Juwel der Beuroner Kunst: Kloster St. Gabriel

Foto: SPBU

Die Kirche St. Gabriel im Prager Stadtteil Smíchov unterscheidet sich fast von allen anderen Sakralbauten in der tschechischen Hauptstadt. Sie hat weder romanische noch gotische Fundamente wie viele der Prager Kirchen und wurde auch nicht im Barockstil gestaltet. St. Gabriel ist vielmehr eines der wichtigsten Werke der so genannten „Beuroner Kunstschule“. Dieser Stil, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Kloster Beuron bei Sigmaringen entstanden ist, hat sich dank der Benediktinermönche auch an der Moldau etabliert. Mehr über St. Gabriel erfahren Sie im folgenden Gespräch mit der Vorsitzenden des Prager Fördervereins für Beuroner Kunst, Monica Šebová.

Emmaus-Kloster
Frau Šebová, wie kam es dazu, dass die Kunst aus Beuron in Prag auftaucht?

„Auf Grund des Kulturkampfes von Bismarck. Weil das Kloster in Beuron aufgelöst wurde und die Benediktiner nach einem neuen Zuhause suchten. Schließlich fanden sie es in Prag im Emmaus-Kloster.“

Wann wurde denn der Konvent der Benediktinerinnen gegründet?

„Der Grundstein wurde 1888 gegründet und im Jahr 1891 wurde es zusammen mit der Kirche geweiht. Der Name des Klosters ist St. Gabriel, aber die Kirche wurde als ‚Mariä Verkündigung’ geweiht.“

Wovon haben sich die Beuroner Mönche bei ihrer Kunst inspirieren lassen?

Monica Šebová  (Foto: SPBU)
„Vor allem in Ägypten. Da stellt sich jetzt natürlich die Frage: Warum? Das ganze 19. Jahrhundert ist stark von Ägypten beeinflusst. Aber diese Inspiration von Lenz kam durch Gott. In Ägypten gab es schon eine Etappe, wo sie nach einem einzigen Gott gesucht haben. Lenz war sehr belesen und kannte sich gut mit dem Neuen und dem Alten Testament aus. Ich sehe es so, dass das, was die Menschen hier hinterlassen haben, also eben auch diese ägyptische Zeit, hat Lenz für die Beuroner Kunst genommen. Da gibt es auch noch andere Inspirationsquellen, aber vor allem die Ägypter.“

Beuroner Kunst in der St. Gabriel Kirche  (Foto: SPBU)
Die Kunst ging von einem sehr strengen Kanon aus. Hat Lenz das selbst zusammengesellt, oder stützte er sich vielleicht auf Vorgänger?

„In dem Buch der Wahrheit steht, dass Gott alles nach Maß, Gewicht und Zahlen geschaffen hat. Maß steht für die Geometrie, Zahlen muss man errechnen, wenn man beispielsweise ein Dreieck in einen Kreis zeichnen möchte und Gewicht bedeutet auch Harmonie. Und es ist sehr harmonisch in der Beziehung. An der Ostwand in der St. Gabriel Kirche ist beispielsweise eine Darstellung der Mutter Gottes mit dem kleinen Jesus und an der Westwand ist eine Darstellung der Mutter Gottes mit dem toten Christus. Das entspricht sich.“

An der Darstellung, die sie gerade erwähnt haben, hat er sehr lange gearbeitet. Es war ein bedeutendes Werk für ihn. Wie kam es dazu, dass es dann im St. Gabriel-Kloster gelandet ist?



Beuroner Kunst in der St. Gabriel Kirche  (Foto: SPBU)
„St. Gabriel war das allererste Frauenkloster und es kam wirklich die große Gruppe von Beuroner Künstlern nach Prag. Die Entwürfe der Malereien sind auch von Lenz. Lenz musste sich jedes Mal eine Genehmigung von seinem Abt holen. Er war sehr lange an der Pieta tätig und hat sich dann dafür entschlossen, dass es in St. Gabriel sein wird, weil er gespürt hat, dass St. Gabriel zu einem Schatz der Beuroner Kunst werden könnte. Es gehört wirklich zu den vier Schätzen dieser Kunstschule auf der Welt.“

Gnadenkapelle in der Kirche St. Martin in Beuron  (Foto: Archiv der Hochschule Reutlingen)
Welche sind denn die anderen drei?

„Die Mauruskapelle, die einzige, die in der Beuroner Architektur gebaut wurde. Dann die Gnadenkapelle, die sich in der Kirche St. Martin in Beuron befindet, die ist aber erst im Jahre 1900 ausgemalt worden, später, als St. Gabriel entstanden ist. Die dritte ist die Krypta in Monte Casino, wo die Gründer der benediktinischen Regeln gelebt haben, also Scholastiker und Benedikt.

Wie kann man denn diesen Kunststil datieren?

„Von den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts bis zu den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Wobei die zweite Etappe, also die letzten 30 Jahre, ist Beuroner Kunst, die schon ohne den Kanon entstanden ist.“

Kommen wir auf die Kirche St. Gabriel zurück. Sie haben zwei Bilder bereits erwähnt. Es gibt da aber mehrere Darstellungen von Heiligen. Worin besteht das Besondere an diesen Beuroner Darstellungen?

Desiderius Lenz
„Ich denke, dass es etwas Besonders war. Obwohl Lenz und seine Beuroner Gruppe Ausländer waren, haben sie sich, was die böhmischen Heiligen angeht, gut ausgekannt: Die Kirche wurde am 900. Todestag des Benediktiners, des heiligen Adalbert geweiht. Die Beuroner Mönche haben den heiligen Nepomuk, den heiligen Wenzel sowie seine Großmutter - die heilige Ludmila - gemalt, die erdrosselt wurde. Dieses Symbol des Mordes malten sie nicht so, wie es üblich war. Auf allen Bildern hat die heilige Ludmila nämlich einen weißen Schleier um den Hals. Weiß gilt als die Farbe der Unschuld. Aber hier in St. Gabriel wurde Ludmila mit einem roten Schleier dargestellt, dem Symbol des Märtyrertums und des Blutes.“

Wurde der abgebildete heilige Wenzel auch etwas ungewöhnlich gestaltet?

Beuroner Kunst in der St. Gabriel Kirche  (Foto: SPBU)
„Ja. Das haben wir erst entdeckt, nachdem es richtig fotografiert wurde: Da trägt der Heilige ein Panzerhemd.“

Und Bischof Adalbert in der Darstellung der Beuroner?

„Bischof Adalbert heißt auf Tschechisch Vojtěch. Er hat über dem Haupt eine Inschrift, auf der steht, dass in der Kirche seines 900. Todestags gedacht wurde. Das heißt also, die meistens ausländische Benediktinerinnen haben diesen tschechischen Benediktiner angenommen.“

Gitter vor der Restaurierung,  noch in Österreich  (Foto: SPBU)
Es gibt ja auch eine Kapelle, die erst viel später geweiht wurde.

„Es ist die Kapelle des heiligen Benediktus, die mit einem riesigen Gitter, das wahrscheinlich vergoldet war, von dem anderen Kirchenraum getrennt war. Die Schwestern haben es dann im Jahre 1919 mitgenommen, weil sie nach Österreich umgezogen sind. Das, was hier geblieben ist, war eigentlich kaum eine Kapelle mehr, weil man sie ohne das Gitter nicht erkennen konnte. 90 Jahren später, als die Schwestern wieder umgezogen sind, weil sie eine zu kleine Gruppe waren, haben sie uns angeboten, alles, was sie aus Prag mitgenommen haben, wieder nach Prag zurückzugeben. Und unter den vielen Sachen, war eben auch dieses Gitter, das aber in einem schrecklichen Zustand war. Es wurde dann hergerichtet, restauriert und dann wieder an die Stelle hingestellt, an der es damals gestanden hatte.“

Wie ist das denn heute mit dem Klosterareal? Es gehört ja längst nicht mehr der Kirche.

Kloster St. Gabriel  (Foto: Kristýna Maková)
„Ja, leider wurde die Kirche samt dem Kloster verkauft. Der Grund dafür war, dass sich die Schwestern hier damals nicht wohl gefühlt haben, als der tschechoslowakische Staat entstanden ist. Sie haben das Kloster dann an das Postministerium verkauft. Die Erbin ist also die tschechische Post. Aber sie waren so klug einen Vertrag zu unterschreiben, in dem festgelegt wurde, dass die Kirche solange noch von den Gläubigen verwendet werden darf, solange noch Messen gelesen werden, auch wenn sie der tschechischen Post gehört.“

In wie weit sind sie denn in Kontakt mit den Benediktinerinnen vom Konvent St. Gabriel oder deren Nachfolgerinnen, die heutzutage in Österreich leben?

Václav Malý
„Sie sagen immer, dass ihr Zuhause in Prag ist. Václav Malý, der heute Bischof von Prag ist, hat einst als Pfarrer von St. Gabriel den ersten Kontakt angeknüpft und dann ist er in eine andere Pfarrei versetzt worden. Er sagte, dass er es sich wünschen würde, dass jemand hier in der Kirche St. Gabriel das, was er begonnen hat, weiter entwickelt. Ich muss sagen, dass ich weiter mit den Schwestern in Kontakt bin und dankt diesem Kontakt haben wir sehr viele Gegenstände wieder nach Prag bringen können, sodass die St. Gabrielkirche heute wirklich vollkommen ´beuronisch´ ist. Dort gibt es nichts, was nicht ´beuronisch´ wäre.“

Kloster der heiligen Familie im Stadtteil Řepy  (Foto: Archiv des Heims des Hl. Karl Borromäus)
Gibt es in Prag auch noch andere beuronische Sakralbauten?

„Es gibt Emmaus, was aber eben nachgebaut wurde. Vor allem eben die kaiserliche Kapelle, die Kirche ist nachgebaut und nachgeschmückt worden. Es gibt dann auch noch die zweite Generation der Beuroner Kunst: Das ist dann zum Beispiel das Kloster der heiligen Familie im Stadtteil Řepy, das ist auch beuronisch. Beuronisch ist auch zum Beispiel die Kirche der heiligen Anna in Žižkov. In einigen Kirchen gibt es dann eben nur einen Altar, der beuronisch ist, das ist beispielsweise die St. Antoniuskirche auf dem Strossmayer-Platz im 7. Stadtbezirk. Es gibt dann natürlich in der Tschechischen Republik Klöster und Kirchen, die im Beuroner Stil gestaltet wurden - wie zum Beispiel in Hradec Králové / Königgrätz, in České Budějovice / Budweis in Südböhmen oder das Marianum in Opava / Troppau oder in Kladno in der Nähe von Prag. Es gibt mehrere solche Sakralräume.“

Altar in der St. Antoniuskirche auf dem Strossmayer-Platz  (Foto: Kostely CZ)
Gibt es einen ´beuronischen´ Reiseführer? Oder denken sie daran, mal einen herauszubringen?

„Ja, wir denken häufig daran, aber es ist sehr viel zu tun. Zum Beispiel möchte ich zuerst dieses Evangeliar übersetzen, dass die Benediktinerinnen geschrieben und auch ausgemalt haben. Das ist wirklich etwas Besonderes. Wir haben schon die Genehmigung, nicht nur von den Schwestern, sondern auch von Beuron. Einige Teile sind schon übersetzt worden. Es könnte eine sehr schöne deutsch-tschechische Zusammenarbeit werden.“