Miroslav Kunštát: „Václav Havel war auch als Präsident ein Autor“
Miroslav Kunštát ist ein tschechischer Experte für Deutschland- und Österreichstudien und lehrt seit mehr als 30 Jahren an der Prager Karlsuniversität. In der Tschechoslowakei hat er einst Archivwesen studiert. 1993 bekam er eher unverhofft eine Stelle in der Präsidialkanzlei von Václav Havel. Bis 2003 war er als Redenschreiber für das damalige Staatsoberhaupt tätig. Havel, dessen Biografie sehr grob mit den Stichworten Dramaturg, Dissident und Staatspräsident umrissen werden kann, wäre am 5. Oktober 90 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass blickt Miroslav Kunštát im Interview für Radio Prag International auf seine Zusammenarbeit mit Havel zurück.
Herr Kunštát, wie haben Sie Václav Havel kennengelernt?
„Noch vor der Wende hatte ich Gelegenheit, seine Texte zu lesen. Ich hatte das Glück, dass ich zu einem Leserzirkel von verschiedenen Dissidentenautoren gehörte, wie es damals üblich war. Dann kam für mich eine wichtige Lebensphase. Ende 1992, das heißt nach dem Rücktritt Václav Havels vom Amt des föderalen Staatspräsidenten – also im Rahmen des Auflösungsprozesses der Tschechoslowakei –, habe ich ein informelles Angebot bekommen, ob ich nicht in der minimalisierten tschechischen Präsidentschaftskanzlei arbeiten könnte. Also habe ich mich damals bei dem neuen Chef des Präsidialamtes und früheren Verteidigungsminister Luboš Dobrovský vorgestellt. Offensichtlich gab es noch andere Vorstellungsgespräche. Und Anfang Dezember 1992 bekam ich einen Anruf mit der Frage, ob ich tatsächlich am 1. Januar antreten kann, und zwar in der außenpolitischen Abteilung. Das alles war für mich neu. Nach der Samtenen Revolution gab es eine große Begeisterung und Chancen, die heute kaum vorstellbar sind – also so informell ins Präsidialamt zu kommen. Ich muss immer an Jürgen Habermas denken, dass die Tschechen im Unterschied zu den Menschen in der DDR die Gelegenheit hatten, als Amateure auch eigene Fehler zu machen. In der ersten Wahlperiode Havels war ich hauptamtlich im Büro, nach einer Erkrankung dann nur mit einem Teilzeitvertrag für die Vorbereitung seiner Reden. Ich hatte einen Kalender der geplanten Reden und suchte dafür Unterlagen zusammen. Václav Havel war jemand, der die Dienste der Ghostwriter kaum nutzte. Alle wichtigen politischen Auslandsreden hat er selbst verfasst und auch die innerstaatlichen Reden. Anders war das vielleicht nur bei Vorworten für den einen oder anderen Sammelband, bei Grußworten zu einer Konferenz oder bei Tischreden. Soweit ich mich erinnere, hat Václav Havel diese literarische Gattung gehasst, weshalb ich viele Tischreden verfasst habe. Aber sonst war Havel auch als Präsident ein Autor.“
Und obwohl er seine Reden selbst verfasste: Hat Havel trotzdem Ratschläge eingeholt oder eine Endkorrektur? Haben Sie gemeinsam mit ihm an Texten gearbeitet?
„Es gab in der Burg immer Beratungen im engeren Gremium, und zu manchen wurde ich eingeladen. Er war ein Theatermacher – es interessierte ihn immer sehr intensiv, wo die Rede gehalten wird. Wer ist der Adressat der Rede? Wo wird wer sitzen? Das war irgendwie interessant. Die ganze politische Bühne – im buchstäblichen Sinne – hat ihn enorm interessiert. Manchmal hatte man sogar den Eindruck, alle Fragen würden nur die Bühne betreffen. Aber wann kommt der Inhalt an die Reihe? Der kam dann natürlich auch dran. Es gab immer einen Vorschlag mit den Motiven und Themen, die in solch einer Rede angesprochen werden könnten – sozusagen als Menü für Havel zur Auswahl. Und dann verbrachte er in der Regel sein Wochenende in Hradeček (dort hatte Havel sein Wochenendhaus, Anm. d. Red.). Dabei war immer ein Koffer – kein Internet oder so, sondern ein Koffer mit gedruckten Unterlagen und Materialien. Und am Montag hatte man dann schon die Rohfassung der Rede. Die wichtigen Reden haben natürlich mehrere Leute durchgelesen, und es gab ein Rezensionsverfahren.“
Und warum mochte er Tischreden nicht?
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„Es ist eine literarische Gattung, die sehr offiziell bis offiziös ist und etwas trocken. Obwohl natürlich so ein feierliches Abendessen, ein Staatsbankett oder etwa in Hamburg ein Senatsfrühstück feierliche Anlässe sind. Aber vielleicht war das für Havel allzu offiziös. Er war ein Freund von Spontaneität, dafür war die Tischrede nicht die beste Gattung. Doch zum Beispiel beim Staatsbesuch von gekrönten Staatsoberhäuptern werden kaum politische Reden und keine Pressekonferenzen gehalten, in der Regel gibt es nur einen Presse- oder Fototermin. Als Queen Elisabeth II. kam und sich in ihrer Tischrede im Namen der britischen Regierung für München 1938 entschuldigte, wurde die Tischrede zur zentralen politischen Botschaft. Der Kontext ist also auch sehr wichtig.“
Welche Bedeutung hatten die Beziehungen zu den deutschsprachigen Ländern für Vaclav Havel? Zu dieser Zeit wurde ja die Deutsch-Tschechische Erklärung unterzeichnet.
„Es gibt einen Satz in seiner Rede im Karolinum von 1995, dass die Deutschen für uns – das heißt auch für Havel – ein Teil unserer Identität seien, unseres Schmerzes und unserer europäischen Hoffnung. Das ist etwas anderes als das Verhältnis zu Amerika oder zu Frankreich. Der damalige deutsch-tschechische Dialog, der in den 1990ern manchmal schwierig war – heute ist er trotz aller Umstände viel besser –, war schon eine Identitätsfrage der jungen Tschechischen Republik, die ihren Platz in Europa suchte. Denn nach der samtenen Trennung von der Slowakei war die Republik äußerst verunsichert.“
Halten Sie den Eindruck, dass Václav Havel gern in die deutschsprachigen Länder zu den Nachbarn fährt?
„Das war unterschiedlich. Wenn es eine Reise zu Richard von Weizsäcker war, dann kann ich sagen: Ja, das tat er gerne. Was Havels Kontakte zu Helmut Kohl angeht, war das zwiespältig. Ich glaube, sie haben letztlich relativ gute Kontakte aufgebaut. Sie hatten Gelegenheit, lange Stunden privat miteinander zu sprechen, denn Kohl lud ihn im Herbst 1993 in sein Haus bei Ludwigshafen ein. Das waren zwei Tage, sie haben dort de facto ein ganzes Wochenende unter vier Augen verbracht. Havel hat dann die wichtigsten Gedanken dieser Gespräche zusammengefasst, und dies wird in der Václav-Havel-Bibliothek (inzwischen umbenannt, Anm. d. Red.) aufbewahrt. Ich glaube, da entwickelte sich ein etwas persönlicheres Verhältnis erst allmählich, also schleppend. Denn Havel hatte das Gefühl, dass Kohl zum Beispiel den Verhandlungsprozess der Deutsch-Tschechischen Erklärung nicht besonders beschleunige. Sie lag in der berühmten Schublade. Kohl wartete damit lange und nahm Rücksicht auf die damalige CSU und Edmund Stoiber. Das hat lange gedauert, und da wurde Havel schon ungeduldig. Aber ich glaube, als Helmut Kohl dann 1999, also zum zehnten Jahrestag der Samtenem Revolution, den höchsten tschechischen Orden, den Masaryk-Orden, bekam, hat sich dieses Verhältnis sogar noch gelockert. Ich glaube schon, dass sie Freunde wurden. Aber das verlief nicht so geradlinig, wie im Falle Richard von Weizsäckers.“
Und was, würden Sie sagen, ist heute noch das Vermächtnis von Václav Havel?
„Erstens das Engagement in der Politik trotz der schwierigen Umstände. Havel kam aus einer gut situierten Prager Familie, konnte sich als Intellektueller und als Autor profilieren. Diese Bereitschaft, noch einige Jahre vor der Samtenen Revolution auch politische Verantwortung zu übernehmen und zum Sprecher der Charta 77 zu werden, war bei ihm ein Wendepunkt. Also dass auch Leute, die eigentlich kaum vorhaben, öffentlich mitzuwirken und sich mit Politik zu befassen, in einer konkreten und womöglich extremen Situation die Verantwortung übernehmen sollten. Das ist eine Ermahnung an die Bürger, sich einzumischen, auch in nicht so positiven Situationen oder günstigen Verhältnissen. In der Außenpolitik hat Havel sehr klar das Gewicht der internationalen Organisationen betont, das Völkerrecht und den Multilateralismus. Und sein großes Thema waren die globalisierte Welt und die Probleme des Zusammenwachsens in einer immer kleiner werdenden globalen Welt. Das erleben wir hier und heute am eigenen Leibe. Das ganze Konzept der tschechoslowakischen Politik dieser Generation der Dissidenten, dazu zählten auch Jiri Dienstbier oder Luboš Dobrovský, war aus der heutigen Perspektive sehr idealistisch. Ich erinnere mich an einen kurzen Satz aus Havels Rede im Europarat in Straßburg, dass das Konzept der Außenpolitik der Nachwende-Tschechoslowakei die Politik der Menschenrechte sei. Die Menschenrechte sozusagen als Achse der außenpolitischen Bestrebungen – also keine klassische Interessenpolitik, sondern eine auf der Achtung der Menschenrechte ruhende Außenpolitik. Das klingt heute naiv. Aber diese erste Generation der Nachwendepolitiker hat es, glaube ich, ernst genommen. Sie haben in dieser euphorischen Situation nach der Wende daran geglaubt. Da waren ihre Partner im Westen schon realistischer. Das ist verständlich.“
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Václav Havel 90
Václav Havel wäre am 5. Oktober 90 Jahre alt geworden. Der Denker, Dissident und Präsident als Inspiration für heute und in den Erinnerungen seiner Weggefährten.








