Offenbar keine Seltenheit: Sexuelle Übergriffigkeit an tschechischen Schulen

Rund 120.000 Menschen in Tschechien könnten schon einmal eine intime Beziehung mit ihrem Lehrer oder ihrer Lehrerin gehabt haben. Diese Schätzung beruht auf einer aktuellen Umfrage. Inwiefern wird dies in der Gesellschaft als ein Problem angesehen?

Johanna Nejedlová | Foto: René Volfík,  iROZHLAS.cz

Das Meinungsforschungsinstitut NMS und die Hilfsorganisation Konsent sind der Frage nachgegangen, inwiefern die Menschen in Tschechien Erfahrungen mit sexueller Belästigung an Schulen haben – und ob dies als ein ernstes Problem angesehen wird. Eine Umfrage unter 1009 Onlinenutzern ab 18 Jahre habe alarmierende Zahlen ergeben, sagt die Direktorin von Konsent, Johanna Nejedlová. Dabei sei es etwa um die Frage nach intimen Beziehungen von Lehrenden zu Schülern gegangen:

„Herauskam, dass 1,5 Prozent der tschechischen Bevölkerung solche Erfahrungen schon einmal gemacht haben. Wenn wir das auf alle Schuljahrgänge mit je drei Klassen aufrechnen, dann hat ein Schüler pro Klassenstufe eine Beziehung mit einem Lehrenden. Dies hat mich schon sehr schockiert“,

so die NGO-Chefin. Konsent bietet Prävention und Beratung zum Thema sexualisierte Gewalt an. Auch Schulen und betroffene Jugendliche würden sich regelmäßig an ihre Organisation wenden, berichtet Nejedlová. Darum sei das Phänomen sexueller Übergriffigkeiten von Seiten der Lehrenden an Schulen durchaus bekannt.

Der Umfrage zufolge sind unter den 1,5 Prozent Betroffenen mehrheitlich Frauen und Mädchen. Und weiter ergab die Statistik, dass fast 15 Prozent aller Menschen in Tschechien jemanden kennen, der eigene Erfahrungen mit intimen Kontakten zwischen Lehrern und Schülern gemacht hat.

Illustrationsfoto: Michaela Danelová,  iROZHLAS.cz

Die Studie von NMS und Konsent trägt die Überschrift „Škola není seznamka“ (Die Schule ist keine Partnervermittlung). Sie führt verschiedene problematische Verhaltensweisen auf. Dazu gehören das Versenden ungewünschter Nachrichten mit sexuellem Inhalt, ein Klapps auf den Po einer Schülerin, das Erzählen von Sex-Witzen oder auch die Einladung zum Rendezvous, die Lehrende an Schüler richten. Insgesamt wurden in der Umfrage zwölf solcher Situationen dargestellt, und die meisten wurden von dem Großteil der Befragten als inakzeptabel eingeordnet. Eine Ausnahme bildet dabei nur der Fall, wenn der Lehrende im Biologieunterricht über Verhütungsmethoden spricht – dies ist nach Ansicht der Menschen in Tschechien kein problematisches Verhalten.

Durchaus unterschiedlich werden die fraglichen Situationen aber je nach Alter der Jugendlichen bewertet. So bezeichnen 68 Prozent der Umfrageteilnehmer die intime Beziehung eines Lehrers mit einer 15-jährigen Schülerin als sexuelle Belästigung. Bei einer 18-jährigen Schülerin fällen aber nur noch 26 Prozent der Befragten dieses Urteil – und 55 Prozent bewerten es schwächer, nämlich nur als problematisches Verhalten.

Ein sexuelles Fehlverhalten von Lehrenden gegenüber Schülern halten 39 Prozent der Menschen in Tschechien für ein sehr schwerwiegendes und 25 Prozent für ein mittelschweres Problem. In den einzelnen Altersgruppen unterscheiden sich diese Antworten dann aber noch einmal deutlich. Die größte Gruppe, die in sexuellen Übergriffen ein sehr schwerwiegendes Problem sieht, sind mit 55 Prozent die 25- bis 34-Jährigen. Bei den Befragten zwischen 55 und 64 Jahren sind hingegen nur 28 Prozent dieser Meinung. Und fast ein Viertel dieser Altersgruppe antwortete mit „Ich weiß nicht“. Dazu erläutert Jakub Bakule, der bei NMS die Abteilung Public leitet:

Jakub Bakule | Foto: Elena Horálková,  Tschechischer Rundfunk

„Diese Leute sagen, dass sie nicht wissen, wie die Lage ist. Es ist nicht so, dass sie das Problem bagatellisieren würden. Sie können nur nicht einschätzen, wie weit verbreitet es ist. Bei den jüngeren Generationen gibt es eindeutig nur wenige Leute, die dazu keine Meinung haben. Zugleich sind sie wesentlich schärfer in ihrem Urteil, dass es sich um ein ernsthaftes Problem handelt.“

Die Schulerfahrung liege für ältere Menschen eben schon länger zurück, sodass sie sich schwer wieder in dieses Umfeld hineinversetzen könnten, fügt Bakule hinzu.

Dennoch sind sich aber 89 Prozent aller Teilnehmer der Umfrage einig, dass jede Schule verpflichtend einen Ethikkodex haben sollte. Hingegen meinen nur 66 Prozent der Befragten, dass eine sexuelle Beziehung zu einem Schüler oder einer Schülerin ein Verbot für den Lehrer oder die Lehrerin nach sich ziehen müsse, weiterhin in pädagogischen Berufen zu arbeiten.

Autoren: Daniela Honigmann , David Schalek | Quelle: Český rozhlas
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