Einmarsch des Warschauer Paktes 1968: Originalaufnahme des Rundfunks aufgetaucht und Gedenkakt
Vor 58 Jahren sind die Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei einmarschiert. Damit beendeten sie den Reformkurs des Prager Frühlings und unterwarfen das Land wieder dem Diktat aus Moskau. Jedes Jahr erinnert die höchste Riege tschechischer Politiker an dieses Ereignis mit einem Gedenkakt vor dem Rundfunkgebäude in Prag. Dieses Jahr ist außerdem eine bisher unbekannte historische Aufnahme vom Morgen des 21. August 1968 aufgetaucht.
Der 21. August 1968, um 7:45 Uhr am Morgen auf dem Balkon des Tschechoslowakischen Rundfunks. Der Redakteur Oldřich Unger beginnt mit seinem Aufnahmegerät zu dokumentieren, was sich vor dem Gebäude anspielt. Dort hat sich eine Menschenmasse versammelt, um die Soldaten des Warschauer Paktes an der Stürmung des Senders zu hindern. Die Lage ist äußerst angespannt, es wird geschossen. Die Rundfunkredakteure befürchten ein Blutbad und rufen die Menschen über die Sendungen dazu auf, Ruhe zu bewahren.
Rundfunkaufnahmen wurden gelöscht
Ungers 15-minütige Originalaufnahme hat der Tschechische Rundfunk vor einiger Zeit erhalten. Am Freitag wurde sie anlässlich des 58. Jahrestags des Einmarsches veröffentlicht. Dass es die Einspielung noch gibt, bezeichnet Peter Markovský aus dem Archiv des Tschechischen Rundfunks als wertvoll:
„Als Anfang der 1970er Jahre die sogenannte Normalisierung begann, betrachtete die Regierung praktisch alle Aufzeichnungen der Sendungen vom Einmarsch, die die Redakteure angefertigt hatten, als illegal. Deswegen wurden sie gelöscht. Die Aufnahmen, die wir heute im Archiv haben, stammen aus privaten Hinterlassenschaften.“
Der Redakteur war emigriert und hatte seine Aufnahme mitgenommen ins westliche Ausland.
Gedenkakt wird zur Kundgebung
Gerade vor dem Gebäude des Tschechischen Rundfunks in der Straße Vinohradská findet seit der politischen Wende von 1989 jedes Jahr der wichtigste Gedenkakt zum Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes statt. Am Freitag nahmen daran die höchsten Vertreter des Staates teil, also neben dem Präsidenten auch die Vorsitzenden beider Parlamentskammern. Sie legten Kränze nieder für die Opfer des Einmarsches. Tschechische Historiker sprechen von 137 Menschen, die in dem Zusammenhang ums Leben kamen.
Dieses Mal wurde der Gedenkakt zu einer Demonstrationsveranstaltung. Während einige der Zuschauer Staatspräsident Petr Pavel auspfiffen, skandierte eine große Menge seinen Namen. Pavel betonte unter anderem:
„Als Folge des Traumas könnten und sollten wir als Volk wachsamer und empfindsamer sein gegenüber den Tendenzen Russlands zu Aggression und Expansion. Und wir sollten vielleicht auch standfester sein gegenüber der Propaganda des Kremls.“
Präsident Pavel kritisiert Medienreform
Der Staatspräsident ging zudem auf die Lage des Rundfunks ein. Während 1968 sowjetische Soldaten mit Maschinenpistolen die Meinungsfreiheit bedroht hätten, vollziehe sich dies heute schleichend, sagte Pavel. Und er rief dazu auf, die Unabhängigkeit der Medien zu schützen. Damit kritisierte er die Pläne der Regierung, die Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr aus Gebühren, sondern aus dem Staatshaushalt zu finanzieren.
Abgeordnetenhauschef Tomio Okamura von der mitregierenden Rechtsaußenpartei „Freiheit und direkte Demokratie“ (SPD) reagierte in seinem Redebeitrag nicht auf Pavels warnende Worte. Unter den Unmutsbekundungen der Zuschauer ging er hingegen nur allgemein auf die Bedeutung des Tschechoslowakischen Rundfunks im August 1968 ein.
„Vor dem Rundfunkgebäude starben damals Menschen, die nicht gekommen waren, um mit der Waffe in der Hand zu kämpfen. Sie waren gekommen, um die Wahrheit zu verteidigen, die Meinungsfreiheit und das Recht eines Volkes, selbst über die eigene Zukunft zu entscheiden. Viele von ihnen zahlten dabei den höchsten Preis“, so Okamura.
Am Gedenkakt nahmen des Weiteren der Senatsvorsitzende Miloš Vystrčil (Bürgerdemokraten) teil, die Vizeregierungschefin und Finanzministerin Alena Schillerová (Partei Ano), Rundfunkintendant René Zavoral sowie Zeitzeugen und Vertreter der tschechischen Armee.







