Der Mitteldeutsche Verlag auf der Suche nach unverwechselbaren tschechischen Stimmen
Der Mitteldeutsche Verlag aus Halle an der Saale hat eine besondere Mission: Er leiht den unverwechselbaren Stimmen Osteuropas im deutschsprachigen Raum Gehör. Ganz vorn dabei ist seit einigen Jahren die tschechische Literatur. Verlagsleiter Roman Pliske sagt im Interview, sie sei weit mehr als nur ein Programmschwerpunkt.
Eine Liebe, die mit der Muttermilch kam
Herr Pliske, der Mitteldeutsche Verlag ist hat eine lange Tradition. Wie fügt sich die tschechische Literatur in das Profil dieses Verlagshauses ein?
„Wir haben uns vor rund 20 Jahren entschlossen, unser Belletristik-Programm für internationale Stimmen zu öffnen, wobei unser besonderes Interesse den kleineren osteuropäischen Literaturen gilt. Wir haben bereits Werke aus dem Litauischen, Bulgarischen, Rumänischen, Georgischen und Polnischen veröffentlicht. Vor sechs Jahren kam mit Karel Poláček schließlich die tschechische Literatur hinzu, die uns sehr am Herzen liegt. Ich bin mit Autoren wie Poláček, Hrabal und Škvorecký aufgewachsen – diese Stimmen nun in unserem Verlagsprogramm zu haben, ist für mich eine echte Herzensangelegenheit.“
Der Mitteldeutsche Verlag hat seinen Sitz in Halle an der Saale – einer Stadt, die geografisch relativ nah an Tschechien liegt. Spüren Sie durch diese Nähe ein höheres Interesse an tschechischer Literatur in der Region?
„Es gibt natürlich einen ganz persönlichen Grund für diese Verbindung: Ich besitze ein Sommerhaus in der Nähe von Marienbad. Von Halle aus brauchen wir von Tür zu Tür nur drei Stunden, weshalb wir sehr oft dort sind. Die ganze Familie ist begeistert von Böhmen, und mein kleiner Sohn spielt dort in den Kneipen sogar Schach mit den dortigen Männern. Aus diesen Aufenthalten ist eine große Liebe zu dem Land entstanden. Die kurzen Wege erleichtern die Verbindung natürlich ungemein. Aber tatsächlich wurde mir diese Liebe zur tschechischen Kultur weniger durch das Sommerhaus als vielmehr schon mit der Muttermilch in die Wiege gelegt.“
Das ist Ihre persönliche Beziehung zu dem Land. Aber wie sieht es aufseiten der Leserschaft aus?
„Die Leserinnen und Leser sind eigentlich überall neugierig. Wir haben in diesem Jahr sehr viel tschechische Literatur veröffentlicht – insgesamt vier Romane von drei Schriftstellerinnen und einem Schriftsteller. Vor drei Wochen war ich zum Beispiel in Freiburg im Südenwesten Deutschlands. In der kleinen Nachbarstadt Emmendingen ging ich in eine Buchhandlung, und die Buchhändlerin erzählte mir völlig begeistert von zwei dieser Romane, ohne überhaupt zu wissen, dass sie aus unserem Verlag stammen. Es ist mir lange nicht vorgekommen, dass ich auf eine so große Neugier und positive Überraschung im Buchhandel gestoßen bin. Diese Offenheit überträgt sich meiner Erfahrung nach direkt auf die Leserschaft. Ich bin daher fest davon überzeugt, dass das Interesse an tschechischer Literatur vom Süden bis zum Norden des Landes spürbar ist.“
Atmosphäre statt Austauschbarkeit
Nach welchen Kriterien wählen Sie Bücher aus, die Sie ins Deutsche übersetzen lassen und bei Ihnen im Verlag herausgeben?
„Da ich Tschechisch selbst leider nicht fließend lese, bin ich bei der Programmauswahl stark auf die Expertise von Scouts und Agenturen angewiesen. Ein ganz besonderes Augenmerk lege ich dabei auf die Empfehlungen der Übersetzerinnen und Übersetzer. Wenn sie sich wochen- oder monatelang intensiv mit einem Text beschäftigen, weiß ich, dass sie kein Buch nehmen werden, das ihnen nicht am Herzen liegt. Zudem lese ich gerne englische Ausgaben bereits veröffentlichter Werke. Was ich dann suche, das sind Romane, die Atmosphäre haben, die auch Eigenheiten der tschechischen Kultur kommunizieren oder Familiengeschichten, die teilweise deutsch-tschechische Wurzeln haben. Ich möchte gerne etwas in den Romanen haben, das nicht austauschbar ist. Mich interessieren keine Beziehungsgeschichten, die genauso gut in Spanien oder Amerika spielen könnten. Ich brauche Atmosphäre, ich brauche den dunklen Böhmerwald, die Prager Kneipe oder irgendetwas, das mit der Geschichte zu tun hat.“
Sie haben vier Romane erwähnt, die im vergangenen Jahr übersetzt und herausgegeben wurden. Welche sind es?
„Es ist der wunderbare Kriminalroman ‚An den Moldauquellen‘ von Petra Klabouchová. Er hat mich bis zur letzten Seite gefesselt, weil man bis dahin einfach nicht weiß, wer der Täter oder die Täterin ist. Und wenn man die letzte Seite gelesen hat, möchte man das Buch sofort wieder neu von vorne anfangen zu lesen, weil man noch einmal genau verstehen will, in welchen Szenen man vielleicht nicht aufgepasst hat. Dann ‚Stierkampf in Böhmen‘von Jan Novák, eine Geschichte über seinen Großvater in den 1930er Jahren. Es handelt sich um eine Familiengeschichte, die eigentlich fast 100 Jahre umfasst. Von Tereza Boučková haben wir ‚Das Haus in der Matoušova-Straße‘, was die Biografie eines Hauses ist, das praktisch auch wieder 100 Jahre umfasst und die deutsch-tschechische Geschichte anhand von Wohnungen erzählt – und deren Bewohnern natürlich. Und zuletzt auch eine Literatin, die ich absolut liebe und deren zweiten Roman wir schon veröffentlicht haben: Anna Bolavá mit ‚Bis zum Grund‘. Wir haben zuvor schon ‚Der Duft der Dunkelheit‘verlegt. Es sind sehr dunkle Romane, bei denen man beim Lesen gar nicht glaubt, dass es ein gutes Ende nimmt – aber man kann sich täuschen.“
Das Erbe von Poláček und Škvorecký bewahren
Wir sprechen von vier Gegenwartsromanen. Sie haben aber am Anfang gesagt, dass Sie die tschechische Reihe mit Karel Poláček angefangen haben, einem Autor der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dafür brauchte es wahrscheinlich Mut. Warum haben Sie gerade nach Poláček gegriffen?
„Meine Mutter hat mir damals schon Karel Poláček vorgelesen – diese wunderbare Geschichte zwischen dem Sohn und dem Vater und den konkurrierenden Fußballvereinen in „Männer im Offside“. Er ist wirklich ein großartiger, humorvoller Schriftsteller. Man muss sich immer daran erinnern, welche immensen literarischen Talente wir damals leider verloren haben, die wie Poláček zum Beispiel in Auschwitz getötet wurden. Ich denke auch oft an die Werke von Josef Škvorecký und seine berühmten Danny-Romane. Diese Literatur ist absolut großartig, aber leider zurzeit nicht greifbar. Also werden wir ganz bewusst immer wieder einen Blick zurückwerfen in das 20. Jahrhundert, in seine Mitte und an seinen Anfang. Aber auch die Gegenwart bietet unglaublich spannende Stimmen.“
Tränen in der Eisenbahn
Wie kann die tschechische Literatur die Leserinnen und Leser in Deutschland ansprechen? Was ist wichtig?
„Ich glaube, das Wichtigste für ein Buch ist, eine eigene Stimme zu haben – so wie das in den meisten Literaturen nötig ist. Es muss eine Stimme sein, die den gesamten Roman trägt und den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit gibt, in den Roman einzutauchen. Denn so ein Roman muss eine eigene Welt für sich sein. Mir ist das erst vor Kurzem passiert, als ich den neuen Roman von Anna Bolavá in der Eisenbahn gelesen habe. Als ich nach vier Stunden fertig war, musste ich einfach weinen. Alle haben mich angeschaut, weil sie dachten, ich hätte eine schlechte Nachricht bekommen. Ich musste ihnen dann erklären, dass das Buch mich so gerührt hat. Und ich glaube, wenn sowas möglich ist, dann stimmt die Stimme – und die Autorin hat alles richtig gemacht.“
Wir haben bisher über Belletristik gesprochen. Beim Mitteldeutschen Verlag erscheinen aber auch andere Bücher, und das auch aus dem Tschechischen übersetzt.
„Wir haben eine wirklich großartige Entdeckung machen dürfen: ein bisher unveröffentlichtes Manuskript von Václav Havel. Er hat es damals zwischen seinen Verhören und seinem Gefängnisaufenthalt verfasst – mitten in der Zeit der Charta 77, als er dieses Manifest mitverfasst und unterschrieben hatte. Havel versteckte den Text bei seinem besten Freund, und nun, nach zwei Generationen, wurde das Manuskript wiederentdeckt. Es ist hochinteressant, weil es eindrücklich zeigt, wie sich ein Mensch in einem totalitären System auf seinen ganz eigenen Standpunkt besinnt, mutig bleibt und für seine Werte einsteht. Ich glaube, das ist etwas, das man heute ganz besonders brauchen kann. Im Grunde genommen ist dieses Buch eine Gebrauchsanweisung dafür, sich selbst treu zu bleiben. Und das zweite Buch, ein absolutes Lieblingsbuch von mir, stammt von Aleš Palán und handelt von den Einsiedlern und Aussteigern aus dem Böhmerwald. Es porträtiert Menschen, die sich mehr oder weniger von der Zivilisation verabschiedet haben, die im Bauwagen oder sogar auf dem nackten Moosboden übernachten. Sie brauchen diese moderne Gesellschaft nicht und denken im Buch auf faszinierende Weise darüber nach, warum sie so gerne allein sind und warum sie gerne in ihrer eigenen Welt leben.“
Eine Gebrauchsanweisung von Vácav Havel und die Welt der Böhmerwald-Einsiedler
Bei dem Václav-Havel-Buch „Ich habe das irgendwo versteckt“ handelt es sich um den einzigen Text, den er nicht selbst autorisieren konnte, weil dieser erst nach seinem Tod gefunden wurde. War nun der 90. Geburtstag von Václav Havel der Anlass, um das Buch erscheinen zu lassen?
„Das war tatsächlich der Anlass. Dieser 90. Geburtstag wird auch hier in Frankfurt gefeiert, mit einer Ausstellung im Kommunikationsmuseum und weiteren Veranstaltungen. Aber im nächsten Jahr wird die „Charta 77“ 50 Jahre alt. Insofern haben wir das Glück, dass wir dieses Buch zwei Jahre lang sehr gut anbieten können. Und wie ich schon sagte: Das Verrückte für mich ist, dass dieses Buch wirklich zeitlos und heute mindestens so wichtig wie damals ist.“
Zurück noch zu dem Buch von Aleš Palán über die Einsiedler aus dem Böhmerwald. Wie ich gesehen habe, gehört es derzeit zu den meistverkauften Büchern Ihres Verlags…
„Es sind genau diese verrückten Zufälle, die das Verlegen so besonders machen: Wenn man etwas Spezielles publiziert, das es nirgendwo anders gibt, erreicht man damit vielleicht eine kleine, aber dafür sehr treue und engagierte Zielgruppe. Man hält ein Instrument in den Händen, das andere nicht haben, Dieses Thema ist auch wirklich sehr gut kommunizierbar. Es gibt in unserer schnellen, hektischen Welt eine Sehnsucht danach, diese Welt einmal zu verlassen. Viele Menschen können das aus beruflichen oder familiären Gründen nicht machen, aber sie träumen davon. Insofern ist es auch ein kleines Märchenbuch für den einen oder die andere. Und es gibt dazu noch einen fantastischen Film, den wir in diesem Jahr in fünf Kinos in Deutschland mit Untertiteln bringen. Er hilft uns, ein Paar zu begleiten und diesen Kosmos nochmal ganz anders den Menschen nahe zu bringen.“
Tschechien steht in diesem Jahr als Ehrengast im Mittelpunkt der Frankfurter Buchmesse. Glauben Sie, dass dieser Fokus nachhaltig wirken kann und das Interesse des deutschsprachigen Publikums auch nach der Messe bleibt? Sie haben ja sicherlich schon die Entwicklung anderer Gastländer in den letzten Jahren miterleben können.
„Es gibt sicherlich Gastländer, bei denen die Aufmerksamkeit nach der Messe sehr schnell wieder vorbei war. Bei den Philippinen im letzten Jahr haben wir festgestellt, dass das Interesse im Anschluss fast auf Null ging. Bei der tschechischen Literatur gibt es einmal viele bekannte Namen, wie Jaroslav Rudiš oder Radka Denemarková, die immer im Gespräch sind. Und es gibt viele, die jetzt kommen. Wie zum Beispiel Anna Bolavá. Ihr erster Roman lief bereits gut, weil sie eine ganz eigene poetische Sprache besitzt. Jetzt greifen viele Leserinnen und Leser automatisch nach ihrem zweiten Roman. Das habe ich hier auf der Buchmesse und auch bei den Lesungen sehr deutlich gespürt – sie hat sich bereits einen echten Namen gemacht. Und wir werden ebenso ihren dritten Roman machen. Insofern wird es nicht abbrechen. Da wurde schon vorher eine Brücke gebaut, auf der wir jetzt weitergehen. Deswegen bin ich absolut zuversichtlich, dass wir jetzt eine starke Welle haben, die Wellen aber auch später bleiben.“









