Wunden des Krieges, weibliches Heldentum und Identität – 19. deutschsprachiges „Filmfest“ in Prag
Das deutschsprachige „Filmfest“ steht wieder vor der Tür. Von Mittwoch bis Sonntag werden in drei ausgewählten Prager Kinos Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentiert.
Auch in diesem Herbst bietet das deutschsprachige „Filmfest“ eine Auswahl an Dramen, Komödien, Dokus und Biopics. Wie gewohnt wird die Veranstaltung vom Goethe-Institut Prag, dem Österreichischen Kulturforum und der Schweizerischen Botschaft in der Tschechischen Republik organisiert. Das 19. „Filmfest“ findet erneut in den Städten Brno / Brünn und Olomouc / Olmütz sowie nun neuerdings auch in Ústí nad Labem statt. Den Auftakt in Prag macht das Drama „Amrum“.
Das Drama spielt gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und handelt von dem Jungen Nanning, der mit seiner Mutter auf die Nordseeinsel Amrum fliehen muss, als Hamburg bombardiert wird. Nannings Mutter Hille ist überzeugte Nationalsozialistin und verfällt nach Hitlers Tod in schwere Depressionen. Von da an muss der Junge die Familie durchbringen und lüftet dunkle Geheimnisse. Der Film basiert auf den Kindheitserinnerungen des 86-jährigen Schauspielers Hark Bohm. Er selbst betraute Regisseur Fatih Akin damit, seine Geschichte fürs Kino umzusetzen.
„Amrum“ ist einer jener Filme des Festivals, bei denen nach der Vorstellung eine Gesprächsrunde stattfindet. Zu Gast ist der Darsteller von Nanning, Jasper Billerbeck. „Amrum“ gehört zu der diesjährigen Kategorie „Im Schatten des 20. Jahrhunderts“. Es gebe aber noch weitere Themenschwerpunkte, in die die über dreißig Filme eingeteilt wurden, so Karolína Bukovská. Sie ist die Projektkoordinatorin des Österreichischen Kulturforums Prag:
„Eine weitere Kategorie heißt ‚Die Unbeugsamen‘, und beschäftigt sich mit starken Frauen, die für sich kämpfen. Ein wichtiges Thema in unseren Filmen ist ebenfalls die Identität. Hier befassen sich die Protagonistinnen und Protagonisten mit der Frage: Wer bin ich? Als Beispiel würde ich den österreichischen Oscar-Kandidaten ‚Pfau – Bin ich echt?‘ nennen. Wir haben auch einen Themenbereich, der sich mit Künstlerinnen und Künstlern befasst. In diesen Biopics blicken wir in das Leben und die Werke berühmter Persönlichkeiten, wie zum Beispiel von Thomas Mann, Leni Riefenstahl oder Franz Kafka. Und zuletzt gibt es die Kategorie ‚Filmfest-Spezial‘. Diese zeichnet sich durch besondere Kinoproduktionen aus, die mit ihrer Kameraführung herausragen und besondere Filmerlebnisse bieten.“
Teil dieser Kategorie ist unter anderem das Drama ,,In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski. Der Film handelt von vier Mädchen aus vier aufeinanderfolgenden Generationen, die auf dem gleichen Bauernhof in der Altmark gelebt haben oder leben. So spielt die Handlung abwechselnd zu Anfang des 20. Jahrhunderts, in den 1940er Jahren, zu DDR-Zeiten und in der Gegenwart. Durch ein tragisches Ereignis auf dem Hof verschwimmen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es geht um verdrängte Traumata, Familiengeheimnisse und Ängste, die sich über Generationen fortsetzen. Das Besondere an dem Film ist, dass es keinen festen Handlungsstrang gibt, sondern die Geschichten der vier Mädchen anhand von Erinnerungsfragmenten erzählt werden. „In die Sonne schauen“ ist einer der preisgekrönten Filme, die nun in Tschechien gezeigt werden – er hat beim diesjährigen Festival in Cannes den Jury-Preis gewonnen. Mittlerweile ist das Drama sogar deutscher Oscar-Nominierungsanwärter. Eine der Hauptdarstellerinnen, Laeni Geiseler, und eine der Drehbuchautorinnen, Louise Peter werden bei der Vorstellung des Films im Prager Kino Lucerna anwesend sein. Das sind aber nicht die einzigen Gäste, die das „Filmfest“ willkommen heißt. Lukas Schnabl vom Goethe-Institut verrät mehr:
„Wir haben für fast jeden großen Film einen Gast da. Zum Beispiel Idan Weiss – er ist Hauptdarsteller im Film ‚Franz K.‘. Oder auch Sandra Maischberger als Produzentin von ‚Riefenstahl‘. Außerdem haben wir Monika Preischel eingeladen, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin ebenfalls ‚Riefenstahl‘ betreut hat. Und die beiden Hauptdarsteller von ‚Schwesterherz‘ heißen wir auch willkommen. Es gibt mehr als genug Gäste, und das waren noch nicht einmal alle.“
Diese werden dann in den Prager Kinos Lucerna und Edison Hub auf die Zuschauer treffen. Die Archivfilme „Die freudlose Gasse“ und „Dein unbekannter Bruder“ laufen hingegen im Kino Ponrepo.
Da das „Filmfest“ zuerst in Prag stattfindet, ist der Bezug zu Franz Kafka naheliegend, und bereits in den vergangenen Jahren lief hin und wieder ein Film über den bekannten Autor. So wurde zum Beispiel im letzten Jahr – anlässlich seines 100-jährigen Todestages – „Die Herrlichkeit des Lebens“ gezeigt. In diesem Jahr ist es also „Franz K.“.
„Franz K.“ ist ein biografisches Drama über das Leben des berühmten Autors. Dabei erhält man einen Einblick in das Verhältnis zu seinem Vater Hermann und Kafkas Beziehung zu Frauen. Zwischen der Sehnsucht nach künstlerischer Entfaltung, seinen eigenen Gedanken und dem Alltagstrott versucht sich der introvertierte Autor in „Franz K.“ zurechtzufinden. Eva Lockl von der Schweizerischen Botschaft in Tschechien empfiehlt noch eine weitere Kinoproduktion:
„Für mich ist es auf jeden Fall der Schweizer Film ‚Friedas Fall‘. Er behandelt eine wahre Geschichte von einer jungen Schneiderin, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Not gerät, da sie ihren unehelichen Sohn aus Verzweiflung umbringt. Der Film handelt von dem Gerichtsprozess, der öffentlich abgehalten wurde und für sehr viel Aufregung sorgte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Gesetze in der Schweiz sehr gegen Frauen gerichtet. Dieser Vorfall markierte den Anfang der Frauenbewegung in der Schweiz.“
Vor 19 Jahren wurde das deutschsprachige „Filmfest“ ins Leben gerufen. Aber aller Anfang ist schwer, und so war die Veranstaltung zu Beginn noch unbekannt und ziemlich klein. Klára Arpa vom Goethe-Institut Prag schildert:
„Im Laufe der Jahre hat sich das Festival etabliert. Von Anfang an fand es sowohl in Prag als auch in Brünn statt, aber in der Folge konnten wir das ‚Filmfest‘ auf weitere Regionen ausweiten. Wir wachsen jedes Jahr, und es macht sehr viel Freude zu sehen, dass es gut ankommt. Allein die Besucherzahlen sind im Laufe der 19 Jahre um das Zehnfache angestiegen. Das ist das beste Resultat, das man sich als Festivalorganisator wünschen kann.“
Im nächsten Jahr feiert das „Filmfest“ sein 20-jähriges Jubiläum. Ist denn schon etwas für die Festlichkeiten geplant?
„Es gibt noch keine Pläne. Wir haben aber während der diesjährigen Pressekonferenz ein paar Anregungen bekommen, die wir uns vielleicht zu Herzen nehmen. Man hört außerdem, dass Archivfilme immer gerne gesehen sind, und im nächsten Jahr wird sich sicherlich etwas in der Art ergeben. Wir hoffen, dass wir unseren Zuschauern in Zukunft etwas anbieten, worauf sie sich freuen können.“
Nun stehen Prag erst einmal fünf Tage vielfältiger Filmauswahl, Kafka und gemütlichen Kinositzen bevor.
Das deutschsprachige „Filmfest“ startet am Mittwoch und läuft bis Sonntag. Karten für die Filme gibt es über die Website dasfilmfest.cz.
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