund Martin Adamec in den USA zu Weihnachten 1964:

Rundfunktechnik in den 70er Jahren | Foto: Tschechischer Rundfunk

„Wenn du kommst, dann werden wir uns unterhalten, denn wir haben uns bereits ein bisschen vergessen. Ich bin schon älter, du bist auch schon älter geworden, aber wenn du kommst, habe ich dir eine sehr schöne Fujara vorbereitet, so wie ich sie im Radio gehört habe – ich werde sie dir mit einer ähnlichen Stimme vorspielen. Wir werden auch spielen und singen, so wie wir es immer getan haben, wenn wir zusammen durch Dětva gegangen sind. Also wünsche ich dir und deiner Familie von ganzem Herzen frohe, glückliche Feiertage und deinen Besuch in Dětva, bei dem wir uns dann wiedersehen.“

Autor: Jaromír Marek
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