Buch über Bücher: 100 Jahre tschechische Literatur von A bis Z

Danuše Siering

Das „Buch über Bücher“ will deutschen Leserinnen und Lesern die tschechische Literatur übersichtlich, verständlich und ansprechend den näherbringen. Insgesamt 30 tschechische Autorinnen und Autoren werden darin auf unterschiedliche Weise porträtiert. Die Publikation erscheint anlässlich des Gastaufritts Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober dieses Jahres, wurde aber bereits auf der Frühlingsbuchmesse in Leipzig vorgestellt. Welche Formen haben die Porträts? Wodurch ließ man sich inspirieren? Und wie wurde die Wahl der 30 Persönlichkeiten getroffen? Diese und weitere Fragen beantwortet Danuse Siering vom Verlag Black Swan Media. RPI hat sie bei der Leipziger Buchmesse vors Mikrophon gebeten.

Frau Siering, Sie haben hier an dem tschechischen Stand ein neues Verlagsprojekt vorgestellt. Worum handelt es sich?

Foto: Verlag Black Swan Media

„Wir bereiten für die Frankfurter Buchmesse ein Buch vor. Im ‚Buch über Bücher‘ stellen wir 30 tschechische Autoren vor, die man lesen sollte. Es handelt sich nicht um eine Enzyklopädie und keinen Kanon, sondern um das Interessanteste aus 100 Jahren tschechischer Literatur.“

Sie sagen, es sei keine Enzyklopädie und auch kein Kanon. Welche Form hat also das Buch? Sind es Einzelporträts?

Botschafter Tomáš Kafka | Foto: Tobias Koch,  Tschechisches Außenministerium

„Wir wollten die tschechische Literatur in einer Form zeigen, die für ein breiteres Publikum interessant ist. Wir wollten nicht nur eine Beschreibung des jeweiligen Autors und Auszüge aus seinen Büchern bringen. Das findet man bei uns selbstverständlich auch, aber ansonsten gibt es da Feuilletons, Essays, Fotostorys, Palindrome und Comics sowie  sehr ungewöhnliche experimentelle Formen, wie etwa das Buch der Gebrüder Forman, die als Theatermacher bekannt sind. Wir berichten zudem über ein Buch, das der ehemalige tschechische Botschafter in Deutschland, Tomáš Kafka, und Bernhard Schlink gemeinsam geschrieben haben, nämlich ein Theaterstück über Mitteleuropa. Bei uns finden Sie sowohl Klassiker als auch moderne, zeitgenössische und experimentelle Formen. Und uns war es sehr wichtig, dass sie auf leichte und spielerische Weise präsentiert werden.“

Gibt es auch Texte der jeweiligen Autoren, oder handelt es sich nur um Texte über sie und über ihre Bücher?

Foto: Verlag Black Swan Media

„Selbstverständlich finden sich dort auch Auszüge. Zum Beispiel gibt es im Buch Gedichte von Petr Hruška, Texte von Michal Ajvaz oder erst vor Kurzem entdeckte Handschriften von Jaroslav Hašek über den ‚Schwejk‘. Aber wie ich schon sagte, wir bringen zum Beispiel auch eine Fotostory. Bei Bohumil Hrabal zeigen wir sein Wochenendhaus in Kersko, in dem er seine Bücher geschrieben hat. Milan Kundera wird durch die Milan-Kundera-Bibliothek in Brünn präsentiert. Die Formen sind also sehr unterschiedlich. Mir lag am Herzen, nichts Langweiliges zu machen.“

Jetzt eine Frage, die vielleicht ganz am Anfang kommen sollte: Wie haben Sie die Auswahl getroffen, was das Interessanteste in der tschechischen Literatur ist?

Martin Krafl | Foto: Czechia2026 / FB

„Wir haben selbst eine Auswahl von rund 60 Autoren gemacht. Gemeinsam mit dem fachkompetenten Gasteditor Martin Krafl von der Mährischen Landesbibliothek haben wir dann diese Zahl dann auf 30 reduziert. Aber nicht in dem Sinne, wer besser oder schlechter ist, sondern in dem Sinne, dass wir da wirklich durch die 100 Jahre gehen und aus jeder Epoche einen Vertreter haben.“

Sie sprechen von 100 Jahren. Mit wem beginnt es also?

„Es fängt mit Čapek, Hašek, Nezval und Seifert an.“

Sie haben den Dichter des 20. Jahrhunderts Nezval erwähnt. Hat er auch als Inspiration für die Gestaltung des Buches gedient?

Foto: Databáze knih

„Auf jeden Fall. Vítězslav Nezval hat vor einhundert Jahren ein Buch geschrieben, das ‚Alphabet‘ heißt. An dem Buch haben mehrere Künstler zusammengearbeitet. Nezval schrieb dafür Vierzeiler, Karel Teige machte die Grafik, und es gibt da Fotografien einer Tänzerin. Gerade dieses Buch ‚Alphabet‘ diente uns als Vorlage, an die wir nach 100 Jahren anknüpfen möchten.“

Wer steht eigentlich hinter dem „Buch über Bücher“?

„Wir sind auf einer Seite ein ganz kleiner Verlag, aber auf der anderen Seite haben wir aber wirklich sehr professionelle Autoren, die für uns die Geschichten, Interviews oder Essays schreiben und vorbereiten. Wir arbeiten mit Journalisten, literarischen Journalisten, Fotografen und selbstverständlich auch den Verlagen zusammen, die die jeweiligen Bücher herausgegeben haben. Wir haben mit jedem Verlag gesprochen, um die Rechte und Texte zu bekommen. In dieses kleine Büchlein mit 220 Seiten sind viele Menschen involviert.“

Foto: Verlag Black Swan Media

Wir bekommen mit dem Buch Ihre Auswahl des Interessantesten aus der tschechischen Literatur in die Hand. Was prägt Ihrer Meinung nach die tschechische Literatur? Was macht sie aus?

„Ich denke mir, dass sie auf eine subtile Weise, vielleicht sogar auf eine leise Weise in der Lage ist, mit Leichtigkeit, teilweise mit Humor oder Ironie, Themen anzusprechen, die uns alle beschäftigen. Ob das Gesellschaft, Macht oder Individuum ist. Und sie macht das nicht auf eine drängende Weise, sondern wenn man es liest, bleibt immer etwas hängen. Man fängt an nachzudenken. Ich nenne das Liebe auf den zweiten Blick und denke, sie hält meist länger.“

Wenn Sie aus dieser Auswahl der 30 Autoren jemanden nennen sollten, der Ihnen persönlich besonders am Herzen liegt, wer wäre das?

Danuše Siering | Foto: Czechia2026 / FB

„Erlauben Sie mir vielleicht erst einmal, jemanden aus der zeitgenössischen Literatur zu nennen. Das wäre Radka Denemarková. Sie schreibt sehr emotional, rational, literarisch anspruchsvoll, gesellschaftlich und hat auch eine Verbindung zu Deutschland. Sie hat ein Haus auf Amrum, lebt also auch in Deutschland. Ich denke mir, sie steht der deutschen Mentalität näher als jemand, der nur in Tschechien schreibt. Das ist nicht der Hauptgrund, aber es spielt auch eine Rolle. Und mein Lieblingsautor dieser 30 Schriftsteller wäre Bohumil Hrabal, der einfach seiner Zeit voraus war. Wenn Sie heute zum Beispiel ‚Ich habe den englischen König bedient‘ lesen, haben Sie das Gefühl, als wäre das gerade heute passiert. Es ist sehr aktuell. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass hier schon alles einmal irgendwann war, nur die Menschheit kein Gedächtnis hat.“

Das „Buch über Bücher“ ist nicht die einzige Publikation, die Sie für die Frankfurter Buchmesse vorbereiten. Stimmt das?

Foto: Verlag Black Swan Media

„Ja, wir arbeiten noch an einer weiteren Publikation. Wir machen ein Bookmag, es heißt ‚Magic Mag from Prague‘. Es wird auf Englisch erscheinen, und wir präsentieren da in fünf Rubriken ‚The Best of Czech‘ aus den Bereichen Kultur, Persönlichkeiten, Unternehmen sowie zwei Reiserubriken. Die eine ist Magic Prague gewidmet, und die andere heißt Bohemian Rhapsody. Da geht es um interessante Plätze, Städte und Orte in Tschechien. Wieder ist es kein Katalog, kein Guide, sondern wir suchen da Sachen, die man nicht in den Top 5 findet, sondern bei denen man sagt: Wow, das habe ich nicht gewusst.“

Danuše Siering und Ondřej Cikán | Foto: Czechia2026 / FB
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