Pionierarbeit mit Schnaps und Stifter – Erwin Aschenbrenner organisiert seit 25 Jahren Reisen nach Tschechien

Erwin Aschenbrenner (Foto: Archiv von Erwin Aschenbrenner)

Seit 25 Jahren reist der Regensburger Erwin Aschenbrenner mehrmals jährlich nach Tschechien. Mit seinen Reisegruppen erkundet er zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auf Skiern auch abgelegene Regionen, die sonst nicht im touristischen Focus stehen. Im Mittelpunkt der Entdeckungstouren stehen zumeist Schriftsteller, die mit den böhmischen Landschaften verbunden sind. Im Gespräch mit Radio Prag blickt Erwin Aschenbrenner auf seine Anfangszeiten als Reiseunternehmer zurück und spricht über die Veränderungen, die er seither in Tschechien registriert hat.

Erwin Aschenbrenner (Foto: Archiv von Erwin Aschenbrenner)
Herr Aschenbrenner, Sie sind studierter Theologe und Kulturwissenschaftler. Nun arbeiten Sie schon seit 24 Jahren als Reiseunternehmer. Wie kam es eigentlich zu diesem Berufswechsel?

"Eigentlich schon seit 25 Jahren. 1989 hatte ich noch eine andere Idee, nämlich Qualifikationsseminare für Dritte-Welt-Reisen zu machen. Das hat aber aus verschiedenen Gründen nicht geklappt. Dann war 1989 auf einmal klar: Die Grenze wird bald offen sein. Ich hatte damals beim Evangelischen Bildungswerk eine Stelle für die Dritte-Welt-Arbeit, und habe bei einer Präsentation nebenbei erwähnt, wir könnten doch auch Reisen nach Böhmen anbieten, wenn die Grenze öffnet. Davon war der Vorstand des Bildungswerkes völlig begeistert und hat gesagt: Ja, das wär's doch. Dann habe ich Anfang 1990 die ersten Wanderungen im Böhmerwald gemacht, und die erste Radtour nach Krummau (Český Krumlov). Das hat mich wirklich völlig umgehauen, als ich diese Stadt gesehen habe, die ich vorher gar nicht kannte. Ich war dann so schnell fasziniert davon, dass ich zunächst zum Reiseunternehmer für Bildungswerke geworden bin und mich irgendwann selbstständig gemacht habe, genauer gesagt 1997."

Lam (Foto: Konrad Lackerbeck, Wikimedia CC BY 3.0)
Gab es einen besonderen Grund oder einen persönlichen Bezug für Böhmen als Reiseziel?

"Zunächst die Nachbarschaft. Ich bin direkt an der Grenze in Lam (bei Cham im Bayerischen Wald, Anm. d. Red.) aufgewachsen. Mein Vater hat oft erzählt, vom Schwarzen See und Teufelssee, wie schön die Seen dort drüben sind. Das hat mich total neugierig gemacht. Und Anfang 1990 hat sich dann gezeigt, dass er nicht gelogen hat. Ich habe aber keinen Bezug insofern, dass Ahnen aus Tschechien kämen. Ich habe erst im Nachhinein erfahren, dass wohl Urahnen aus dem 18. Jahrhundert in Fichtenbach (Fuchsova huť) bei Furth im Wald lebten. Das hat eine Ahnenforscherin ermittelt. Ansonsten gibt es keinen Bezug."

Foto: Jiří Roun, fotokartmen.cz
Wie muss man sich ihre Anfangszeiten als Reiseunternehmer praktisch vorstellen? Denn es war sicherlich nicht leicht Anfang der 1990er Zimmer zu organisieren und die Reiseroute zu planen, wenn man vorher nicht dorthin reisen konnte?

"Das war tatsächlich Pionierarbeit – das waren Abenteuer. Das erste Mal als ich nach Zimmern gesucht habe, das war etwa im März 1990, brauchte ich jemanden, der für mich übersetzt. Jemand hat mir ein Anschreiben vorbereitet, darauf stand: 'Herr Aschenbrenner sucht Zimmer für das und das Datum'. Zuerst habe ich also die Orte angeschrieben. Dann haben mich einige Gemeinden, unter anderem Volary und Lenora, eingeladen. Die Gemeinden haben mir dann zum Teil Übersetzer gestellt, und ich bin dann einzelne Wohnungen abgefahren. Dort habe ich dann mein Blatt vorgelegt, und hoffte, sie würden unterschreiben, dass sie mir zum Beispiel vom 12. bis 17. Juli Zimmer vermieten. Doch von Unterschriften hielten die Vermieter zumeist nichts. Niemand konnte etwas mit einem Privatvertrag zwischen zwei Partnern anfangen. Sie sagten dafür häufig, ich solle doch einen Schnaps trinken, dann würde es schon gelten. Ich habe diese Schnäpse fast immer getrunken. Dadurch war ich natürlich nach dem fünften Zimmer schon betrunken. Es war sehr abenteuerlich – aber auch sehr schön. Man wurde wirklich ins kalte Wasser geworfen, wenn man in einem Land, das noch nicht auf Privatwirtschaft eingestellt war, in Anführungszeichen die Privatwirtschaft einführt – natürlich nur in ganz kleinem Umfang. Doch man musste sie tatsächlich erst einführen."

Foto: Anton Marcos Kammerer, CC BY-NC-SA 2.0
Das klingt fast ein wenig nostalgisch. Fanden Sie das Reisen in den 1990ern in Tschechien abenteuerlicher oder sogar schöner?

"Es war sehr abenteuerlich. Ob es schöner war, weiß ich nicht unbedingt. Für einen Reiseunternehmer ist es auch schön, wenn die Dinge immer klappen. Die ersten Jahre hatten wir bestimmt fünfmal den Fall, dass unsere reservierten Zimmer belegt waren, als wir ankamen. Es war abenteuerlich, aber nicht unbedingt schön. Beide Seiten sind wichtig. Wenn nun alles funktioniert, das hat auch seine Vorteile.“

Foto: Ladislav Bába, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Ganz am Anfang standen Radtouren, oder?

"Genau, wir haben mit einer Radtour begonnen, mit fünf oder sechs jungen Leuten, wo wir sogar noch in Zelten übernachtetet haben. Die Tour ging von Bayerisch Eisenstein nach Krummau, auf vier Zeltplätzen haben wir übernachtet, was natürlich auch abenteuerlicher war. Langsam sind wir dann zu anderen Reisen übergegangen. Zunächst Wandern, dann Skilanglauf, was sehr gut anlief. Denn in der Zeitschrift Brigitte erschien bald ein sechsseitiger Artikel über unsere Langlauftouren. Das hat uns unser Publikum verzehnfacht. Die Entwicklung war also von schönen Zufällen abhängig, aber auch von der Sympathie der Menschen für dieses Land, das wir ihnen vermittelt haben. Das hat uns immer mehr ausgezeichnet, dass wir diejenigen waren, die Kultur und Begegnungen in Tschechien schaffen. Wir haben anfangs 'Böhmische Dörfer' geheißen, doch irgendwann stand der Aspekt der Begegnung im Mittelpunkt. Und seither heißen wir 'Begegnung mit Böhmen'."

In dem Rahmen haben Sie dann auch historisch-politische Bildung betrieben...

"Ja, gerade bei den Wanderungen ging es mir immer öfter so, dass Wandern alleine mich auch nicht befriedigt hat. Wir haben viel Literatur auf den Reisen gelesen, im Böhmerwald natürlich Adalbert Stifter. Das hat die Menschen noch mehr fasziniert als die reinen Wandertouren. Wir saßen oft einfach in den Wiesen und haben gelesen. Das haben uns auch unsere Kunden gezeigt, dass dies die schönere Variante des Reisens ist.“

Die literarischen Reisen haben Sie dann mehr und mehr ausgebaut...

"Das ist tatsächlich inzwischen unsere Hauptsparte. Sie sind am beliebtesten, zumindest im Sommer. Wir haben das auch insofern verstärkt, als wir auch noch andere Regionen bereisen. Irgendwann reicht der Böhmerwald für die Literatur nicht mehr aus."

Und auch Stifter...

"Stifter reicht dann auch nicht mehr, selbst in Verbindung mit Klostermann nicht. Wir sind dann also nach Prag, langsam nach Mähren und inzwischen auch in Polen, Slowenien und der Slowakei unterwegs.“

Vor 25 Jahren endete in der Tschechoslowakei die Ära des Sozialismus. Seit dieser Zeit reisen Sie in dem Land umher. Wie würden Sie denn mit dem besonderen Blick des Reisenden die Veränderungen seit dieser Zeit beschreiben?

"Tschechien hat sich sehr verändert. Wie bereits erwähnt hat sich das Land stark dem Westen angeglichen. Ich kann mich erinnern, dass man am Anfang in einem Restaurant keinen Stuhl verrücken durfte, man musste auf die Platzanweisung warten. Jetzt ist es halt wie im Westen. Wie gesagt, es hat seine Vor- und Nachteile. Der Komfort ist größer geworden. Was sehr eindrücklich ist, ist dass der Hass völlig abgemindert worden ist. Früher konnte ich mir zum Beispiel gar nicht vorstellen, dass ein Kriegerdenkmal in Tschechien wiederaufgestellt wird. Das ist heute in den Dörfern gang und gäbe, zum Teil habe ich auch Totenbretter gesehen. Das war vor 20 Jahren überhaupt nicht vorstellbar.“

Prachatice (Foto: Václav Malina, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Gab es denn auch Sudetendeutsche, die mit Ihnen zum ersten Mal in ihre Heimat oder die Heimat ihrer Vorfahren zurückgekehrt sind?

"Sehr viele, und es gab auch viele spannende Erlebnisse. Wir hatten manchmal Leute dabei, die uns ihr Haus gezeigt haben, und in deren frühere Häuser wir dann zum Kaffee eingeladen wurden. Wir hatten ein Erlebnis in Prachatice, da hat uns eine Frau ihr Haus gezeigt und sich erinnert, dass man die Tür mit einem bestimmten Trick öffnen konnte. Sie selber hat sich nicht getraut, aber andere haben sich getraut es auszuprobieren, und tatsächlich öffnete sich die Haustüre sechzig Jahre später immer noch mit dem gleichen Trick wie damals. Das sind ganz besondere Erlebnisse. Es sind auch nie Vertriebene, die mit Antipathien zurückkommen, sondern immer Leute, die mit Sympathie anreisen. Wir hatten nur einen Fall, da hat jemand böse Stimmung gemacht. Den habe ich aus meiner Kundenliste gelöscht, aber das war wirklich nur ein einziges Mal in 25 Jahren. Alle anderen sind mit Sympathie zurück in das Land ihrer Kindheit gereist."