Weltpremiere in Karlsbad: Die unsichtbare Armut in der vermeintlich perfekten Schweiz
Als erster Schweizer Film überhaupt konkurriert das Drama „A Happy Family“ im Hauptwettbewerb des Internationalen Filmfestivals Karlovy Vary. Die Handlung folgt der zweifachen Mutter Niki, die trotz zweier Jobs kaum den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder bestreiten kann. Nach einem Küchenbrand, den die Kinder unbeaufsichtigt auslösen, greifen die Schweizer Behörden ein und bringen die Geschwister in eine Pflegefamilie am anderen Ende des Landes. Trotz eines strikten Verbots fasst Niki den Entschluss, auf eigene Faust ihre Kinder zu suchen. Am Rande des Festivals in Karlsbad hat RPI die Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin Anna Schinz sowie den Regisseur Jan-Eric Mack zu einem Gespräch getroffen.
Schweizer Film erstmals im Hauptwettbewerb
Mit mir am Mikrofon sind Anna Schinz und Jan-Eric Mack, die ihren Film „A Happy Family“ zum Internationalen Festival nach Karlsbad mitgebracht haben. Es handelt sich um den allerersten Spielfilm aus der Schweiz, der hier im Hauptwettbewerb aufgeführt wird. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie da sind?
Mack: „Wir durften unseren Film im Work-in-Progress-Format schon beim Les Arcs Film Festival vorstellen. Und dabei haben wir unter anderem auch Karel Och (Programmleiter des Filmfestivals in Karlsbad, Anm. d. Red.) kennengelernt, der Interesse hatte, unseren Film zu sehen. Das war eigentlich der Anfang dieser Reise.“
Kommen wir zum Film selbst. Was hat Sie dazu inspiriert? Anna, Sie haben das Drehbuch geschrieben, Jan-Eric, Sie haben die Regie geführt…
Schinz: „Als Corona ausgebrochen war, wurde die Armut in der Schweiz zum ersten Mal sichtbarer. Es gab Schlangen an Essensausgaben, und dieses Bild hat uns so berührt, dass wir unbedingt dem auch systemischen Problem auf den Grund gehen wollten. Ab dieser Initialzündung haben wir angefangen, über das Thema ‚Working Poor‘ in der Schweiz zu recherchieren, und wollten dann darüber einen Film machen.“
Sie sagen ‚Working Poor‘, wovon erzählt also der Film?
Mack: „Der Film erzählt von Niki, einer alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern. Sie arbeitet in einer Industriewäscherei, also einem Schichtbetrieb-Job, der sehr anstrengend ist. Sie versucht mit dem wenigen Geld, das sie verdient, über die Runden zu kommen, macht zeitgleich auch eine Weiterbildung und arbeitet, um ihre Schulden abzuzahlen, ebenso nachts schwarz in einem Club. Das alles führt zu einer überforderten Situation, sowohl für sie, als auch für die ganze Familie.“
Mutterliebe trotz Verbot
Sie sprechen vom Bild der Armut, das während der Corona-Pandemie sichtbarer wurde. Wie haben Sie dann für den Film recherchiert? Hat Niki vielleicht ein reales Vorbild?
Mack: „Die Geschichte ist fiktional, aber wir haben verschiedene alleinerziehende Mütter getroffen, die von Armut stark betroffen sind. Und ‚Working Poor‘ heißt ja, dass es viele Leute gibt, die eigentlich Vollzeit arbeiten, sehr beschäftigt sind und trotzdem nicht über die Runden kommen. Wir haben in der Recherche gemerkt, dass es sehr viele Betroffene in der Schweiz gibt, die unsichtbar bleiben. Das hat auch mit Scham zu tun und damit, dass man über Geld und Geldsorgen nicht spricht. Gleichzeitig wollten wir die andere Seite beleuchten, also die der Behörden, die eingreifen, wenn etwas nicht mehr funktioniert. Zum Beispiel ist das das Betreibungsamt, wenn es um Schulden geht, oder die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde, wenn es zur Überlastung kommt.“
Für welches Publikum ist der Film eigentlich gedacht: für die Zuschauer in der Schweiz oder im Ausland? Was für ein Bild von der Schweiz bekommen die Zuschauer dann?
Mack: „In erster Linie haben wir natürlich die Perspektive der SchweizerInnen, wenn wir erzählen. Wir haben den Film so machen wollen, dass wir ein breites Spektrum an Publikum erreichen können. Weil wir denken, dass ein Film politisch ist, wenn er eben auch die Leute erreicht, die nicht so denken, wie wir denken. Das ist es in Bezug auf die Schweiz. Und international, glaube ich, gibt es ein sehr klares Bild von der Schweiz als sehr wohlhabendes Land ohne Probleme. Die Schweiz ist ein extrem privilegierter Ort. Gleichzeitig gibt es eben auch die Kehrseiten, die wir beleuchten wollen – ebenso für Leute im Ausland, um zu zeigen, dass eben nicht alles glänzend ist, selbst in der Schweiz.“
Privatleben und Set-Arbeit vereint
Sie sind sowohl privat als auch in der Arbeit ein Paar. Wie funktioniert so die Zusammenarbeit?
Schinz: „Das ist ein großes Glück. Wir sind schon sehr lange zusammen, zwölf Jahre oder so. Ich glaube, ein Teil unserer Beziehung ist unsere Arbeit. Wir tauschen uns viel über Filme aus. Und wir lieben das Filmemachen. Aber genauso lieben wir auch unser Privatleben. Es geht alles Hand in Hand.“
Mack: „Was die Arbeit betrifft, finde ich es einfach ein großes Privileg, dass wir sehr unterschiedliche Blicke auf Filme und beim Filmemachen haben – Anna als Schauspielerin und ich als Regisseur. Das gibt uns die Möglichkeit, diese beiden Seiten zu diskutieren. Auch in der Herangehensweise ist das etwas, was uns immer geholfen hat. Und klar, wir haben auch eine Familie mit Kindern und unsere Alltagsaufgaben, die wir gemeinsam lösen müssen. Das ist eine interessante Kombination. Wir sind beide sehr arbeitsliebende Menschen, und gleichzeitig ist die Familie für uns emotional ein wichtiges Zentrum.“
Anna, Sie haben zwei Perspektiven in diesem Film, zunächst als Drehbuchautorin, dann als Schauspielerin. War es schwierig, die Perspektive, die Rolle zu wechseln?
Schinz: „Ja, ich habe sehr lange aus der analytischen Perspektive an diesem Projekt gearbeitet, als Drehbuchautorin mit den Co-Autoren Nikita Afanasjew, Eva Kienholz und auch Janni. Je näher der Dreh kam, umso mehr habe ich versucht, mich wieder auf den emotionalen Standpunkt zu beziehen, mich komplett auf diese Figur einzulassen und auch ein bisschen alles zu vergessen, was ich eigentlich selbst geschrieben habe, was die Figur auch nicht wissen soll. Ich glaube, meine Vorbereitung war ein Loslassen von allem.“
Bedeutet das, dass für das Spielen das Emotionale am wichtigsten ist?
Schinz: „Ich versuche, beim Spielen immer im Moment zu sein, zuzuhören und präsent zu sein. Und mich auf diese emotionale Reise einzulassen, die da geschrieben wurde. Ich habe mich einfach auch treiben lassen mit meinen wundervollen KollegInnen, mit den zwei tollen Kinderdarstellern, die wir hatten. Ja, manchmal kann ich schwer in Worte fassen, was es ist oder braucht. Aber ich glaube, wenn man einfach da ist und sich darauf einlässt, dann entfaltet sich das.“
Ein Mix der Genres
Sie sprechen von den Kinderdarstellern, die die Schlüsselrollen in dem Film spielen. Wie war die Arbeit mit den Kindern?
Schinz: „Es war eine sehr inspirierende Arbeit, bei der ich auch viel gelernt habe. Insgesamt 18 Drehtage haben die Kinder mit uns verbracht. Das ist eine lange Zeit, und es waren sehr wichtige Rollen. Sie haben mich wirklich auch gelehrt loszulassen. Da kann man nichts planen und machen, man muss offen sein für das, was sie einem bieten.“
Und für Sie als Regisseur, wie war es, die Kinder anzuleiten?
Mack: „Für mich war wichtig, dass wir erst einen sicheren Raum schaffen, damit sie uns vertrauen. Wir haben natürlich unterschiedliche Aufgaben. Anna nimmt sie in der Figur der Niki mit in die Situation, in die Szenen. Wir haben uns so vorbereitet, dass sie da reingehen können und sich dabei wohlfühlen, auch wenn es emotional ist. Das hat vor allem mit der Vorbereitung zu tun. Und klar ist meine Aufgabe, dann auch ganz aufmerksam zuzusehen, was passiert, welches die Chancen sind, was angeboten wird. Ich meine, bei den Kindern ist nicht nur die Intuition einfach fantastisch. Ich finde auch, dass bei ihnen die Zustände – Müdigkeit, Überforderung oder keine Lust mehr zu haben – einfach sehr direkt herauskommen. Ich glaube, man kann nicht anders als sie zu umarmen. Dann funktioniert es.“
Welches Genre haben Sie für dieses Drama gewählt?
Mack: „Wir haben uns für einen Genre-Mix entschieden. Wir wollten sehr intuitiv, einfach aus der sehr klaren Monoperspektive der Hauptfigur erzählen und die Geschichte erleben. Wir starten fast als Sozialdrama, diese Annahme wird dann über den Haufen geworfen, und wir haben Thriller-Elemente eingebaut, die einfach daraus entstehen, dass diese Hauptfigur sehr radikal agiert, weil sie ihre Kinder wiedersehen möchte. Und daraus entstehen die Spannung, aber auch sehr groteske Situationen, die eben plötzlich etwas Humorvolles haben. Wir wollten, dass es einfach in alle Richtungen umschlagen kann, dass man irgendwie lachen und weinen kann und dass diese Emotionen plötzlich ganz nah beieinanderstehen.“
„A Happy Family“ hat hier in Karlsbad gestern seine Weltpremiere erlebt. Wie war es, den Film zusammen mit den Zuschauern zu sehen?
Mack: „Für uns war es natürlich ein unglaubliches Gefühlschaos, wir waren berührt, wir waren überfordert, wir waren sehr nervös. Denn es ist einfach ein sehr diffiziler Moment, in dem wir unser, ich würde sagen, fast drittes Kind loslassen und dem Publikum übergeben. Ich glaube, das ist auch dieser tolle Moment und was das Kino macht, wenn man gemeinsam einen Film guckt. Das erste Feedback ist ja dann nonverbal, man spürt den Saal, man merkt zum ersten Mal, wo und wie das Publikum reagiert, zum Teil ganz anders, als wir das erwartet oder gehofft haben. Und in diesem Sinne war es eine emotionale Achterbahn.“
Emotionale Rückkehr nach Tschechien
Schinz: „Für mich war es auch persönlich besonders: Denn 1968 kamen meine Mutter und Großmutter aus Prag in die Schweiz, sie sind emigriert. Jetzt in ihr Heimatland zurückzukommen, wo ich auch meine Wurzeln habe, und das mit dem tschechischen Publikum zu teilen, fand ich unglaublich. Da haben sich Kreise geschlossen, von denen ich nie gedacht habe, dass das passieren wird.“
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