Postmoderne Plattenbauten? Tschechische Architektur nach 1989

Das 'Tanzende Haus' in Prag

Architektur in Tschechien - ein Stichwort, das nebeneinander Bilder von historisch-bunten Stadtplätzen und trostlos öden Plattenbau-Siedlungen evoziert. Dem einen oder anderen fällt vielleicht noch die Moderne ein: der böhmische Kubismus oder der Funktionalismus der Zwischenkriegszeit. Wie aber steht es um die Architektur heute?

Die Zeit von uniformierten Plattenbau-Burgen und Stadtsanierungen mit der Abrissbirne ist in Tschechien seit dem Ende des kommunistischen Regimes vorbei. Was aber hat sich abgesehen davon nach der Wende in der tschechischen Architektur geändert? Zdeněk Zavřel ist Dekan der architektonischen Fakultät der Prager Technischen Hochschule CVUT. Seine Antwort auf die Frage ist zunächst überraschend: Das wichtigste Ergebnis sehe er darin, dass es gelungen sei, den Ruf des Architektenberufes wiederherzustellen, sagt Zavřel und fügt zur Erklärung an:

Vlado Milunić
„Der Architekt war mehr oder weniger ein Verbrecher, der mit verantwortlich war für Dinge, von denen jeder, der über einen gesunden Menschenverstand verfügt, gesehen hat, dass sie in eine falsche Richtung laufen.“

Wie eben die systematische Zerstörung von historischer Bausubstanz und gewachsenen urbanen Strukturen und die Konzentration auf Massenwohnen in qualitäts- und seelenlosen Schachtelhäusern. Den Wert der Freiheit für Architektur und Architekten in Tschechien betont auch der aus Kroatien stammende Prager Stararchitekt Vlado Milunić:

„Vorher waren wir alle in staatlichen Betrieben angestellt, und da konnten wir nicht für uns selbst sprechen. Nach der Revolution hat sich das grundlegend und zum Guten geändert: Für das, was wir machen, sind wir jetzt auch verantwortlich, mit allen Folgen, auch den finanziellen.“

Milunić hat die neue Freiheit nutzen können: Zusammen mit Frank O. Gehry entwarf er Mitte der Neunziger Jahre das „Tanzende Haus“ am Prager Rašín-Kai entworfen: eine wellige Front mit zwei beschwingt aneinander geschmiegten Zylindern, von den Pragern auch „Ginger Rogers und Fred Astaire“ getauft. Während seiner Entstehung war das Haus sehr umstritten, heute gilt es als eines der wenigen gelungenen Beispiele moderner Architektur in der Stadt.

Das 'Tanzende Haus' in Prag
In der Architektur ist es aber nicht anders, als in der gesamten Gesellschaft: Freiheit ist die Grundlage, aber nicht die Garantie für eine positive Entwicklung. Wer geglaubt hat, dass es nach den Betonwüsten der sozialistischen Satellitenstädte nur besser werden konnte, der sah sich nach 1989 bald getäuscht. Während vorher konzentrierte Massenquartiere gebaut wurden, fließt die Architektur nun klebrig in die freie Landschaft. Die Stadtränder werden durch Einkaufszentren und wuchernde Wohnviertel verbaut und zersiedelt, beklagt auch Vlado Milunić:

„Mir gefallen die mediterranen Städte, die sind kompakt. Da gibt es eine eindeutige Grenze: hier ist die Stadt, dann kommt ein Schnitt, und dann fängt die Landschaft an. In Tschechien wird die Peripherie in strafbarer Weise mit Supermärkten und anderen sinnlosen Bauten angefüllt – weit weg vom Zentrum, und ich muss dann für die Dinge zwanzig Kilometer fahren, anstatt dass sie zu mir kommen.“

Im Kontrast zu den Bausünden der neunziger Jahre hat man inzwischen auch in Tschechien den Wert der lange verachteten Architektur aus Gründerzeit und Historismus wieder entdeckt, die immer noch das Bild vieler tschechischer Städte bestimmt. Die Bauten mögen dem Geiste nach von der Stange kommen, stets aber sind sie mit Gespür für das Detail sehr qualitätvoll ausgeführt. Die Durchschnittsarchitektur der Nachwendezeit zeigt sich dagegen völlig gesichtslos. Europäischer Einheitsbau, besondere Merkmale: keine. Bestenfalls. Denn dann gibt es da noch den so genannten „podnikatelské baroko“, den Unternehmerbarock, die Villen der neuen Oberschicht. Bonbonfarbene Walmdachbungalows mit Erkerchen, Sprossenfenstern und schmiedeisernen Rolltoren vor der Doppelgarage. Kitsch-Alpträume, die auch erkennbares Vorbild für die immer weiter wuchernden Fertighaus-Siedlungen in der städtischen Peripherie sind. Bausünden, mit denen die Kommunen noch lange zu kämpfen haben werden, meint Architekt Zdeněk Zavřel:

„In dem Vorstadtbrei und den Schlafstädten, da, wo man ohne großes Nachdenken und ohne wirkliche Pläne einigermaßen kopflos angefangen hat, an den Stadträndern zu bauen, da hat man Fehler gemacht, die nur noch äußerst schwer zu beheben sein werden. Daran haben sicher auch die Architekten ihren Anteil, aber ich würde sagen, es handelt sich vor allem um einen Fehler der lokalen Politiker, die ohne Planung den Weg freigegeben haben.“

Möglicher Hintergrund dafür: Nach Jahrzehnten der gesteuerten Planwirtschaft stand nun der Glaube an die Kraft des Liberalismus, an die „unsichtbare Hand des Marktes“ obenan. Oftmals aber sind bei großen Bauaufträgen aber noch ganz andere unsichtbare Hände im Spiel – und die scheren sich nicht um architektonische oder urbanistische Werte, meint Vlado Milunić:

„Den Bauherren geht es um höchstmögliche Gewinne – ohne Rücksicht darauf, ob das Projekt das für die Stadt und die Umgebung gut ist oder nicht. Und eine ganze Reihe von Politikern hat keinen eigenen finanziellen Hintergrund, und so kann dann die Korruption blühen. Die ausländischen Firmen haben das Geld, jeden zu jedem Zweck zu schmieren.“

Ein Beispiel des Unternehmerbarocks (Foto: CTK)
Zustimmung erhält Milunić von seinem Kollegen Bořek Šípek. Er ist Leiter der Architektonischen Fakultät an der Technischen Hochschule in Liberec / Reichenberg und nebenbei Leibarchitekt von Václav Havel, für den er unter anderem die Prager Burg als Präsidentensitz adaptiert hat. Dass es die qualitätvolle moderne Architektur bei Großprojekten in Tschechien gegenwärtig nicht leicht hat, liegt keineswegs nur an den Architekten, meint Šípek:

„Die Sache liegt ein bisschen komplizierter. Sicher geht es auch um die Qualität der heimischen Architekten, aber die muss nicht unbedingt die schlechteste sein. Das ´Tanzende Haus´ in Prag zum Beispiel ist hervorragend – nur eben dass es nicht mehr von solchen Projekt gibt. Das Problem dabei sind keineswegs nur die Architekten, sondern auch die Auftraggeber, die stärker für Experimente offen sein sollten. In der Architektur sind wir in Tschechien - wie auch in anderen Bereichen - immer noch stark dem schnellen Wachstum und dem Blick aufs Geld verpflichtet – lieber ein schneller Erfolg als ein Risiko eingehen.“

Entwurf der Nationalbibliothek von Jan Kaplický
Der Streit um die neue Nationalbibliothek aus der Feder des tschecho-britischen Architekten Jan Kaplický hat gezeigt, wie schwer es gewagte Entwürfe haben, sich bei bedeutenden Bauaufträgen im Lande durchzusetzen. Die wirkliche Moderne findet deshalb im Privaten statt: Ihr architektonisches Credo hinterlassen die jungen tschechischen Architekten vor allem in privaten Villen und Familienhäusern – hier werden jährlich eine Reihe auch international bemerkenswerter Entwürfe verwirklicht. Bořek Šípek hofft aber, dass sich die qualitativ hochwertige tschechische Gegenwartsarchitektur bald auch auf größerer Bühne durchsetzen kann.

„Ich glaube, das hängt mit der gesamten weiteren wirtschaftlichen Entwicklung des Landes zusammen, die ja gerade ganz positiv aussieht. Vielleicht finden sich ja auch ausländische Investoren, die sich mit ihren Bauten hier in einem anderen Licht zeigen wollen. Wenn wir zum Beispiel nach Tokio schauen: Da stammen die besten Gebäude von europäischen Firmen, die sich auf diese Weise in Japan präsentieren wollen.“