Onlineshop für lau: „Hackathon“ zur E-Vignette

Foto: ČTK/Deml Ondřej

Ein überteuerter IT-Auftrag hat in Tschechien in den vergangenen Wochen für Furore gesorgt. Verkehrsminister Vladmír Kremlík kostete er schließlich den Job. Es geht dabei um das Verkaufs- und Informationssystem für die neue digitale Autobahnvignette. Rund einhundert IT-Experten haben dem Staat in der Zwischenzeit aber ein kostenloses Konzept vorgestellt. Ob es letztlich übernommen wird, ist jedoch fraglich.

Foto: ČTK/Deml Ondřej

Von 400 Millionen Kronen auf null – und das nur an einem Wochenende. So könnte man den sogenannten Hackathon zur elektronischen Autobahnvignette ganz kurz umschreiben. Das Ergebnis des Programmier-Marathons kann sich durchaus sehen lassen. Jakub Nešetřil von der Plattform Cesko Digital (Tschechien digital) ist beteiligt an dem Projekt:

Vladmír Kremlík (Foto: Michaela Danelová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Natürlich funktioniert kein System von Anfang an einwandfrei. Nichtsdestotrotz ist ein großer Teil davon fertig, und es sieht auf den ersten Blick sehr hochwertig aus. Nun müssen noch die Teile ergänzt werden, zu denen die Programmierer von außen keinen Zugriff haben. Das betrifft vor allem die Anwendungen, die aus Sicherheitsgründen bisher geschützt sind. Alles in allem ist das Programm aber voll funktionstüchtig.“

Zur Erinnerung: Das Verkehrsministerium hatte ein Verkaufs- und Informationssystem für die digitale Autobahnvignette in Auftrag gegeben. Denn schon im kommenden Jahr soll es das tschechische Pickerl nur noch elektronisch geben. Das Geschäft wurde zum Skandal, denn es war mit über 400 Millionen Kronen (16 Millionen Euro) klar überteuert. Außerdem hatte keine Ausschreibung stattgefunden. Der damalige Ressortchef Vladimír Kremlík musste wegen diesen Ungereimtheiten seinen Hut nehmen, und die Regierung annullierte den Auftrag – mit viel Glück klappte das sogar ohne eine mögliche Vertragsstrafe.

Gleichzeitig machte sich eine Gruppe von IT-Experten rund um den Digital-Unternehmer Tomáš Vondráček am vergangenen Wochenende daran, einen neuen Vignetten-Onlineshop für den Staat zu konzipieren, und zwar kostenlos. Deshalb wurde das Ganze auch Férova známka, also Faire Vignette getauft. Selbst wenn man die Arbeit in Rechnung gestellt hätte, wäre man nur auf einen Bruchteil der ursprünglich geplanten Kosten gekommen. Das bestätigt auch Jakub Nešetřil:

Tomáš Vondráček (Foto: ČTK/Deml Ondřej)
„Die Organisatoren des Hackathons versuchen derzeit, eine konkrete Summe zu berechnen. Also, wie viele Leute beteiligt waren und wie viele Stunden gearbeitet wurde. Das Programmieren an nur einem Wochenende ist natürlich eher so ein Gag für die Medien. Ein Kern-Team war nämlich schon in der ganzen Woche davor mit den Vorbereitungen beschäftigt, und auch in der nächsten Zeit muss noch einiges verbessert werden. Insgesamt dürften sich die Kosten rein hypothetisch im einstelligen Millionenbereich bewegen. Auf die ursprünglichen mehreren Hundert Millionen Kronen würden wir nie im Leben kommen.“

Die Regierung hatte angekündigt, in einem regulären Ausschreibungsverfahren einen neuen Anbieter für das System finden zu wollen. Dennoch zeigte man sich offen gegenüber den Ergebnissen des Hackathons. So kamen auch Premier Andrej Babiš und der neue Verkehrsminister Karel Havlíček in das Bürogebäude im Prager Stadtteil Holešovice, um den IT-Cracks über die Schultern zu schauen. Unter anderem der zuständige Ressortchef Karel Havlíček zeigte sich begeistert von der Arbeit des Teams:

„Selbstverständlich muss das System die nötigen Parameter erfüllen und zeigen, dass es unseren Erwartungen entspricht. Zur Stunde schaut die Plattform aber sehr vielversprechend aus, wobei sie natürlich noch einige Härtetests bestehen muss. Dabei müssen wir sichergehen, dass alles klappt. Doch so wie es jetzt aussieht, dürfte das Projekt gar nicht so schlecht ausfallen.“

Herausforderung für den Gesetzgeber

Andrej Babiš (Foto: Michaela Danelová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Weiterhin ist aber fraglich, ob die Regierung die Arbeit der IT-Experten ohne Weiteres übernehmen kann. Denn auch hier gab es keine Ausschreibung, und das könnte zur Legislativ-Falle werden. Zwar zeigte sich Premier Andrej Babiš vom Hackathon beeindruckt, verwies aber klar auf offene Fragen:

„Es muss einen Vertrag geben, und die Verantwortlichkeiten müssen geregelt sein, sollte das Ganze nicht richtig funktionieren. Wenn wir das System nämlich übernehmen, und es wäre irgendwie fehlerhaft, dann stünden wir vor einem Problem. Herr Vondráček hat mir zudem versichert, dass sich die Teilnehmer des Hackathons nicht an einer Ausschreibung beteiligen würden, sollten wir letztlich einen Betreiber für diesen Onlineshop suchen.“

Damit würde es immerhin nicht zu einem Interessenskonflikt kommen.

Der IT-Experte Jakub Nešetřil glaubt aber fest daran, dass eine Übernahme des kostenlosen Onlineshops durch den Staat ohne Weiteres möglich wäre:

„Ich denke, dass es realistisch ist, wobei es natürlich ein erstes Mal wäre. Man müsste da einfach herumprobieren, vor allem was die legislative Seite betrifft. Rein technisch steht einer Übernahme unseres Konzepts durch den Staat aber nichts im Weg.“

Insgesamt sieht Jakub Nesteril kein Problem darin, wenn sich der Staat von der Arbeit des Hackathons nur inspirieren lässt und sie zur Grundlage für eine neue Ausschreibung nimmt. Dabei gelte es aber, Einiges zu berücksichtigen, meint der Informatiker:

Foto: ČTK/Deml Ondřej
„Es ist sicher nicht schlecht, wenn sich der Staat wirtschaftlich verhält und eine kostenlose Variante nutzt, sofern diese zur Verfügung steht. Bei IT-Konzepten geht es aber nie nur darum, diese nur zu starten. Man muss sie in der Folge auch warten und weiterentwickeln. Das bedeutet, dass ein möglicher Anbieter, den der Staat für den Betrieb auswählt, auch eine Art Lernphase in Rechnung stellen dürfte. Es braucht nämlich Zeit, sich mit dem System vertraut zu machen. Das alles hat dann Einfluss auf den Gesamtpreis einer möglichen Folgeausschreibung.“

Auf der anderen Seite warnt Nešetřil davor, wegen möglichen Reklamationen in Panik zu geraten. Denn bei der IT müsse man immer davon ausgehen, dass nichts so perfekt ist, wie es sein könnte:

„In dem Moment, in dem der Anschaffungspreis bei null liegt, sind Reklamationen natürlich schwierig. Sollten aber Probleme auftreten, kann man diese ganz einfach durch die laufende Wartung und Weiterentwicklung der Software lösen. Man muss ja sowieso immer dranbleiben an einem solchen Programm. Das könnte letztlich auch Teil einer möglichen Ausschreibung für den Betrieb des Systems werden.“

Mehr Kontrolle für IT-Aufträge

Karel Havlíček (Foto: Michaela Danelová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Der Vignetten-Onlineshop ist jedoch nicht das einzige umstrittene IT-Projekt der tschechischen Regierung. Beispielsweise das Sozialministerium hat derzeit mit einem digitalen Auszahlungs-System für die Sozialhilfe zu kämpfen. Auch dessen Preis ist in den vergangenen Wochen in astronomische Höhen gestiegen. Das Kabinett von Premier Babiš will digitale Aufträge deshalb in Zukunft besser kontrollieren. Dazu Wirtschafts- und Verkehrsminister Karel Havlíček:

„Wenn künftig jedem Auftrag schon im Vornhinein ein weiteres Screening droht, dann hat das einen bestimmten psychologischen Effekt. Man gibt dann nämlich von Anfang an mehr Acht bei der Auswahl einer Firma.“

Bei der Kabinettssitzung diese Woche einigte sich die Koalition deshalb darauf, dass IT-Projekte künftig aus dem Innenministerium heraus überwacht werden sollen. Jedoch erst ab einem Wert von sechs Millionen Kronen (knapp 240.000 Euro). Vladimír Dzurilla ist Sonderbeauftragter der Regierung für Digitales:

„Sämtliche IT-Aufträge unterschiedlichster Art müssen ab jetzt vom Amt des hauptverantwortlichen ‚Architekten‘ für E-Government beim Innenministerium genehmigt werden. Das betrifft auch alle untergeordneten Organisationen, die Teil der übrigen Ressorts sind.“

Vladimír Dzurilla (Foto: ČT24)
Für den Computerspezialisten Jakub Nešetřil reicht eine erweiterte Kontrolle allein aber nicht aus. Er fordert insgesamt ein Umdenken der Regierung, wenn es um digitale Fragen geht:

„Ideal wäre, wenn sich der Staat in diesem Bereich helfen lassen würde. Denn derzeit hinkt er in digitalen Dingen den weltweiten Entwicklungen mindestens 10 bis 15 Jahre hinterher. Die beste Lösung wäre ein modernes und hochwertiges Team, das direkt Teil der Staatsverwaltung ist. Übergangsweise reicht erst einmal aber auch ein eigenes Organ, das sich von externen Spezialisten beraten lässt.“

Den ersten Schritt der Regierung begrüßt Jakub Nešetřil aber allemal.


Abm: Übrigens ist der Onlineshop des Hackathons bereits online, und man kann schon jetzt symbolisch für eine, zwei oder drei Kronen eine digitale Vignette kaufen. Natürlich berechtigt diese nicht zum Fahren auf tschechischen Autobahnen, doch der Erlös kommt Kindern in Not zugute. Das Angebot gibt es übrigens auch auf Deutsch. Ein Link dorthin finden Sie hier: fairznamka.cz