Zwischen literarischem Motiv und nationalem Minderwertigkeitskomplex: Böhmen und sein Meer
Am Donnerstag wird wieder die Leipziger Buchmesse eröffnet. Im Oktober ist Tschechien dann offizielles Gastland bei der Herbstmesse in Frankfurt. Der Auftritt dort steht unter dem Motto „Tschechien: Ein Land an der Küste“. Aber was hat es mit dem literarischen Motiv des tschechischen Meeres auf sich? Liegt Böhmen etwa doch am Meer?
Ich habe einen „párek v rohlíku“ mit Ketchup in der linken Hand und ein Bier in der rechten. Es ist frisch gezapft. Unter der Julimittagssonne, die matt durch die Wolken hindurchstrahlt, bildet sich an der Außenseite des Plastikbechers Kondenswasser, und das Bier wird immer wärmer. Also schnell austrinken! Es sind angenehme 25 Grad, das Wasser aber ist wesentlich kälter, und nur die Hartgesottenen trauen sich hinein. Die Wellen rauschen, die Möwen kreischen, ein paar Kinder spielen Frisbee. Die Luft riecht salzig und nach Sonnencreme. Am Horizont sind in der Ferne einige Güterschiffe zu sehen. So oder so ähnlich stelle ich mir meinen Aufenthalt am tschechischen Strand vor.
Doch, wie landläufig bekannt ist, hat Tschechien ja eigentlich gar kein Meer. Oder doch? Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Ondřej Macl ist einer von denjenigen, die sich auf die Suche nach dem tschechischen Meer begeben haben. Hat er es gefunden?
„Das ist natürlich eine Aufgabe für das ganze Leben. Aber ja, ich bin an einige seiner Strände und Lagunen gelangt und habe die Möwen gehört.“
Die Geschichte von seiner Suche nach dem tschechischen Meer hat Macl in seiner Dissertation niedergeschrieben. Sie ist dem interdisziplinären Feld der „Blue Humanities“ zuzuordnen, also den blauen Geisteswissenschaften. Macl geht in der Arbeit vor allem die Frage nach, wie das Motiv vom „böhmischen Meer“ in der Literatur aufgegriffen wurde und wird. Bekannt ist diese Aussage vor allem aus William Shakespeares Komödie „Das Wintermärchen“. Aber war Shakespeare auch der erste, der über Böhmen am Meer geschrieben hat?
„Eigentlich nicht. Denn Shakespeare hat viele Einfälle seiner Vorgänger übernommen. Und so war das auch mit Böhmen am Meer, das sich schon bei mehreren Renaissance-Autoren vor Shakespeare finden lässt. Böhmen wurde oft als ein Land romantischer Abenteuer dargestellt.“
Aber wie sieht das in der tschechischen Literatur aus?
„Paradoxerweise ist das Motiv des tschechischen Meeres dort relativ selten. Aber auf das Meer als solches stößt man durchaus häufig. Während der Zeit der Tschechoslowakei tauchte die Sehnsucht nach der See auf. Da gab es auch den kolonialen oder imperialen Unterton, dass wir glücklicher wären, wenn wir das Meer hätten. In meiner Arbeit habe ich all das auch historisch betrachtet. Denn das Meer findet sich überall in unserer Geschichte: von mittelalterlichen Chroniken bis hin zu ökologischen Phantasien. Es taucht häufiger auf, als wir denken.“
Dass Böhmen am Meer liegt, wusste schon Ingeborg Bachmann
Interessanterweise hat Macl festgestellt, dass das Motiv des „böhmischen Meeres“ in der deutschsprachigen Literatur weitaus häufiger anzutreffen ist als in der tschechischsprachigen. Zu nennen ist hier vor allem das Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann.
„Bachmann war in den 1960er Jahren zweimal in Prag. Sie stellte sich die Stadt ein wenig als Habsburger-Metropole in Mitteleuropa vor, in der viele Sprachen gesprochen wurden. Bereits vor ihr ist aber etwa ‚Böhmen am Meer‘ von Franz Fühmann zu nennen. Das ist eine autofiktionale Erzählung, in der die Vertreibung der Sudetendeutschen thematisiert wird.“
Aber ebenso bei tschechischen Autoren, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Deutschland emigriert sind, lässt sich das Motiv vermehrt beobachten – so etwa bei Libuše Moníková und Jiří Gruša.
Derzeit ist die Verbindung zwischen Böhmen, dem Meer und der Literatur erneut überaus aktuell. Denn im Herbst ist Tschechien Gastland der Frankfurter Buchmesse. Und der Auftritt dort steht unter dem Motto „Tschechien: Ein Land an der Küste“.
Korallenriffe in Prag
Ondřej Macl bezeichnet die Abwesenheit des Meeres in seiner Doktorarbeit als „ewigen tschechischen Minderwertigkeitskomplex“. Ein schwacher Trost kann da sein, dass es früher einmal eine Zeit gegeben hat, in der Böhmen tatsächlich am Meer lag – oder besser gesagt: im Meer.
„Der Boden, auf dem wir beiden hier gerade im Zentrum von Prag sitzen, gehörte über Hunderte Millionen Jahre zum Rand des Großkontinents Gondwana. Der spaltete sich, ein Fragment wanderte als Insel von Süden her nach Norden, bis es an andere Platten stieß, und Mitteleuropa entstand.“
Mit den Spuren dieser Zeit befasste sich im 19. Jahrhundert unter anderem Joachim Barrande, nach dem der heutige Prager Stadtteil Barrandov benannt ist. Der Geologe stammte aus Frankreich.
„In Prag ließ er sich auf der Kleinseite nieder und verschrieb sein Leben dem Erkunden von Unterwasserfossilien zwischen der Hauptstadt und Pilsen. Er machte umwerfende Entdeckungen, die eben damit zusammenhängen, dass dieses Land früher an der Küste lag. Man kann hier nicht nur auf Trilobiten stoßen, sondern auch auf Kopffüßer, Armfüßer und Atolle. Geologen machen noch heute mitten im Zentrum von Prag und im Stadtteil Smíchov Rundgänge, bei denen man die Versteinerungen überall sehen kann.“
Přemysl Ottokar II. und Kaliningrad
Wie Macl im Interview betont, dürfe man bei den historischen Betrachtungen nicht vergessen, dass Böhmen und Mähren als Teil der Habsburgermonarchie durchaus Meerzugang hatten – und dass es in dieser Zeit zahlreiche Seefahrer aus Tschechien gab. Lohnenswert ist auch ein Blick ins 13. Jahrhundert:
„Přemysl Ottokar II. gelangte mit einem Kreuzzug fast bis an die Ostsee. Zeitgleich verwaltete er das Patriarchat von Aquileia an der Adria“, sagt Macl.
Zu Ehren des Königs von Böhmen wurde 1255 auch die Stadt Königsberg an der Ostsee gegründet, also das heutige Kaliningrad. Auf Tschechisch wurde die Ansiedlung Královec genannt. Eine Rolle für das Land spielte sie erneut rund 700 Jahre später, im Herbst 2022. Als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine verbreiteten sich in den Weiten des Internets nämlich rasch Memes, in denen es hieß, dass Kaliningrad von Tschechien annektiert werden würde. Das Phänomen nahm schnell Fahrt auf, auf den fahrenden Zug sprangen mehrere Ministerien auf, Lieferdienste kündigten an, Sendungen nun auch in Královec zuzustellen, die Tschechischen Bahnen (ČD) gaben eine Direktverbindung an die Ostsee bekannt, im Fernsehen wurden im Wetterbericht die Temperaturen für Königsberg verlesen.
Im Tunnel von Budweis an die Adria
Abgesehen von der humorvollen Reaktion auf den Ukraine-Krieg sind die letzten realen Pläne eines Seezugangs für Tschechien gar nicht so alt, wie man meinen könnte.
„Am weitesten kam ein Projekt von Karel Žlábek, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Der Ingenieur arbeitete 20 bis 30 Jahre daran. Geplant war ein Eisenbahntunnel, der von Budweis an die Adria führen sollte. Und mit der Erde, die ausgehoben werden würde, sollte eine tschechoslowakische Insel mit dem Namen ‚Adriaport‘ entstehen.“
Zweieinhalb Stunden sollte die Zugfahrt von Südböhmen an die Adria auf der 410 Kilometer langen Strecke dauern, sagt Macl. Das Kuriose an dem Projekt war ihm zufolge vor allem, dass die Pläne sehr konkret waren.
„Das Projekt war ingenieurstechnisch wirklich weit entwickelt. Es wurde auf Auftrag der kommunistischen Partei sogar einem volkseigenen Baubetrieb vorgelegt, der fünf Jahre lang an einer Machbarkeitsstudie arbeitete. Man kam zu dem Schluss, dass die Pläne tatsächlich durchführbar seien. Aber schließlich schob die Sowjetunion dem Projekt den Riegel vor. Und selbst wenn es grünes Licht gegeben hätte und man in den 1970er Jahren mit dem Bau begonnen hätte, wäre der Tunnel erst um das Jahr 2005 herum fertig geworden.“
Dass es nie zur Realisierung der ambitionierten Pläne kam, hing wohl auch mit den hohen Kosten zusammen. Denn 1979 wurden die nötigen Mittel für das Projekt mit 300 Milliarden Tschechoslowakischen Kronen beziffert. Heutzutage wären dies umgerechnet etwa 120 Milliarden Euro.
In Ermangelung der schnellen Verbindung an die See bleibt den Menschen aus Tschechien – dem Land der meerlosen „Ahoj“-Sager – heute nichts anderes übrig, als oberirdisch mit dem Auto oder dem Zug an die Küste zu fahren. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich dabei die Strände in Kroatien. Angesichts der geographischen Lage Tschechiens könne man von etwaigen imperialistischen Ambitionen auch absehen, sagt Macl, denn zur Küste habe man es schließlich nicht weit:
„Die Entfernung von den Grenzen im Norden und im Süden Tschechiens zu den Meeren ist kürzer als jene von Aš ganz im Westen des Landes nach Frýdek-Místek im Osten. Und dank der Europäischen Union und dem Schengen-Raum kann man ja jederzeit ganz leicht ans Meer gelangen.“










