Über Nachwuchs und Nachhaltigkeit im Kino: Produzent Dirk Decker in der Proxima-Jury von Karlsbad

Die Jurymitglieder Jakub Felcman, Estrella Araiza, Devika Girish, Marija Kavtaradze und Dirk Decker

Das Internationale Filmfestival Karlovy Vary vergibt seine begehrten Kristallgloben nicht nur im Hauptwettbewerb. Mit der Sektion Proxima bietet das Festival eine eigene Bühne für progressives, mutiges Weltkino. Mittendrin in der Jury ist auch der Hamburger Produzent Dirk Decker. Mit seiner Firma Tamtam Film holt er regelmäßig eigenwillige Spiel- und Dokumentarfilme auf die Leinwand. Wie blickt ein Entdecker von Nachwuchstalenten auf den Wettbewerb?

Neue Stimmen und mutiges Kino

Dirk, du bist als Mitglied der Proxima- Jury in Karlsbad. Was prägt diese Sektion? Was unterscheidet den Proxima-Wettbewerb vom Hauptwettbewerb des Festivals?

Jurymitglieder  (von links): Dirk Decker,  Jakub Felcman,  Estrella Araiza,  Marija Kavtaradze,  Devika Girish | Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary

„Im Proxima-Wettbewerb geht es im Wesentlichen darum, neue Stimmen zu entdecken. Die Sektion richtet sich an junge Filmemacherinnen und Filmemacher, die hier ihre ersten oder zweiten Werke präsentieren. Gesucht werden innovative Stimmen, die sich durch ungewöhnliche Erzählweisen vom Gewohnten abheben. Genau das macht die Arbeit für mich so spannend: der direkte Blick auf die neuen Talente.“

In diesem Wettbewerb kämpfen zwölf Streifen um den Kristallglobus. Verbindet sie etwas?

„Das kann ich jetzt noch schwer einschätzen, da das im Grunde erst gestern begonnen hat und wir in der Jury gerade die ersten zwei Filme gesehen haben. Ein klares Bild und den roten Faden der Programmauswahl werde ich wohl erst im Laufe der nächsten Tage erkennen. Genau das interessiert mich aber besonders: zu sehen, wie die Filme miteinander harmonieren und mit welcher Vision die Veranstalter diese Sektion zusammengestellt haben. Es ist ein echtes Privileg, als Jurymitglied die Chance zu haben, alle Filme dieser Sektion als Ganzes zu sehen.“

Vom Wettbewerbsdruck zur Jury-Perspektive

Du warst schon letztes Jahr in Karlsbad, und zwar mit dem Film „Regen fiel auf nichts Neues“, der hier präsentiert wurde. Wie unterscheidet sich das Festivalerlebnis als jemand, der im Rennen ist, und jemand, der als Juror entscheidet?

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Letztes Jahr war ich zum ersten Mal in Karlovy Vary, und es war ganz toll. Es war ein wahnsinnig professionelles Festival, ein sehr warmes Festival. Die Menschen sind sehr unterstützend, und es war wirklich eine Freude, hier den Film zu zeigen. Letztes Jahr war es natürlich mit einer größeren Nervosität verbunden. Alles war auch noch neu, und wir waren mit einem großen Team hier. Dieses Jahr ist es sehr viel ruhiger, entspannter. Es ist auch sehr schön, nicht mit so einem Druck herzukommen, sondern wirklich die Zeit im Kino und in der Stadt zu genießen. Wir haben einfach viel Zeit, die wir hier in Karlovy Vary verbringen. Das Festival ist wahnsinnig toll und die Region auch irre schön. Ich genieße das sehr hier.“

Ich stelle mir vor, dass ein Filmproduzent allem Drehbücher liest. Jetzt in der Jury, als Jurymitglied, schaust du dir die fertigen Filme an. Wie ändert sich die Perspektive?

„Es ist natürlich schon eine ganz andere Perspektive, aber keine ungewohnte, weil ich ja als normaler Filmschauender oft in einer ähnlichen Rolle bin. Jetzt ist es insofern anders, dass man noch einmal genauer hinschaut und sieht, wie gelungen das ist und ob das Ziel der Regisseurin, des Regisseurs so aufgegangen ist. Es geht gar nicht so sehr darum, den perfekten Film zu finden, sondern mehr zu schauen, ob diese Stimme, die dort etwas sagen wollte, wirklich wirksam wird.“

Dirk Decker | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Du hast gesagt, es gehe im Proxima-Wettbewerb vor allem um neue Stimmen im Kino, um progressive und mutige Filmarbeit und auch um Debüts. Da sehe ich eine gewisse Gemeinsamkeiten mit der Produktionsfirma Tamtam, die du in Hamburg betreibst. Auch diese Produktionsfirma konzentriert sich auf die Unterstützung von Newcomern. Was reizt dich an dieser Zusammenarbeit am meisten? Und ist das vielleicht für einen Filmproduzenten ein Risiko?

„Was mich und uns bei Tamtam an Debütstoffen reizt, ist dieses Suchen nach jungen Stimmen, nach neuen Sichtweisen auf die Welt. Ich finde das sehr reizvoll, dass man den Filmschaffenden quasi die ersten Schritte ermöglicht. Wir verstehen uns als Produzenten auch als ‚Ermöglicher‘ des Einstiegs in diesen Bereich. Und gleichzeitig ist es sehr bereichernd, eine junge Perspektive auf die Welt und auf die Zeit zu erleben. Wir machen das schon lange mit den Debütstoffen und machen das auch weiter sehr gerne und mit viel Leidenschaft.“

Was muss ein Drehbuch haben, damit du zusagst, damit du dich entscheidest: Ja, diesen Film will ich produzieren?

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Das ist oft ein Zusammenspiel sowohl aus dem Buch als auch aus der Vision und dem Thema des Filmschaffenden, was ausschlaggebend ist. Wir gucken eigentlich nicht nur auf dieses Buch, sondern tatsächlich auch, ob das, was dahinterliegt, Substanz hat. Etwa ob große Fragen aufgemacht werden, Fragen der Zeit. Eine gewisse Aktualität ist uns wichtig, und eine Originalität in der Herangehensweise ist für uns auch sehr entscheidend.“

Grünes Erzählen und respektvoller Umgang

Die Produktionsfirma Tamtam ist bekannt für ihr Engagement im Bereich der Nachhaltigkeit. Diese war von Anfang an das Credo. Was bedeutet das konkret?

Foto: Tamtam Film / FB

„Nachhaltigkeit sehen wir schon ein bisschen größer gefasst. Es bedeutet für uns auf der einen Seite die ökologische Nachhaltigkeit – dass wir in unseren Produktionen auf der einen Seite darauf achten, den ökologischen Fußabdruck gering zu halten und ökologisch zu produzieren. Das machen wir eigentlich auch schon seit der Gründung der Firma vor zwölf Jahren. Wir schauen zunehmend auch, dass wir diesen ökologischen Gedanken in die Geschichten hineinbekommen – dass wir uns Gedanken machen über Green Storytelling und beispielsweise darauf achten, dass die porträtierten Menschen sich nachhaltig verhalten. Und auf der anderen Seite verstehen wir Nachhaltigkeit ebenso in Bezug auf den Umgang miteinander, mit dem Team, mit uns in der Firma – dass wir uns da darum bemühen, möglichst respektvoll und offen mit den Menschen zu kommunizieren, mit denen wir arbeiten.“

Wo machen Filmproduktionen oder die Filmcrews in diesem Bereich die größten Fehler? Gibt es eine Empfehlung, eine Veränderung, die man vielleicht ganz einfach umsetzen kann?

„Ich glaube, es ist schon etwas, was sich gerade in der Branche grundsätzlich etabliert und durchsetzt. Wir haben da sicherlich früh damit angefangen, aber mittlerweile gibt es ja verschiedenste Standards, auch in Bezug zu einem respektvollen Umgang, sei das die Intimacy-Beratung oder das Sensitivity-Reading. Ich glaube, die Branche ist mittlerweile schon auf einem guten Weg. Und ja, ich kann nur alle ermutigen, diesen Weg weiterzugehen und sich da nicht beirren zu lassen. Weil ich glaube, dass wir am Ende alle davon auch profitieren.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Zum Abschluss nochmal zum Festival in Karlsbad. Dieses feiert in diesem Jahr sein 60. Jubiläum. Was macht es für dich besonders im Vergleich zu anderen Festivals, bei denen du schon warst?

„Ich glaube, der Fokus auf osteuropäische Stoffe ist schon besonders. Das Festival hat einfach eine wahnsinnig lange Tradition. Und die Lage sowie die Freundlichkeit, die Aufgeschlossenheit sind schon sehr besonders. Ebenso dass die Stadt Karlsbad dann im Rahmen des Festivals so wahnsinnig lebendig wird – man hat den Eindruck, dass die ganzen Studierenden aus Prag hier sind und die Stadt bevölkern. Überall sind Bands, die spielen, und es ist wahnsinnig lebendig draußen in der Stadt bis spät in die Nacht. Das macht es schon zu einem Erlebnis, hier zu sein.“

Die Jurymitglieder Estrella Araiza,  Devika Girish,  Dirk Decker,  Marija Kavtaradze und Jakub Felcman | Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary
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