Paradiesgarten eröffnet: Kunst aus Benediktinerklöstern in Nationalgalerie

Foto: Martina Schneibergová

In unseren Sendungen haben wir Sie bereits über die Eröffnung der Ausstellung der Prager Nationalgalerie informiert, in der die früh- und hochmittelalterliche Kultur der Benediktinerklöster gezeigt wird. Rund 250 Kunstwerke sowie Alltagsgegenstände aus der Zeitepoche von 800 bis 1300 sind in der Waldstein-Reitschule der Hauptstadt zu sehen.

Petr Sommer (Foto: Archiv der Akademie der Wissenschaften)
Die Ausstellung in der Waldstein-Reitschule dokumentiert die Rolle, die der Benediktinerorden bei der Christianisierung der Völker in Mitteleuropa spielte. Petr Sommer leitet das Zentrum für Mediävistik an der Akademie der Wissenschaften in Prag. Über den Beitrag der Benediktiner zur Entstehung der mittelalterlichen Staaten sagte er:

„Die Benediktiner kamen schon mit den ersten Missionaren im 9. und 10. Jahrhundert nach Mitteleuropa. Im frühen böhmischen Staat waren sie in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts präsent. Sie waren in unmittelbarer Nähe der Herrscher tätig.“

Wenn man den Ausstellungssaal von oben betrachtet, ist zu erkennen, dass er in seiner Gestaltung einem Sakralraum mit mehreren Nischen ähnelt. Gibt es denn einen vorgegebenen Schlüssel oder eine Richtung, in der man die Ausstellung besichtigen sollte?

Foto: Martina Schneibergová
„Unsere Idee war, die Ausstellung als ein virtuelles Kloster zu gestalten. In der Mitte steht die Klosterkirche, an deren Seiten sich die einzelnen Räumlichkeiten einer Benediktinerklausur befinden. Die Besucher betreten den Kapitelsaal, die Sakristei, das Dormitorium, das Refektorium, die Küche und andere Räume und lernen dabei, wie der Alltag in einem Kloster aussah. Zudem erfahren sie einiges über das geistliche Leben. Zu besichtigen sind zudem liturgische Gewänder, Sakralgegenstände, die bei den Gottesdiensten zum Einsatz kamen.“

In den Benediktinerklöstern spielte die Zeit eine besonders wichtige Rolle. Gibt es auch dazu auch Exponate und Texte?

„Der Tagesablauf war bei den Benediktinern durch regelmäßige Andachten strukturiert. Die Mönche mussten sich deshalb zeitlich orientieren. Sie beobachteten die Sterne oder die Sonne mit einfachen Geräten – wie beispielsweise dem sogenannten ´Astrolabium´.“

Die Ausstellung trägt den Titel „Öffen den Paradiesgarten“. Der Titel stammt aus einem Gebet des Abtes Suger vom Kloster St. Denis bei Paris. In der Ausstellung werden einige bekannte Persönlichkeiten sowie einzelne bedeutende Zentren des Benediktinerordens vorgestellt. Die Auswahl der Exponate dokumentiert die Tätigkeit der Mönche in Mitteleuropa – von den ersten Missionaren bis zu den weiteren Generationen, die die wichtigsten Klöster gegründet und zur weiteren Entfaltung beigetragen haben. Die so genannte „Regula Benedicti“, die Regeln, die der heilige Benedikt im 6. Jahrhundert für das Klosterleben zusammenstellte, sind dank Karl dem Großen zur Norm für das westliche Mönchtum geworden. Professor Sommer dazu:

Karl der Große
„Karl der Große war ein Herrscher, der viele Reformen durchgeführt hat. Einige davon betrafen auch die Kirche. Er versuchte, für die Klöster genaue Regeln festzulegen. Schließlich beschloss er, dass die Regeln der Benediktiner für alle Klöster in seinem Reich verbindlich sein müssen. Es dauerte noch eine Zeit, bis dieses Vorhaben durchgesetzt wurde.“

Wurde auch festgelegt, wie ein Kloster aussehen sollte?

„Ein klarer Beleg dafür, dass es für die Klöster Bauvorgaben gab, stammt aus dem dritten Dezennium des 9. Jahrhunderts. Er umfasst nicht nur Räumlichkeiten, die den liturgischen Zwecken dienten, sondern auch beispielsweise Wirtschaftsgebäude.“

Foto: Martina Schneibergová
Hat sich während der Zeitepoche, von der die Ausstellung handelt, innerhalb des Benediktinerordens etwas verändert?

„Es gab eine Veränderung – Benediktiner, die an Universitäten oder Schulen unterrichteten, konnten nicht mehr zu einer festgelegten Zeit siebenmal am Tag beten. Aber im Prinzip gelten die Regeln, die der heilige Benedikt im 6. Jahrhundert zusammenstellte, bis heute. Unter den Exponaten ist unter anderem die älteste erhaltene Regel, die aus dem 9. Jahrhundert stammt. Zudem ist bei uns ein historischer Klosterplan zu sehen, der die ganze Ausstellung inspiriert hat. Es ist jedoch kein Originalstück.“

Die Ausstellung ist ein Ergebnis der internationalen Zusammenarbeit der Prager Nationalgalerie mit Museen und anderen Institutionen in acht Ländern. Sie zeigt Steinplastiken, illuminierte Handschriften sowie Gebrauchskunst, die in den Benediktinerklöstern entstanden sind.

Foto: Martina Schneibergová
Die Ausstellung über die Benediktiner im Herzen Europas in der Prager Waldstein-Reitschule ist noch bis zum 15. März zu sehen. Der Ausstellungskatalog ist in tschechischer und englischer Sprache verfasst.