Tschechien in Frankfurt: Der perfekte Rundgang durch den Buchpavillon an der Küste

Martin Krafl

Tschechien ist bekanntlich ein Land ohne Meer – und doch erfasst in diesen Tagen eine tschechische Literaturwelle die Buchwelt. Unter dem Motto „Czechia2026. Ein Land an der Küste“ präsentiert sich die Tschechische Republik als offizieller Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Wie dieses kreative Meer mitten in Frankfurt aussieht und warum die deutschen Verlage tschechische Bücher plötzlich ganz von alleine entdecken, darüber hat RPI mit dem tschechischen Projektleiter Martin Krafl gesprochen.

Czechia2026. Ein Land an der Küste

Herr Krafl, wenn ich sage, ‚Czechia 2026. Ein Land an der Küste‘, woran denken Sie als Erstes? Tschechien hat bekanntlich keine Meeresküste. Was symbolisiert dieses Meer für die tschechische Literatur?

„Für mich, und ich glaube für viele Autor:innen, literarische Übersetzer:innen und Verleger:innen, bedeutet das vor allem die Erfüllung eines riesigen Traums. Wir haben so lange davon geträumt, einmal Ehrengast der Frankfurter Buchmesse zu sein. Jetzt ist es so weit. Gleichzeitig ist es eine direkte Verbindung zu William Shakespeare und seinem ‚Wintermärchen‘. In Tschechien findet man fast alles, aber das Meer fehlt uns. Wenn wir aufbrechen, wollen wir meist zum Meer. Shakespeare hat uns jedoch gezeigt: Selbst wenn wir kein physisches Meer haben, gehören wir fest zum großen Ozean der Weltkultur und Weltliteratur. Ich hoffe, dass dieser Gastland-Auftritt der tschechischen Literatur dabei hilft, wieder ein fester Bestandteil davon zu werden.“

Foto: Pavel Němec,  Česko,  Frankfurtský knižní veletrh Čestný host 2026

Der „Poetische Leuchtturm“: KI trifft auf Lyrik

Lassen Sie uns die Besucher in den tschechischen Pavillon einladen. Auch seine Gestaltung greift das Thema der Küste auf. Können Sie uns den Raum beschreiben, den die Menschen im Forum 1 betreten?

„Auf der Frankfurter Buchmesse geht es natürlich um Bücher. Unsere Ausstellung stellt Bücher in der deutschen Übersetzung vor. Übrigens, wir haben bis zu heute mehr als 190 Neuerscheinungen in deutscher Sprache, was ein riesiger Erfolg ist. Dazu kommen wichtige Neuerscheinungen auf Französisch, Englisch und Spanisch. Gemeinsam mit der Buchmesse haben wir außerdem die Ausstellung ‚Books on Czechia‘ vorbereitet – das sind Bücher aus aller Welt, die sich mit Tschechien befassen. Wir haben auch die starke tschechische Kinderliteratur nicht vergessen, wobei die Bücher, die wunderschön illustriert sind, über ein Videomapping präsentiert werden.“

Die Besucher finden im Pavillon auch einen „poetischen Leuchtturm“…

„Das ist ein interaktives Element. Und dieser Leuchtturm wird die tschechische Literatur mithilfe des Publikums und Künstlicher Intelligenz in eine spielerische Installation verwandeln. Außerdem können Sie die Besucher:innen unsere Bühnen als Publikum besuchen. Wir haben für alle ein sehr breites Programm vorbereitet. Von Mittwoch bis Freitagmittag ist es eher in englischer Sprache und vor allem für das Fachpublikum. Und von Freitagmittag bis Sonntagabend haben wir das literarische Programm für die deutschsprachigen Leser:innen im Angebot.“

Wie wird das Publikum an diesem Leuchtturm interaktiv eingebunden?

„Jeder Besucher hat die Chance, zu diesem poetischen Leuchtturm zu gehen. Dort befindet sich ein Display, auf dem verschiedene Emotionen beschrieben sind. Wenn man eine Emotion auswählt, die der eigenen aktuellen Stimmung entspricht, und draufdrückt, passiert etwas… Mehr verrate ich aber noch nicht – die Besucher sollen ja selbst noch etwas zum Entdecken haben!“

75 Autor:innen und 190 Neuerscheinungen auf Deutsch

Dieser Tage reisen über 70 Autorinnen und Autoren aus Tschechien nach Frankfurt. Sie haben schon die 190 Neuerscheinungen erwähnt. Nach welchen Kriterien haben Sie diese Delegation zusammengestellt?

„Die Auswahl wurde von unserem 23-köpfigen Dramaturgischen Beirat nach langen Diskussionen getroffen. Wir hatten dafür sehr klare Kriterien: Die Autoren mussten eine literarische Neuerscheinung auf dem deutschsprachigen Markt im Zeitraum zwischen 2024 und 2026 vorweisen können. Der jeweilige deutschsprachige Verlag musste sich aktiv an der Bewerbung des Buches beteiligen und Veranstaltungen vor Ort mitorganisieren. Die Autoren mussten natürlich zusagen, persönlich nach Frankfurt zu reisen. Ausnahmen gab es für Autoren, die zwar keine deutsche Neuerscheinung hatten, aber wichtige internationale oder tschechische Literaturpreise gewonnen haben und in andere Sprachen übersetzt wurden. Insgesamt sprechen wir über 75 Delegationsmitglieder. Es sind aber noch mehr tschechische Autor:innen in Frankfurt! Wir haben zwei Jahre lang den Wettbewerb ‚Roman für Frankfurt‘ ausgeschrieben, für den wir überraschende 294 Manuskripte erhalten haben. Die drei Gewinnerinnen haben wir ebenfalls eingeladen. Zudem wurden einige Autoren direkt von ihren deutschen oder englischen Verlagen mitgebracht.“

Foto: Pavel Němec,  Česko,  Frankfurtský knižní veletrh Čestný host 2026

Die neue Generation: Von Leipzig nach Frankfurt

Gibt es bestimmte Genres oder Themen, auf die Sie bei dieser Buchmesse ein besonderes Schlaglicht werfen möchten?

„Wir stellen vor allem starke Stimmen und gesellschaftlich relevante Themen vor. Wir möchten Diskussionen über die mitteleuropäische Identität und die spürbare Instabilität der heutigen Zeit anstoßen. Uns ist es wichtig zu zeigen, dass hier eine neue Generation spricht. Wir konzentrieren uns auf Literatur, die seit 1993 geschrieben wurde. Die aktuellen 190 Neuerscheinungen sind größtenteils zwischen 2019 und 2025 in Tschechien entstanden. Man darf nicht vergessen, dass wir 2019 einen Gastlandaufritt in Leipzig hatten mit 80 Neuerscheinungen. Neben dem typisch tschechischen Humor, der Ironie und der Melancholie finden sich darin hochaktuelle Themen wie Ökologie oder das Leben von Minderheiten. Außerdem stellen wir Autoren aus anderen Kulturkreisen vor, die auf Tschechisch schreiben.“

Es handelt sich also um ganz aktuelle Texte, die auf ihre Übersetzung ins Deutsche nicht lange warten mussten. Das finde ich wunderbar.

„Da haben Sie vollkommen recht. Und was mich besonders freut: Bei diesem Ehrengast-Auftritt sind außergewöhnlich viele Debütanten mit dabei! Das war in Leipzig nicht der Fall. Beim damaligen Gastlandauftritt haben uns die deutschsprachigen Verlage erst entdeckt – das war das allererste Mal, dass wir so zusammengearbeitet haben. Da Leipzig aber so erfolgreich war, sind die Verlage für Frankfurt sicher geworden. Wir mussten sie dieses Mal gar nicht mehr kontaktieren, sie sind von selbst zu uns gekommen! Ich fand es schön, dass die Verlage den Mut hatten, die neuen Stimmen zu entdecken. Ja, es werden viele Debütant:innen in Frankfurt sein, natürlich mit nur einem einzigen Buch. Aber wir hoffen, dass genau diese neuen Stimmen hier entdeckt werden und ihren Weg weit über den deutschsprachigen Raum hinaus in andere Territorien der Welt finden.“

Kulturtipps abseits der Messehallen

Der Ehrengastauftritt beschränkt sich nicht nur auf das Messegelände, sondern es gibt auch mehrere Begleitausstellungen in Frankfurt. Was würden Sie davon besonders empfehlen?

„Oh, das ist eine wirklich komplizierte Auswahl! Wir haben insgesamt zehn Ausstellungen in Frankfurt am Main und in Offenbach. Wenn ich etwas wählen müsste, dann nenne ich zum Beispiel das Klingspor-Museum und eine fantastische Ausstellung über tschechische Bücher, Buchdesign und Illustrationen aus den Jahren 1920 bis 1925. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Kunstgewerbemuseum in Prag. Zusammen mit den Tschechischen Zentren wurde eine Wanderausstellung vorbereitet, die zeigt, wie radikal, experimentell und überraschend zeitgenössische tschechische Bilderbuchkunst sein kann. Sie ist im Städel-Museum in Frankfurt zu sehen. Im Deutschen Architekturmuseum werden 28 spannende Projekte der jungen Architektengeneration aus Tschechien präsentiert, vorbereitet in Kooperation mit der Nationalgalerie Prag. Ganz stolz sind wir auf die Ausstellung in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt, eine Einzelausstellung mit figurativen Skulpturen von Anna Hulačová. Sie feiert gerade überall in Europa Erfolge, ist in Deutschland aber noch unentdeckt. Ihre Skulpturen sind faszinierend beeinflusst von Surrealismus, Sozialistischem Realismus und tschechischer Volkskunst. Wer ökologische Themen mag, kann im Palmengarten die „Gartenutopien“ von Veronika Richterová bewundern, die mit PET-Flaschen arbeitet. Ganz toll ist die literarische Ausstellung im Haus am Dom, vorbereitet mit dem Literaturmuseum Prag. Sie widmet sich der  weiblichen Literatur aus Tschechien. Und im Museum für Kommunikation gibt es eine Ausstellung, vorbereitet von der Mährischen Landesbibliothek, mit dem Schwerpunkt ‚Samisdat. Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei zwischen 1939 und 1989‘. Diese Ausstellung erinnert übrigens auch an Václav Havel, der in unserem gesamten Messeprogramm stark vertreten ist, da er dieses Jahr seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte.“

Vielen Dank für diese Zusammenfassung. Vielleicht zum Schluss. Haben Sie einen konkreten Leitfaden oder Rat für einen Besucher? Wie fange ich am besten an oder wie soll ich vorgehen, um die tschechische Literatur in Frankfurt optimal zu erleben?

„Mein Rat ist ganz einfach: Setzen Sie sich zuerst in das Café direkt bei uns im Pavillon. Trinken Sie einen guten Kaffee, essen Sie eine traditionelle tschechische Süßigkeit und schauen Sie sich ganz entspannt um. Wählen Sie dann einfach eine Ecke im Pavillon als Startpunkt für Ihren Rundgang. Ich bin mir sicher: Jeder, der unseren Pavillon betritt, wird absolut erstaunt sein!“

Foto: Czechia2026 / ARTEO CZ / FB
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