Philosophie hinter Gittern: Das Prager Literaturmuseum zeigt Václav Havels „Briefe an Olga“

Ausstellung „Václav Havel: Briefe an Olga“ im Literaturmuseum

Am 5. Oktober steht der 90. Geburtstag des Dramatikers, Schriftstellers, Oppositionellen und späteren Staatsoberhauptes, Václav Havel, an. Eine der vielen Veranstaltungen, die an das Jubiläum derzeit in Tschechien erinnern, ist eine Ausstellung im Prager Literaturmuseum mit dem Titel: „Václav Havel: Briefe an Olga“.

Ausstellung „Václav Havel: Briefe an Olga“ im Literaturmuseum | Foto: Ian Willoughby,  Radio Prague International

Das Buch „Briefe an Olga. Betrachtungen aus dem Gefängnis“ zählt zu den bekanntesten Werken von Václav Havel. Die aktuelle Ausstellung im Prager Literaturmuseum präsentiert nun diese historischen Briefe, die der Dramatiker an seine Ehefrau Olga Havlová schrieb. Die Originale sind Teil einer umfangreichen Korrespondenzsammlung im Literaturarchiv des Denkmals des nationalen Schrifttums (Památník národního písemnictví). Das Konvolut hatte Havel dem Archiv im Jahr 1998 persönlich als Schenkung überlassen. Insgesamt umfasst die Sammlung 172 Briefe, aufgeteilt in zwei Phasen:161 Texte stammen aus den Jahren 1979 bis 1983, der Zeit seiner ersten Haft unter dem kommunistischen Regime. Elf Schreiben entstanden während Havels letzten, mehrmonatigen Gefängnisaufenthalts im Jahr 1989.

Ausstellung „Václav Havel: Briefe an Olga“ im Literaturmuseum | Foto: Ian Willoughby,  Radio Prague International

Die einzige Verbindung zur Außenwelt

Ein Brief aus dem Jahr 1979 | Foto: Literaturmuseum

„Die besondere Bedeutung, die das Briefeschreiben für mich hat, hat mehrere Gründe: Vor allem vergegenwärtige ich mir dabei das Zuhause, Dich, meine Angehörigen und überhaupt unsere Welt; es ist für mich hier die einzige Gelegenheit, etwas zu schreiben; es ist für mich die einzige Gelegenheit zu leidlicher intellektueller Selbstverwirklichung; manches wird mir erst beim Schreiben klar; es ist meine einzige Kommunikation mit Dir und unserer Welt.“

Soweit Václav Havel in einem der Briefe.

Václav Havel im Jahr 1979 | Foto: Václav-Havel-Bibliothek

Unveröffentlichte Einblicke

Die Kuratoren Petr Kotyk und Tereza Zajíčková betonen die Einzigartigkeit der Sammlung: Die Korrespondenz sei nicht nur ein Zeugnis des regelmäßigen Kontakts zur ‚Außenwelt‘. Sie spiegle auch die tiefe persönliche Ebene von Havels Beziehung zu Olga wider und enthalte eine bemerkenswerte existenzielle Reflexion zweier Menschen, die durch die Umstände ihrer Zeit gewaltsam getrennt wurden.

Laut Kurator Petr Kotyk werden in der Ausstellung nun sogar mehr Briefe präsentiert, als bisher öffentlich einzusehen waren:

Petr Kotyk | Foto: Agáta Nezbedová,  Tschechischer Rundfunk

„Nicht alle Briefe wurden im Buch veröffentlicht. 14 Texte wurden gekürzt und 14 weitere überhaupt nicht publiziert. Es handelte sich dabei um Schreiben, in denen intimste Angelegenheiten zwischen Havel und Olga besprochen wurden, oder um solche, die unbeteiligten Personen hätten schaden können.“

Die ausgestellten Briefe zeichnen sich durch eine winzige Handschrift aus. Dies war kein Zufall, sondern das Resultat strenger Gefängnisvorschriften: Havel musste seine Gedanken genau kalkulieren, um möglichst viele Informationen auf der erlaubten Seitenzahl unterzubringen.

„Er durfte einmal pro Woche zu einer festgelegten Zeit genau vier A5-Seiten schreiben. Es war ihm strengstens untersagt, sich vorab Notizen zu machen. Wurden solche Entwürfe bei ihm gefunden, drohten zehn Tage Arrest in verschärfter Einzelhaft. Dieselbe Strafe wurde auch verhängt, wenn er einen Brief für einen analphabetischen Mitgefangenen schrieb.“

Ein Brief aus dem Jahr 1979 | Foto: Literaturmuseum

Die Gefängnisleitung nutzte diese extremen Vorschriften voll aus: Durch die bewussten Disziplinarstrafen sollte eine vorzeitige Entlassung Havels nach der Hälfte der Haftzeit verhindert werden.

„Durch diese Schikanen verlor Havel zudem systematisch die Privilegien eines regulären Häftling: Er durfte keine Pakete empfangen, und statt eines zweistündigen Besuchs war nur eine einstündige Visite möglich.“

Dem Gesuch um Freilassung nach der Hälfte der Haftzeit wurde nicht stattgegeben. Havel verbüßte die Strafe zunächst in der berüchtigten Strafanstalt Heřmanice. Dort verschlechterte sich sein Gesundheitszustand dramatisch, als er an einer schweren Lungenentzündung erkrankte:

„Der Gefängnisdirektor in Heřmanice war ein solcher Sadist, dass man Václav Havel nach seiner Erkrankung und Operation nicht mehr dorthin zurückbrachte. Er wurde stattdessen in das Gefängnis in Pilsen-Bory verlegt.“

Samizdat-Ausgabe der „Briefe an Olga“ aus dem Jahr 1983 | Foto: Ian Willoughby,  Radio Prague International

Schreiben unter extremen Gefängnisvorschriften

Die 1351 Tage im Gefängnis seien für den Dramatiker ein Martyrium und die Hölle gewesen, sagt Kotyk und macht auf einen besonderen Umstand aufmerksam: Havel hätte dieses Schicksal komplett vermeiden können...

Ivan Martin Jirous | Foto: Tomáš Vodňanský,  Tschechischer Rundfunk

„Er hätte ein Stipendium in den USA annehmen können. Doch aus Solidarität mit Menschen wie Ivan Martin Jirous – der zwischen 1976 und 1989 insgesamt siebeneinhalb Jahre in Haft verbrachte – und anderen politischen Gefangenen lehnte Havel das Angebot des kommunistischen Regimes ab. Er ging stattdessen ins Gefängnis für eine Tätigkeit, die das Regime als staatsfeindlich einstufte: Dafür, dass er wahrheitsgemäß sagte, was er dachte, und dass er ‚in der Wahrheit lebte‘.“

Soweit der Kurator Petr Kotyk. Zurück nun zu den Briefen aus dem Gefängnis. Strenge Vorgaben galten auch für deren Inhalt:

„Havel durfte weder die Situation im Gefängnis beschreiben noch die Politik kommentieren. Er durfte sich ausschließlich zu familiären Angelegenheiten äußern. Mit der Zeit fand er jedoch eine Lücke im System: Wenn er komplizierte philosophische Überlegungen in extrem langen, verschachtelten Sätzen formulierte, verstanden die Zensoren den Inhalt schlichtweg nicht und ließen die Briefe schließlich passieren.“

Havel sei sich der ständigen Überwachung in jedem Moment bewusst gewesen:

„Er wusste, dass seine Zeilen von einer ganzen Reihe von Menschen gelesen werden würden. Eine offene Kommunikation war unmöglich, da selbst die Besuche abgehört wurden. Bestimmte Dinge durften weder gesagt noch geschrieben werden. Die Briefe wurden sogar von Gefängnispsychologen systematisch analysiert. Ab 1979 versuchte man gezielt, Václav Havel psychisch zu brechen und ihn zum Verlassen des Landes zu zwingen. Es war eine systematische Taktik: Von den rund 2000 Unterzeichnern der Charta 77 wurden über 300 erfolgreich ins Exil getrieben.“

Olga Havlová: Mehr als eine Ehefrau

Olga Havlová | Foto: Kašpar,  Literaturmuseum

Die Empfängerin dieser Briefe, Olga Havlová (1933–1996), war weit mehr als nur die Ehefrau des prominenten Häftlings. Sie war eine der herausragenden Persönlichkeiten des tschechoslowakischen Dissens' und der Zivilgesellschaft. Aus der erhaltenen Korrespondenz spricht nicht nur eine tiefe, unerschütterliche partnerschaftliche Bindung. Die Briefe sind vor allem ein Zeugnis der außergewöhnlichen Stärke und Tapferkeit einer Frau, die es verstand, unter den Bedingungen brutaler politischer Repression standzuhalten und Havels wichtigste Stütze der Außenwelt mitzuteilen.

Der Kreis der erlaubten Kontaktpersonen war eng gesteckt: Havel durfte ausschließlich mit Olga und weiteren engen Familienmitgliedern korrespondieren – namentlich mit seinem Bruder Ivan und seiner Schwägerin Květa. Ein Briefwechsel mit Personen außerhalb der Familie war strengstens verboten. Doch der Widerstand fand einen Weg, so Kotyk:

„Briefe an Olga“ | Foto: Václav-Havel-Bibliothek

„Dieses Verbot wurde umgangen: Mitglieder der sogenannten ‚Kampademie‘ schrieben Havel unter den Namen von Olga oder seines Bruders Ivan. Die ‚Kampademie‘ war ein Kreis von Intellektuellen, der sich der Erneuerung der Philosophie hierzulande verschrieben hatte und für den moralischen Horizont der Gesellschaft kämpfte. Diese Dissidenten protestierten nicht nur offen gegen das Regime, sondern schufen eine lebendige ‚Zweite Kultur‘, also Untergrundkultur. Ziel dieser Parallelstrukturen war es, das starre System langfristig nicht nur zu vermenschlichen, sondern es durch ein neues, freies kulturelles Fundament zu ersetzen.“

Zwischen Gefängnistagebuch und philosophischer Weltliteratur

Noch während Václav Havel hinter Gittern saß, wurden die ersten 16 Briefe veröffentlicht. Die Geburtsstunde des eigentlichen Buchklassikers folgte kurz darauf 1983:

Foto: Kateřina Ayzpurvit,  Radio Prague International

„Jan Lopatka – Havels Freund und Herausgeber der legendären 1960er-Jahre-Zeitschrift Tvář – erhielt jene Briefe, die Olga Havlová bis dahin aufbewahrt hatte. Aus diesem Material stellte er eine umfangreiche Auswahl zusammen, die schließlich unter dem Namen ‚Briefe an Olga‘ erschien. Dieser Titel wurde direkt von Franz Kafkas Briefen an Milena inspiriert.“

Herausgeber Jan Lopatka prägte die Form des Buches entscheidend und setzte gegen Havels ursprüngliche Idee ein eigenes Konzept durch.

„Václav Havel ging anfangs davon aus, dass das Buch eine reine Auswahl seiner philosophischen Überlegungen werden würde. Jan Lopatka betrachtete das Material jedoch als eine Art Gefängnistagebuch. Er nahm daher bewusst auch scheinbar banale Passagen auf – etwa detaillierte Beschreibungen von Paketen, die Havel erhalten wollte, alltägliche familiäre Angelegenheiten, die geregelt werden mussten, oder ganz private Sorgen um seine Angehörigen.“

Ausstellung „Václav Havel: Briefe an Olga“ im Literaturmuseum | Foto: Ian Willoughby,  Radio Prague International

Das Leben in der Wahrheit

Ausstellung „Václav Havel: Briefe an Olga“ im Literaturmuseum | Foto: Ian Willoughby,  Radio Prague International

Die Besucher der Ausstellung im Prager Literaturmuseum sehen zudem Typoskripte und Bücher, die im Samisdat und im Exil erschienen sind, zeitgenössische Fotografien sowie vergrößerte Kopien ausgewählter Briefe. Ergänzt wird die Ausstellung durch Fotoporträts von Václav Havel und Olga Havlová von den Fotografen Ondřej Němec und Viktor Stoilov. Internationale Ausgaben der „Briefe an Olga“ verdeutlichen die enorme Wirkung des Buches, das in den 1980er Jahren maßgeblich dazu beitrug, Havels moralische Führungsrolle im In- und Ausland zu festigen.

Olga Havlová | Foto: Kašpar,  Literaturmuseum

Die bleibende Bedeutung von Václav Havel und seiner Briefe fasst Kurator Petr Kotyk in einem Schlusswort zusammen:

Bildband „Gemeinsam: der Dalai Lama,  Václav Havel und ihre Freundschaft für die Welt“ | Foto: Initiative „Češi Tibet podporují“ / „Tschechen unterstützen Tibet“

„Er zeigt uns, dass das Leben in der Wahrheit wirklich wehtut, aber dass man dem Bösen niemals beipflichten darf, sondern ihm gewaltlos widerstehen muss. Deshalb verstand sich Havel auch so tiefgreifend mit dem Dalai Lama – sie fanden sich in dieser weiten Welt als zwei verwandte Seelen, die sich selbst kurz vor dem Tod noch unendlich viel zu sagen hatten.“

Ausstellung „Václav Havel: Briefe an Olga“ im Literaturmuseum | Foto: Literaturmuseum

Václav Havel: Dopisy Olze (Briefe an Olga)

Muzeum literatury

Pelléova 22/44, Prag 6

Bis 30. September 2027