Peter Handke: der Franz-Kafka-Preisträger 2009 im Porträt

Peter Handke (Foto: ČTK)

Er ist zweifellos einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller unserer Zeit und die Liste der Auszeichnungen, die man ihm verliehen hat, füllt beinahe eine ganze A4-Seite: die Rede ist vom österreichischen Schriftsteller Peter Handke. Seit dieser Woche hat er einen Preis mehr in seinem Haus am Stadtrand von Paris stehen, wo er seit Jahrzehnten lebt: Den Franz-Kafka-Preis, den er am Montag in Prag entgegen genommen hat.

Peter Handke (Foto: ČTK)
Peter Handke und die Literaturpreise, das ist eine ganz spezielle Sache: 1999 gab er das Preisgeld für den 1973 verliehenen Georg-Büchner-Preis zurück, die Annahme der Heinrich-Heine-Preises verweigerte er im Jahr 2006, nachdem es im Düsseldorfer Stadtrat Uneinigkeit über die Verleihung des Preises an den österreichischen Autor gegeben hatte. Hintergrund des politischen Disputs waren Handkes Ansichten zu den Jugoslawienkriegen und seine Unterstützung für den vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagten ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milošević. Dass er sich nicht viel aus Auszeichnungen macht, bekräftigte Peter Handke auch diesen Sommer in einem Interview mit der „Kleinen Zeitung“, die in seiner alten Heimat Kärnten erscheint: Jeder Trottel von Schriftsteller habe schon zahlreiche Auszeichnungen gewonnen. Und im Jahr 2007 sagte er gegenüber der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“, er wolle ab sofort überhaupt keine Preise mehr annehmen.

Dennoch ist Peter Handke am vergangenen Montag nach Prag gekommen, um aus den Händen tschechischer Spitzenpolitiker und des Jury-Vorsitzenden Jiří Stránský den diesjährigen Franz-Kafka-Preis entgegen zu nehmen. Er sei zum ersten Mal in seinem Leben in Prag, sagte Peter Handke, und zeigte sich sichtlich bewegt über seine Begegnung mit der Stadt Franz Kafkas.

„Ich dachte immer, ich bin schon in Prag gewesen; dass man in Prag gewesen sein kann durch Franz Kafka. Und ich dachte immer, nach Prag zu gehen ist eine Tautologie. Prag heißt, glaube ich, auf Slawisch ‚Schwelle’. Prag ist eine Stadt der Schwelle, Prag ist so voll von Kafka, dass man ihn gar nicht mehr wahrnimmt als den großen Propheten, der er war.“

Sogar in seinem Hotel sei ihm Kafka sofort begegnet, sagte Peter Handke, und zwar in Form eines Zitates in der Eingangshalle:

„Aber es genügte heute in dem Hotel, in dem ich geblieben bin, dass ich in der Vitrine diese zwei Sätze von Kafka gelesen habe, und alle Bilder von Kafka sind verschwunden und es ist nur seine Sprache geblieben. Goethe hat für Wilhem Meister gesagt, dass er sich nicht Meister nennen will. Sondern er will sich Geselle nennen. Wilhelm Geselle. Und so ist Franz Kafka der große Geselle aller Schriftsteller; von Homer und Lukrez und Vergil bis sogar zu mir.“

Zwei Sätze nur hat dieses Kafka-Zitat, aber es hat Peter Handke sichtlich beeindruckt und ließ sich genau auf die Situation projizieren, in der sich der frisch gekürte Kafka-Preisträger am Montag im Altstädter Rathaus wiederfand.

„Diese zwei Sätze gehen so: ‚Nichts, wenn man es überlegt, kann dazu verlocken, in einem Wetterennen der erste sein zu wollen. Der Ruhm, als der beste Reiter eines Landes anerkannt zu werden, freut im ersten Krawall eines Orchesters. Zu stark! Der Ruhm freut zu stark, als dass sich am Morgen danach die Reue verhindern ließe.' Also Ruhm – ich interpretiere – Ruhm und Reue gehören nach Kafka zusammen. Und für mich gehört ein Preis – das sage jetzt ich – und das ewige Schuldgefühl und das Nicht-Verdienen dieses Preises gehören auch zusammen. Ruhm und Treue, Preis und Schuld. Und so danke ich Ihnen, dass Sie hier sind. Dankeschön!“

Für Peter Handke ist also Franz Kafka das Vorbild für alle Schriftsteller, der „große Geselle aller Schriftsteller“, wie er in Anspielung an Goethes Wilhelm Meister sagt. Finden sich also auch in Peter Handkes umfangreichem Werk Spuren von Kafkas Werk? Daran bestehe kein Zweifel, sagte die die österreichische Autorin und Vorsitzende der österreichischen Gesellschaft für Literatur, Marianne Gruber, in ihrer Laudatio. Doch zunächst warf sie einen Blick zurück auf Peter Handkes jahrzehntelanges literarisches Schaffen:

„Mitte der 1960er-Jahre betrat ein introvertierter, sehr nachdenklicher, zorniger junger Mann die literarische Bühne, auf der er bis heuet präsent ist. Selbst dann, wenn er sich verweigert. Das bedeutet, dass er etwas Neues geschaffen hat, das keiner Mode folgte und auch von keiner Mode eingeholt wurde. Peter Handke. Ein Werk vom Umfang und von der Tiefe wie das vorliegende zu würdigen, erscheint mir vollkommen unmöglich. Die einzige adäquate form wäre ein Text auf gleichem Niveau. Als Antwort auf die Frage, die jede geschriebene Zeile stellt: Wo der andere und das mögliche Du ist.“

1942 in Griffen in Kärnten in schwierige familiäre Verhältnisse geboren, absolvierte Peter Handke den Großteil seiner Schulausbildung an einer streng katholischen Privatschule. Nach der Matura – dem Abitur – zog er nach Graz, wo er ein Jus-Studium begann. Die steirische Landeshauptstadt war es auch, wo Handkes literarische Aktivität ihren Ausgang nahm: Er schrieb Feuilletons für Radio Graz, lernte Alfred Kolleritsch, den Herausgeber der progressiven Literaturzeitschrift „manuskripte“ kennen und schloss sich der Grazer Gruppe an. Jener losen Vereinigung junger Autoren, die sich rund um „manuskripte“ und das „Forum Stadtpark“ gebildet hatte, eine Aktionsgemeinschaft von Künstlern, Wissenschaftlern und Kulturschaffenden. Sein Erstlingsroman „Die Hornissen“ erschien 1966, im selben Jahr folgte die Uraufführung seines Theaterstückes „Publikumsbeschimpfung“ in der Regie von Claus Paymann. Kurz zuvor hatte der Musterschüler Handke sein Studium kurz vor dem dritten Staatsexamen abgebrochen, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.

Es folgten viele Jahre der Rastlosigkeit: Handke lebte in Düsseldorf, Paris und Kronberg im Taunus, danach wieder für mehrere Jahre in Paris. 1979 kehrte er nach Österreich zurück, lebte bis 1987 in der Stadt Salzburg. Es folgte eine dreijährige Weltreise. Nach seiner Rückkehr ließ sich Handke 1990 in einem Vorort von Paris nieder, wo er bis heute lebt. Zu seinen bekanntesten Werken zählen der 1970 erschienene Roman „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten. Ein Schauspiel“, das Claus Paymann 1992 am Wiener Burgtheater uraufführte oder der 1996 erschienene Roman „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“, der sich kritisch mit der Rolle der westlichen Mächte im Jugoslawien-Krieg auseinandersetzt. Daneben hat Handke zahlreiche Klassiker der griechischen und römischen Literatur übersetzt sowie Texte von Shakespeare und zahlreichen jungen slowenischen, englischen und französischen Autoren.

In seinen Werken nimmt die Sprache eine zentrale Rolle ein, Handke erweist sich als wahrer Sprachkünstler; in seinen jüngsten Texten kritisiert er verstärkt auch die mediale Reizüberflutung.

„Als 1966 die ‚Hornissen’ erschienen und bald danach ‚Publikumsbeschimpfung’ und ‚Die Begrüßung des Aufsichtsrates’, passierte etwas mit uns, die wir damals über Literatur diskutierten und über das, was wir gerade lasen: die Befreiung von unserem Schulaufsatz-Korsett. Es war ein Staunen über das, was alles mit Sprache möglich ist. Was sich eröffnet, wenn man das Wort beim Wort nimmt. In der ‚Angst des Tormanns beim Elfmeter’ sind sogar kleine Zeichnungen eingefügt, um das besser vor Augen zu führen. Als hätten wir bis dahin keine eigene Sprache gehabt, als wären wir in der Rolle des Kasper, in den die Worte eindringen, Körper werden und mühsam wieder aus dem Körper den Weg zu finden suchen. Es war ein Stauen darüber, was Sprache kann, später eine Ahnung, was sie abverlangt. Eine Tür hatte sich geöffnet“, so Laudatorin Gruber, für die ein Autor die Verantwortung stets in der Sprache trage.

Peter Handke sei gewandert, auf der Suche nach seinen Bildern, die er in Literatur verwandelt hat. Seine Texte seien von einer geradezu radikalen Subjektivität geprägt. Ob er schreibe oder nicht, jeder Mensch sei letztlich durch den eigenen Kopf, das eigene Sehen und das eigene Erleben bestimmt. Peter Handke habe sich stets – oft polarisierend, manchmal auch polemisierend – gegen das „Vorgeschaute“ und das „Vorgesagte“ gewandt und tue dies bis heute. In der permanenten Ungewissheit des Lebens sei das Schauen die einzige Selbstvergewisserung. Und natürlich die Sprache, die Sozialisierung und Befreiung bedeute.

„Schauen, um zu sehen. Und Schreiben, um zu überleben, scheint es, gilt für Franz Kafka wie für Peter Handke. Die Parallelen sind mannigfaltig und nicht allein aus dem Text ‚Der Prozess’ mit der Widmung ‚Für Franz K.’ abzulesen. Sie lassen sich hier nur andeuten. Mag sein, dass die Beschäftigung mit dem Recht in Form eines Studiums den Blick beider mitbefördert hat, die Dinge zu ihrem Recht kommen zu lassen. Zu sehen, was sie sind oder sein könnten, ohne sie durch interpretatorische Absichten zu verformen. Das ist die hohe Kunst beider Autoren.“

Doch Prag, Tschechien, Böhmen und Mähren sind nicht nur Franz Kafka. Das Land hat im Laufe seiner wechselvollen Geschichte viele berühmte Schriftsteller heranwachsen gesehen, in jüngerer Zeit etwa Václav Havel oder Milan Kundera. Doch diese beiden Autoren hält Peter Handke nicht für so bedeutend für die tschechische Literaturgeschichte, wie er im Gespräch mit Radio Prag sagt:

„Mir sind Dichter wie Jan Skácel und Bohumil Hrabal näher. Jan Skácel ist ja eigentlich Mährer, aus Brünn, wenn ich mich nicht irre. Für mich bilden Skácel. Hrabal und Kafka das große Dreieck der tschechischen Literatur.“

Was fasziniert Sie so an Bohumil Hrabal, an seinem Werk?

„Die schmerzliche Philosophie, vielleicht. Philosophie und Schmerz.“

Und Jan Skácel?

„Jan Skácel ist der einfachste aller Dichter und einer der tiefsten. So wie in Spanien Antonio Machado. Das sind für mich die großen Dichter des 20. Jahrhunderts gewesen.“

Wir stehen nun kurz vor dem 20. Jubiläum des Falls des Eisernen Vorhanges…

„Ach ja, stimmt.“

…ein Stichwort dazu für Sie: Europäische Integration. Tschechien steht ja im Moment gerade – auch dank Václav Klaus – im Mittelpunkt der europäischen Aufmerksamkeit. Was bedeutet denn die Europäische Integration für Sie?

„Ich bin genauso skeptisch wie viele Tschechen. Wenn Europa keine Seele hat, nur ein Wirtschafts-Europa, das ist schwer zu denken. Aber Europa ist natürlich erst einmal nützlich, es ist gut so. Aber wo kommt die Seele dann dazu? Vielleicht muss sich mit Europa eine Katastrophe ereignen, oder ein gemeinsamer, richtiger Kampf, damit auch die Seele erwacht. Aber sonst…ich weiß nicht. Aber man kann natürlich nicht gegen Europa sein, das ist ganz klar.“

Sie haben vorhin zu meiner Kollegin vom Tschechischen Fernsehen gesagt, dass Sie im Moment nichts machen. Schreiben Sie wirklich an nichts?

„Na, ich lüge oft“ (lacht)

Also, Sie haben schon etwas im Köcher?

„Natürlich, ja. Das ist mein Beruf, und damit geht’s bis zum Tod.“

Herr Handke, herzliche Gratulation noch einmal und vielen Dank!

„Ich danke Ihnen!“