3. Mikrofone gegen Panzer: Radio Prag erlebt seinen dramatischsten Sommer
Der Prager Frühling öffnete den Auslandssendungen des Tschechoslowakischen Rundfunks die Tür in die Welt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sprachen die Redakteure offen, Hörer schrieben Tausende von Briefen, und die Welt interessierte sich für das Geschehen in der Tschechoslowakei. Doch einige Monate später berichteten Reporter aus einer geheimen Villa in Nusle, während draußen vor dem Hauptgebäude die Ketten sowjetischer Panzer rasselten. Im heutigen Teil der Serie bringen wir die Aussagen einiger Zeitzeugen, die damals am Mikrofon waren.
Die zweite Hälfte der 1960er Jahre brachte der Tschechoslowakei eine Phase der politischen Entspannung, die auch die Auslandssendungen erfasste. Der Rundfunk begann, sich der Welt zu öffnen, und die Welt begann, sich für uns zu interessieren. Auch Radio Prag konnte freier berichten, und der Tonfall begann sich zu wandeln –wenn auch nur langsam.
Der Wendepunkt kam im März 1968, als das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei die Zensur abschaffte. Pavla Jazairiová war damals Redakteurin in der französischen Redaktion und erínnert sich:
„Der Prager Frühling, das war eine herrliche Zeit. Plötzlich erschienen neue Zeitungen, wir sahen uns italienische Filme an und sprachen offen über alles.“
Die Hörer reagierten umgehend. Begeisterte Zuschriften trafen aus Europa und den Vereinigten Staaten ein, während die Reaktionen aus Afrika und Lateinamerika eher verlegen waren – das dortige Publikum war einen eindeutigeren ideologischen Ton gewöhnt.
Mit noch größerer Sorge betrachteten die kommunistischen Führungskräfte in den Nachbarländern die Änderungen. Der ostdeutsche Staats- und Parteichef Walter Ulbricht ließ sogar Störsender gegen die tschechoslowakischen Sendungen einsetzen.
„Ich habe seine Erklärungen auf Wunsch der Hörer wiederholt. Das hat sie am meisten geärgert“, merkte Bedřich Utitz, der damals die deutsche Redaktion leitete, Jahre später an.
Mikrofone als Zeugen der Okkupation
In der Nacht auf 21. August 1968 überschritten die Truppen des Warschauer Paktes die Staatsgrenze der Tschechoslowakei. Die Auslandssendungen befanden sich an vorderster Front. Es wurde live gesendet, ohne Vorbereitungen, oft unter Beschuss. Redakteur Karel Wichs erinnert sich:
„Der Leiter sagte uns, es seien nur Platzpatronen. Und in diesem Moment schlug eine Salve in der Decke über uns ein, und überall wirbelte Staub auf.“
Als die Okkupanten das Hauptgebäude des Rundfunks besetzten, kam eine unerwartete Hilfe: Italienische Kommunisten, die in Prag geheim ihre eigenen Sendungen betrieben hatten, boten ihren tschechoslowakischen Kollegen ihr Studio in einer Villa im Stadtteil Nusle an. Von dort aus wurden kurze Sendungen in fünf Sprachen ausgestrahlt, die in ganz Europa gehört wurden.
Die Sowjets ahnten nie, woher gesendet wurde.
„Einmal blieb ein Panzer vor der Villa stehen. Die Redakteure dachten, dass sie gefunden worden seien. Doch ein Soldat erleichterte sich nur an der Straßenecke“, beschreibt der Forscher Ulrico Bovo die Szene.
Rückkehr in den Rundfunk und der Anfang vom Ende
Nach zwei Wochen verließ die sowjetische Armee das Rundfunkgebäude. Die Redakteure kehrten in verwüstete Büros zurück, die Ausrüstung war geplündert, die Räume waren verdreckt. Dennoch wurde der Sendebetrieb wieder aufgenommen.
Die Atmosphäre wandelte sich jedoch rasch. Die Zeit der sogenannten „Normalisierung“ begann. Sie brachte die Rückkehr von Zensur, Loyalitätsüberprüfungen und Druck mit sich. Der Auslandsdienst wurde als ein „Nest der Konterrevolution“ bezeichnet.
„Wir mussten unterschreiben, dass wir dem Einmarsch der Armeetruppen zustimmen. Ich unterschrieb nicht und war eigentlich froh, dass ich entlassen wurde“, sagt Pavla Jazairiová.
Erfahrene Redakteure wurden durch „Lenins neue Jugend“ ersetzt – oft Menschen ohne Sprachkenntnisse, aber ideologisch verlässlich. Die italienische Sendungen wurden vollständig abgeschafft, unter anderem weil die Kommunistische Partei Italiens den Einmarsch verurteilt hatte.
Der lange Weg zurück
Ende der 1970er Jahre dienten die Auslandssendungen erneut als Propagandainstrument. Die Kommentatoren erläuterten den im Ausland lebenden Landsleuten, warum der Prager Frühling die „kommunistische Moral mit Füßen getreten“ hatte. Auf seinen nächsten Frühling musste Radio Prag bis 1989 warten.
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