Organisiertes Verbrechen in Tschechien: Korruption und moderne Sklaverei, weniger mordende Gangs
Bei der tschechischen Polizei gibt es die Zentrale für den Kampf gegen organisiertes Verbrechen (NCOZ). Sie hat nun ihren Jahresbericht vorgelegt, zudem hat ihr Chef ein längeres Interview gegeben. Was also sind die Hauptbedrohungen vonseiten des organisierten Verbrechens hierzulande?
Eine der Hauptformen von organisierter Kriminalität in Tschechien ist weiterhin die Korruption. Dies geht aus dem Jahresbericht der entsprechenden Polizeieinheit hervor, der am Mittwoch veröffentlicht wurde. Demnach kommt es vor allem dort zu Bestechung, wo Gelder staatlicher Institutionen fließen und öffentliche Aufträge vergeben werden. Jiří Mazánek leitet die Zentrale für den Kampf gegen organisiertes Verbrechen. Im Interview für den Tschechischen Rundfunk und die Presseagentur ČTK konkretisiert er, dass vor allem das Bauwesen, der IT-Sektor oder das Gesundheitswesen von Korruption betroffen seien.
Seinen Worten nach ist hingegen die Zahl an Gangs hierzulande zurückgegangen, die Menschen entführen oder überfallen würden...
„Wir sehen wirklich, dass diese Phänomene der 1990er Jahre verschwunden sind. Damit sage ich aber nicht, dass es keine Auftragsmorde mehr geben würde. Gerade wurde ein solcher Mord vor Gericht verhandelt und verurteilt. Wir beschäftigen uns durchgehend mit der Frage, ob es noch Auftragsmorde und große Raubüberfälle als Phänomene gibt. Aber es sind nur einige wenige Fälle“, so der Polizist.
Mazánek befürchtet allerdings, dass sich der Trend auch wieder umkehren könnte. Dabei verweist er auf die Gefahr, die von den Partnern jener Ukrainerinnen ausgehen könnte, die hierzulande Zuflucht gefunden haben. Kämen diese Männer nach Tschechien, könnte dies mehr Gewaltbereitschaft bedeuten, so der Leiter der Polizeizentrale. Denn jahrelang an der Front und im Schützengraben zu sein, verändere einen Menschen grundlegend, sagt Mazánek.
Auch geflüchtete Ukrainerinnen, aber genauso weitere Ausländer sowie bestimmte Gruppen tschechischer Bürger sind hingegen schon jetzt einem weiteren Bereich organisierter Kriminalität ausgesetzt. Das ist die moderne Sklaverei. Die NCOZ startet gerade eine Kampagne dagegen.
In einem Video versuchen die Elitepolizisten über die Gefahren der modernen Sklaverei aufzuklären. Mit dem Film wenden sie sich sowohl an mögliche Opfer, als auch an Außenstehende, die vielleicht auf einen Fall aufmerksam geworden sind. Diese werden aufgefordert, den Notruf der Polizei unter 158 anzurufen.
Kateřina Suchánská aus dem Präventionsteam der Polizei sagte dazu in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:
„Die Opfer haben zum Beispiel keine Ausweispapiere bei sich, weil vor allem den Ausländern diese von den Tätern abgenommen werden. Und die Opfer erscheinen auch nicht auf den Ämtern, das übernehmen die Täter, die sie die ganze Zeit unter Kontrolle halten.“
Laut Mazánek ist die moderne Sklaverei in Tschechien weiter verbreitet, als gemeinhin angenommen werde. Laut den Statistiken wurde im vergangenen Jahr in insgesamt 39 Fällen polizeilich ermittelt. Zu jedem einzelnen könnte es noch weitere 15 bis 20 Opfer geben, schätzt der Leiter der Zentrale für den Kampf gegen organisiertes Verbrechen.
In Gefahr schweben vor allem ausländische Arbeitskräfte, von denen mehrere Hunderttausend in Tschechien tätig sind. Die Opfer müssen dann unter anderen Bedingungen arbeiten, als ursprünglich angeboten – und werden abhängig gemacht. Aber Mazánek ergänzt:
„Betroffen sind nicht nur Ausländer, sondern auch tschechische Bürger. Dabei werden ihre soziale Schieflage oder ihre finanziellen Probleme missbraucht. Und diese Menschen sind dann gezwungen, illegal zu arbeiten – indem sie zum Beispiel in Familien versklavt werden.“
Die Aufklärungskampagne der NCOZ nennt sich „Arbeit in Ketten“ (Práce v řetězech). Mit ihr soll das Misstrauen der Opfer gegenüber der Polizei durchbrochen werden. Deswegen gibt es das entsprechende Video nicht nur in Tschechisch und Englisch, sondern auch in Ukrainisch, Rumänisch, Bulgarisch und Russisch.
Ein weiteres großes Problem innerhalb der organisierten Kriminalität im Land ist die Geldwäsche. Mazánek würde sich für den Kampf gegen dieses Phänomen ein ähnliches Gesetz wünschen, wie es vergangenes Jahr in den Niederlanden oder in Lettland erlassen wurde. Denn jährlich fließen seinen Aussagen nach rund 50 Milliarden Kronen (gut zwei Milliarden Euro) an Geldern problematischer Herkunft durch Tschechien.







