Plzensko - Pilsen

Plzen (Foto: CzechTourism)

Willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, bei einer neuen Wanderung mit Radio Prag, diesmal wieder im Rahmen der Wettbewerbsserie über folkloristisch interessante Gebiete Tschechiens. Passen Sie also gut auf, am Ende stellen wir Ihnen wieder eine Quizfrage. Wir besuchen heute zwar eine Großstadt, nämlich das westböhmische Verwaltungszentrum Plzen/Pilsen, werden aber von der Zeit sprechen, als es nicht die heutige Gestalt hatte, sondern als sich auf dem heutigen Gebiet von Pilsen die eigentliche Stadt und mehrere Dörfer, die sog. Pilsner Region befand. Unsere Begleiterin ist Frau Dr. Marie Maderová von dem Pilsner Museum. Gute Unterhaltung wünschen Martina Schneibergova und Marketa Maurova.

"Wenn man sagt "die Pilsner Region", stellt sich jeder die "Verkaufte Braut" und die schöne Pilsner Tracht vor, die sehr breite Röcke und eine schön bestickte weiße Flügelhaube charakterisieren. Und die Männer präsentierten ihren Reichtum und wohl auch ihren Hochmut dadurch, dass der Bräutigam auf der Hochzeit zwei lange Mäntel übereinander trug. Es ist kein Wunder, dass sich Bedrich Smetana, der 1840-43 das Pilsner Gymnasium besuchte, für diese Tracht begeistert hat und diese in seiner Oper nutzte. Später wurde "Die Verkaufte Braut" in der Regel in der Pilsner Tracht gespielt und gesungen, angeblich sogar auch in Japan."

Plzen (Foto: CzechTourism)
Mit diesen Worten eröffnete die Historikerin Marie Maderová ihre Erzählung. Ich habe sie in dem Pilsner Museum besucht, in dem sie die ethnographische Abteilung leitet. Die Sammlung befindet sich in einem barocken Haus auf dem Platz der Republik, das sogar schon den Besuch Waldsteins in Pilsen 1634 erlebte. Gerade in diesem Haus war die Küche untergebracht, in der Speisen für Waldstein vorbereitet wurde. Er selbst bewohnte das Haus gleich daneben.

"Unsere Exposition, die wir schrittweise erweitern, wurde zu ihrer Entstehungszeit, d.h. im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, sehr modern konzipiert. Der Gründungsdirektor Ladislav Labek vertritt die Meinung, dass man das Volk nicht nur auf das Bauernvolk beschränken kann, sondern er hat auch das städtische Volk darin einbezogen. Wir sind eigentlich kein rein ethnographisches Museum im ursprünglichen Sinne des Wortes, sondern ein kultur-historisches und ethnographisches Museum. Der Besucher geht durch Räume, die das Wohnen der Stadtbürger seit der Gotik bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zeigen. Und oben befinden sich zwei Bauernstuben, eine vom Anfang und eine von der Mitte des 19. Jahrhunderts."

Sprechen wir von der Pilsner Region, werden damit etwa 30 Dörfer gemeint, die sich im Besitz des Pilsner Dominiums befanden. Dies änderte sich natürlich im Laufe der Zeit, einige Gemeinden wurden verkauft, verschenkt und verpachtet, aber im Grunde war der Umkreis festgegeben. Heute gehören sie zum eigentlichen Pilsen und sind durch die Stadt verschluckt worden.

Die nahe Stadt hat aber schon in der Geschichte einen großen Einfluss auf das Leben in ihrer Umgebung gehabt. Die Bewohner der umliegenden Dörfer pflegten nämlich in die Kirche des hl. Bartholomäus auf dem Pilsner Stadtring zu gehen und kamen in Kontakt mit der städtischen Kultur. Große Bedeutung hatten auch Märkte, auf denen die Landleute Waren für ihren Bedarf einkauften. Die Wechselwirkung war aber auch in der anderen Richtung prägend.

"Ich sollte noch die Tatsache erwähnen, dass auch die Pilsner Bürger selbst als Bauern wirkten. Sie betrieben Handwerke, hatten aber darüber hinaus Felder in der Stadtumgebung. Die Ernte lagerten sie auf den Dachböden in ihren städtischen Häusern. Dieser Zustand, die Verknüpfung der Arbeit eines Handwerkers und eines Bauern, war im 18. Jahrhundert am deutlichsten."

Wir haben am Anfang von der schönen Pilsner Tracht gehört, die bei den Frauen eine Flügelhaube und breite Röcke kennzeichnen. Was kann man sich unter der Flügelhaube vorstellen?

"Die Flügelhaube besteht aus zwei Teilen. Es ist eine Haube, die entweder durch Löcherbestickung oder Knotenbestickung, die sog. Marseille-Technik, reich geschmückt war. Und daran wurden durch eine goldene Borte riesige Flügel angebracht. Das ist ein Streifen aus weißem Stoff, über 2 Meter lang, mit bestickten Enden, und dieser wird auf eine komplizierte Art und Weise gefaltet. Alles ist fest gesteift, so wie alle weißen Bestandteile der Pilsner Tracht, sehr fest, eigentlich wie aus Papier.

Eine verheiratete Frau hatte eine ähnliche, bestickte Haube, aber mit einem Boden, unter den sie das Haar schlingen musste. Ihr Haar durfte nämlich nicht gesehen werden. Und interessant ist, dass man bei verheirateten Frauen die Flügel nach unten gebrochen hat. Allerdings mussten die Flügel so breit sein, und eine solche Spannweite haben, wie die Röcke."

Bei den Röcken erzielte man die Breite dadurch, dass die Frauen unter einer festlichen Tracht 25 steif gestärkte Unterröcke trugen. Der schöne obere Rock wurde aus Leinen- und Wollenstoff genäht und geschmückt mit einem Band mit Blumenmotiven. Die Tracht ergänzte selbstverständlich auch ein Leinenhemdchen mit einer Halskrause, bei ledigen Mädchen auch mit reichen Ärmeln. Verheiratete Frauen zogen noch ein Mäntelchen oder einen kurzen weißen bestickten Pelzrock. Und es durfte ein Seidentuch nicht fehlen, das eine sehr kostspielige Sache war. Auf der Tracht überwogen Pastellfarben, sehr fein und geschmackvoll kombiniert.

"Und ich möchte bei der Tracht, von der ich sehr begeistert bin, noch die weißen Bildtücher erwähnen, die ein Unikum unter den tschechischen Trachten darstellen. Es stehen Bilder drauf, die in andere Bilder gestickt werden, z.B. ein Herzchenmotiv in das noch ein Kränzchen gestickt wurde. Alles sind Stickereien, eine in der anderen."

Für die westböhmische Gegend um Pilsen ist ein dreiteiliges Haus typisch, das aus einem Hausflur (hier als Haus bezeichnet), einer Paradestube und einer Kammer bestand. Das Pilsner Haus ist gemauert, ausgedehnt und hat einen schönen Giebel, dessen Wurzeln in der Barockzeit zu suchen sind. Das Barock hat übrigens viele Spuren sowohl in der Stadt, als auch in der Volksarchitektur in den umliegenden Dörfern hinterlassen. Und nicht nur in der Architektur: Auch bei den Volksmöbeln wiederspiegelt sich die Einwirkung des Barock, und zwar bei den für diesen Stil typischen Intarsienmöbeln. Das Volk nutzte diese Technik nicht, sondern bemalte die Möbel im Stil der Barockintarsien. Eines der häufigsten Motive waren die Vögelchen.

"Die Möbel, meistens eine Truhe, ein Bett und einen Schrank bekam die Braut als ihre Ausstattung. Die Überführung der Ausstattung zum Bräutigam, als das Mädchen ins Gut heiratete, wurde als "Gewandfahren" bezeichnet. Es fuhren mehrere Leiterwaren, geschmückt mit Nadelholzreisig und Schleifen, und die Frauen, festlich angezogen, sangen sog. Gewandlieder. Und sie tranken Rosolio, ein süßes, klebriges Alkoholgetränk, das sie sehr erheiterte, so dass sie auch lumpige Lieder sangen."

Die Brautausstattung unterschied sich je nach dem Reichtum der Eltern und auch dem Hochzeitsvertrag. Schon damals schloss man solche Verträge ab, die ein sehr wichtiges Dokument darstellten. Die Braut brachte außer den Möbeln ihre Bekleidung mit sich, d.h. unter anderem auch jene erwähnten 25 Unterröcke.


Und das war's für heute. Bis zum nächsten Mal verabschieden sich und für Ihre Aufmerksamkeit bedanken sich Martina Schneibergová und Marketa Maurova.

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