„Kultur aus den Städten aufs Land bringen“: Das tschechisch-deutsche Fořtfest im Riesengebirge

Im kleinen Dorf Fořt im Riesengebirgsvorland beginnt am Freitag ein tschechisch-deutsches Festival, das Kultur, Architektur und Geschichte zusammenbringt. Fernab einer Bühne oder einem Konzertsaal werden Tanz, Theater und barocke Kompositionen zum Besten gegeben. Hinter dem „Fořtfest“ stehen Jula und Lea Murbach, die selbst in Fořt aufgewachsen sind. Ihr Ziel: Das Festival zu einer festen Größe auf der tschechisch-deutschen kulturellen Landkarte machen. Radio Prag International hat mit den beiden Schwestern gesprochen.

Der erste Jahrgang des tschechisch-deutschen „Fořtfests“ oder auch „Forstfests“ steht unmittelbar bevor. Wie kam es zu dieser Idee?

Foto: FOŘTFEST

Jula Murbach: „Wir kennen diesen Ort sehr gut, denn wir sind auf dem Gut Fořt aufgewachsen. Später sind meine Schwester und ich aber in verschiedene Richtungen gegangen: Lea studiert Architektur, ich Cello. Der Hof war weiterhin immer ein wichtiger Ort für uns, und so haben wir überlegt, wie wir die Bereiche, in denen wir tätig sind, verbinden könnten. Wir dachten uns, dass der Hof eine ideale Location für ein Festival wäre. Wir haben in der Vergangenheit bereits kleinere Projekte hier veranstaltet, zum Beispiel Kammermusikkonzerte. Nun bringen wir zum ersten Mal ein breiter gefächertes Kulturangebot nach Fořt.“

Jula und Lea Murbach | Foto: FOŘTFEST

Fořt ist ein relativ kleiner Ort im Riesengebirge, es leben dort nur einige Dutzend Menschen. Wie kann man sich dieses Dorf vorstellen? Und in welchen Räumlichkeiten findet das Festival statt?

Kirche in Fořt | Foto: FOŘTFEST

Lea Murbach: „Fořt gehört zur Gemeinde Černý Důl. Es ist ein Straßendorf in einem Tal. Es gibt dort etwa eine entweihte Kirche, darin wird eines der Konzerte stattfinden. Der Gutshof gehört zu einem Barockschlösschen, das der zentrale Standort für das Festival ist. Auch die Eröffnung wird sich dort abspielen. Und wir haben eine Reithalle, die als Konzertsaal genutzt werden kann.“

Konzert in der Reithalle | Foto: FOŘTFEST

Das Fořtfest dauert von Freitag bis Sonntag. Welches Programm habt ihr euch überlegt?

Peter Reuss | Foto: Archiv der deutschen Botschaft in Prag

Jula: „Am Freitag steht die Eröffnung an, für die auch der deutsche Botschafter in Prag, Peter Reuss, seine Teilnahme zugesagt hat. Er hat zudem die Schirmherrschaft über unser Festival übernommen. Anschließend folgt eine Performance mit Konzert in der Reithalle. Es wird sich dabei um eine Mischung aus klassischer Musik und zeitgenössischem Tanz handeln. Am Samstag gibt es einen kulturhistorischen Spaziergang mit einer Journalistin aus der Schweiz, die sich eingehend mit der Geschichte des Hofes in Fořt befasst hat. An dieser lässt sich beispielhaft das Schicksal des Sudetenlandes nachvollziehen. Am Nachmittag wird es eine Puppentheatervorführung geben und ein Festessen, bei dem das Publikum mit den Mitwirkenden ins Gespräch kommen kann. Am Abend steht ein Konzert des Kammerorchesters auf dem Programm, das eigens für das Festival gegründet wird. Es besteht aus jungen Musiker*innen aus Deutschland und Tschechien. Sie geben weniger bekannte, aber sehr tolle Werke von Leoš Janáček, Caroline Shaw und Mieczysław Weinberg zum Besten. Am Sonntag gibt es noch einen Brunch und dann ein Abschlusskonzert in der Kirche. Dabei erklingt Barockmusik, die das Ensemble Arc of Iris aus Bremen spielt.“

Ich kann mir vorstellen, dass in Fořt sonst kulturell nicht so viel los ist. Wie wichtig ist es euch, dass das Festival gerade dort stattfindet?

Foto: FOŘTFEST

Lea: „Wir wollen Kultur aus den großen Städten, in denen wir leben und studieren, in den ländlichen Raum bringen. Und wir finden es sehr spannend, klassische Musik oder Tanz in unkonventionellen Kontexten aufzuführen und neu zu interpretieren. Es muss eben nicht immer der klassische Konzertsaal mit Bühne und Zuschauerraum sein.“

Ihr seid ein tschechisch-deutsches Festival, das im ehemaligen Sudetenland stattfindet. Welche Rolle spielt die Geschichte dieses Ortes bei dem Festival?

Lea: „Uns ist die deutsch-tschechische Begegnung immer sehr wichtig. Unsere Familie hat zwar keinen sudetendeutschen Hintergrund. Aber unsere Eltern sind hier nach der Wende hingezogen und haben immer versucht, dieses Thema anzusprechen und offen darüber zu reden. Und das ist auch uns wichtig, gerade wenn es darum geht, diese Geschichte jungen Menschen näherzubringen. Wenn uns Freunde aus Deutschland besuchen, erzählen wir immer davon und besuchen den Friedhof, auf dem noch viele Gräber mit deutschen Namen sind.“

Foto: FOŘTFEST

Jula: „Zugleich ist es nicht unser Ziel, über die komplette deutsch-tschechische Geschichte aufzuklären, die ja sehr komplex ist. Aber es ist uns wichtig, dass sie erwähnt wird – vor allem beim kulturhistorischen Spaziergang. Wir sehen Fořt als Begegnungsort beider Länder und Kulturen. Diesen Austausch wollen wir mit unserem Festival unterstützen.“

Kamen eure Eltern von Deutschland nach Tschechien?

Lea: „Unser Vater ist nach der Wende als Berater für biologisch-dynamische Landwirtschaft hierhergegangen. Unsere Mutter stammt ursprünglich aus der Schweiz.“

Ist Fořt auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen? Und kann man beim Festival übernachten?

Foto: FOŘTFEST

Lea: „Man kann hier auch übernachten und sich ein Zelt aufstellen. Mit dem Auto ist Prag zwei Stunden entfernt – also gar nicht so weit weg. Und man kann ebenso mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. Die nächste Bushaltestelle ist nur 15 Minuten zu Fuß entfernt.“

Jula: „Weil wir uns im Riesengebirge befinden und in einem Skigebiet, gibt es hier natürlich auch diverse andere Unterkunftsmöglichkeiten. Wir finden für alle Anreisenden eine Lösung. Wenn jemand am nächsten Bahnhof abgeholt werden möchte, stellt auch das kein Problem dar.“

Schloss Fořt | Foto: FOŘTFEST

Was ist eure Vision für das Festival und für Fořt? Ihr wollt den Hof als tschechisch-deutschen Kulturort etablieren. Habt ihr dafür schon eine konkrete Vorstellung?

Foto: FOŘTFEST

Jula: „Eigentlich ist es ja jetzt bereits ein Ort der deutsch-tschechischen Begegnung. Und darauf können wir aufbauen. Natürlich ist die Frage, ob dieses Festival regelmäßig stattfinden soll. Das fänden wir einerseits schön, andererseits merken wir gerade, wie viel Arbeit damit verbunden ist. In jedem Fall haben wir sehr viel Unterstützung und Zuspruch bekommen und werden uns nach dem Festival zusammensetzen und überlegen, ob daraus eine Tradition werden soll. Darüber hinaus fände ich toll, wenn dieser Ort generell Künstler*innen zur Verfügung stehen würde – etwa im Rahmen von Residenzen. Die Umgebung hier ist einfach wunderschön, im Gegensatz zu städtischen Umgebungen gibt es hier viel Platz und Natur. Es ist ein toller Ort, an dem Kunst entstehen kann oder etwa Ensembles proben können. Ich denke, das könnte eine Richtung sein, in die sich das Ganze entwickelt.“

Das Fořtfest wird am Freitag um 17 Uhr eröffnet und dauert bis Sonntag. Das gesamte Programm findet sich online unter www.fortfest.cz/de. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei, Spenden sind aber erbeten.