Prager Golem, Stasi-Aufsicht in Ost-Berlin, Heldin der Gegenwart – das Filmfest beginnt

Am Donnerstag, 15. Oktober, wird in Prag das deutschsprachige „Filmfest“ eröffnet. Rund 30 Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz werden bei der 20. Auflage des Festivals gezeigt.

Das „Filmfest“ wird wie jedes Jahr gemeinsam vom Goethe-Institut, dem Österreichischen Kulturforum und der Schweizerischen Botschaft in der Tschechischen Republik veranstaltet. Nach der Vorstellung des diesjährigen Programms vor den Medien entstand das folgende Interview mit Isabella Petzold vom Prager Goethe-Institut.

Frau Petzold, das Filmfest feiert sein 20-jähriges Bestehen. Sie waren vermutlich bei der Entstehung des Festivals nicht dabei. Aber Sie wissen, wie es sich während der Jahre entwickelt hat.

„Ja, ich war nicht dabei, aber ich kann trotzdem berichten und zwar sehr gerne. Das ,Filmfest‘ hat natürlich wie jede kulturelle Veranstaltung erst einmal klein angefangen. Das war vor 20 Jahren mit dem spannenden Film ,Das Leben der Anderen‘. Und umso schöner ist es dieses Jahr, dass wir genau diesen Film wieder zeigen. Das Festival ist heutzutage viel größer. Wir haben ein breites Angebot, nicht nur für die generelle Öffentlichkeit, sondern auch für Schulen sowie für kleine Kinder im Vorschulalter.“

Wie jedes Mal wird es auch diesmal einige Sektionen geben. Die erste davon heißt „Ungeduld des Herzens“ und erinnert vermutlich an Stefan Zweig. Was für Filme werden in dieser Sektion vorgestellt?

„Netrpělivost srdce“  (Ungeduld des Herzens) | Foto: Das Filmfest

„Wie Sie bereits erwähnt haben, ist die Sektion ein Hinweis auf Stefan Zweigs berühmtes Werk ,Ungeduld des Herzens‘. Wir zeigen dieses Jahr einen deutschen Film, der keine direkte Filmadaption dieses Buches, sondern thematisch an das Buch angelehnt ist. Außerdem sind in dieser Sektion zwei weitere Buchadaptionen zu sehen, und zwar ,22 Bahnen“ und ,Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke‘.“

Eine Sektion ist den Frauen gewidmet, und zwar „Gesehen werden“. Welche Produktionen werden da gezeigt?

„Hrdinka“  (Heldin) | Foto: Das Filmfest

„In der Sektion ,Gesehen werden‘ freuen wir uns besonders auf den letztes Jahr erschienen Film ,Heldin‘, der uns in die unterbesetzte Welt der Krankenhäuser bringt. Er verfolgt die bewundernswerte Arbeit einer Krankenschwester, die auf der Intensivstation arbeitet, und zeigt die täglichen Herausforderungen dort. Zu sehen ist, wie sie ihrem Job alles gibt, aber kaum Unterstützung bekommt.“

Das Festival blickt diesmal auch in die Filmgeschichte zurück. Was verbirgt sich unter „DFF Retro“?

„Wholetrain“ | Foto: Das Filmfest

„Bei ,DFF Retro‘ geht es um ältere Filme, die aber trotzdem weiterhin relevant sind und eben in unserer feierlichen 20. Ausgabe wichtig sind. Wir feiern nämlich zum Beispiel auch 100 Jahre des Films ,Abenteuer des Prinzen Achmed‘. Das ist ein sehr wichtiges Werk in der Geschichte der Zeichentrickproduktionen der deutschen Regisseurin Lotte Reiniger. Zu diesem Film wird es auch einen Workshop für Kinder geben, in dem sie selbst Stop-Motion-Animationen ausprobieren dürfen. Und sonst blicken wir in ‚DFF Retro‘ etwa zurück auf den Film ,Wholetrain‘, der vor 20 Jahren ganz berühmt war. Dieser spannende Streifen aus der Underground-Kultur, also der Graffiti-Kultur in Berlin, über Freundschaften, über das Leben an der Grenze, wird dieses Mal auch vom Regisseur vorgestellt sowie von zwei Schauspielern, konkret Florian Renner und Mike Adler. Regisseur und Drehbuchautor in einer Person ist Florian Gaag.“

Eine ganz besondere Filmvorführung dürfte „Golem, wie er in die Welt kam“ werden. Der Film ist ja aus den 1920er Jahren…

„Jak Golem na svět přišel“  (Golem,  wie er in die Welt kam) | Foto: Das Filmfest

„Das wird aus allen Blickwinkeln eine sehr spannende Veranstaltung sein. Und zwar handelt es sich erstens natürlich um einen sehr alten Film, er stammt aus dem Jahr 1920. Und er ist daher auch ein Stummfilm. Ihn wollen wir bei dieser wunderschönen Gelegenheit mit Livemusik und einem Live-Chor aus Hamburg, dem Chor von St. Nikolaus, begleiten. Und das an einem sehr schönen Ort, nämlich in der Salvatorkirche.“

„Jak Golem na svět přišel“  (Golem,  wie er in die Welt kam) | Foto: Das Filmfest

Sie haben vorher die Vorstellungen für die Schulen erwähnt. Wie groß ist das Interesse?

„Wir freuen uns sehr, dass das Interesse tatsächlich sehr groß ist. Zu diesem Zeitpunkt haben wir über 4700 Interessierte, die sich für Schulvorstellungen angemeldet haben.“

Werden diese Vorstellungen auch von einem Vortrag begleitet?

„Genau, wir arbeiten da ganz eng mit der Tschechischen Aeroškola zusammen, mit der wir umfangreiche, didaktische Arbeitsblätter entworfen haben. Und wir werden auch Diskussionen nach der Vorstellung anbieten, sodass die SchülerInnen den Film besser einordnen können.“

„Napořád“  (Everytime) | Foto: Das Filmfest

Es werden bestimmt auch weitere Gäste außer den Darstellern aus „Wholetrain“ kommen – auch Cutter oder RegisseurInnen?

„Wir freuen uns da auf zahlreiche Gäste sowohl aus Österreich, als auch aus Deutschland und der Schweiz. Eine besondere Zusammenarbeit haben wir mit dem Institut German Films. Von dort kommt der Schauspieler Enzo Brumm aus dem Film ,Silent Friend‘ zu Besuch. Aber auch die Maskenmeisterin Lydia Geisler, die beim Film ,Karla‘ tätig war. Wir freuen uns zudem auf die Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr aus dem Film ,Everytime‘ und genauso auf die Produzentin des Films ,Wolves‘, Nicole Ulrich.“

Wie jedes Jahr gibt es auch ein Programm für Filmprofis…

„Das ist das Industry-Programm im Rahmen des Festivals, es läuft in Zusammenarbeit mit dem Future Memory Lab. Und da freuen wir uns schon sehr auf den Besuch von Monika Preischel, die eine Archivproduzentin ist.“

Werden die Filme vom Festival auch in weiteren Städten Tschechiens gezeigt?

„Vom 26. bis 30. Oktober reist das Festival nach Brünn. Dann geht es mit Olmütz weiter, und zwar vom 3. bis 5. November. Und die letzte Station ist in Ústí, und zwar in dem Zeitraum vom 7. bis 12. November im Kino Hraničář.“


Im Rahmen des Begleitprogramms wird im Österreichischen Kulturforum in Prag eine Ausstellung über den Filmstar Hedy Lamarr gezeigt, die jedoch bei weitem nicht nur eine Filmschauspielerin, sondern auch eine Erfinderin war. Mehr dazu von Karolína Bukovská vom Österreichischen Kulturforum:

Karolína Bukovská | Foto: Daniel Grabowski,  Radio Prague International

„Die Ausstellung heißt ,Hedy Lamarr. Eine Frau mit vielen Facetten‘, und wir sehen Hedy Lamarr nicht nur als Schauspielerin, die in Wien geboren wurde und dann in der Tschechoslowakei berühmt geworden ist – durch die Hauptrolle im Film ,Extase‘ von Gustav Machatý. Sie wurde dann später in Hollywood als die schönste Frau der Welt bezeichnet und wahrgenommen. Sondern sie hat, und das weiß kaum jemand, selbst Erfindungen entwickelt. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie zusammen mit einem Kollegen an einem geheimen Kommunikationssystem, das sozusagen als Vorläufer der heutigen Technologien GPS und Bluetooth gelten kann. Es war eben ihr Anliegen, auch die Welt zu verändern. Sie wollte nicht nur wegen ihrer Schönheit anerkannt zu werden, sondern auch für ihre Erfindungen. Dazu kam es auch, aber erst sehr spät. Deswegen zeigen wir mit dieser Ausstellung ihr spannendes Leben, das von Wien über Prag bis in die USA führte und dann wieder zurück nach Wien, weil sie in ihrer geliebten Heimatstadt begraben wurde.“

In Prag findet das Filmfest vom 15. bis 20. Oktober statt. Anschließend werden die Streifen auch in Brno / Brünn, Olomouc / Olmütz und Ústí nad Labem gezeigt. Mehr erfahren Sie unter www.dasfilmfest.cz/de. Durch die Ausstellung über Hedy Lamarr werden wir Sie demnächst noch in einer der nächsten Ausgaben unseres Kultursalons führen. Die Ausstellung ist im Österreichischen Kulturforum in Prag noch bis 29. Januar 2027 zu sehen.

schlüsselwörter:
abspielen