Streifzug durch die Architektur: Tanzendes Haus

Tanzendes Haus (Foto: Ondřej Tomšů)

Es steppt und windet sich am Moldau-Kai in Prag: das sogenannte Tanzende Haus. Der Bau gilt heute als eines der gelungensten Beispiele für die jüngste Architektur in der tschechischen Hauptstadt. Das Haus wurde 1996 erbaut.

Tanzendes Haus  (Foto: Ondřej Tomšů)
Vlado Milunić  (Foto: Šárka Ševčíková,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Das „Tanzende Haus“ steht auf einem der attraktivsten Grundstücke in Prag. Unterhalb der angrenzenden Straße fließt die Moldau, aus den Fenstern und der Dachterrasse bietet sich eine tolle Aussicht auf die Prager Burg, das Nationaltheater, den Mánes-Wasserturm und weitere Sehenswürdigkeiten der tschechischen Hauptstadt. Zugleich befindet sich das Gebäude aber an einer verkehrsreichen Kreuzung an der Jirásek-Brücke, die tausende Autos täglich passieren. Früher stand an dem Ort ein Neorenaissance-Haus, dieses wurde aber bei einem Bombenangriff gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört. Mehr als 50 Jahre dauerte es dann, bis das Grundstück eine neue Bebauung bekam. Entworfen wurde das Haus von dem kanadisch-amerikanischen Architekten Frank O. Gehry und dem tschechischen Architekten kroatischer Herkunft Vlado Milunić. Letzterer sagte gegenüber Radio Prag:

Rašín-Kai 1945 und 2010  (Foto: Speedbump49,  Wikimedia Commons,  CC0 1.0)

„Hier war eine Baulücke. Ich wohnte in dem Haus daneben, dort wo auch Václav Havel wohnte. Wir haben uns darüber unterhalten, dass dieser Raum neu bebaut werden müsste. Dann kam die Samtene Revolution. Ich wollte, dass das neue Haus mit seinen statischen und dynamischen Elementen diesen Umbruch widerspiegelt.“

Wie Ginger und Fred

Eben die Dynamik war die tragende Idee im Entwurf von Milunić. Das Bauwerk sollte die Massen symbolisieren, die sich wie die tschechische Gesellschaft im November 1989 in Bewegung setzten. Am Ende einer Front farbenfroher Häuser aus dem 19. Jahrhundert am Rašín-Kai steht also nun ein weißes, unregelmäßiges Gebäude mit den zwei außergewöhnlichen Ecktürmen, die sich zu bewegen scheinen. Die Türme erinnern an zwei Figuren, die sich umarmen und miteinander tanzen. Deswegen wird das Haus auch „Ginger und Fred“ genannt, nach dem legendären Tanzpaar Ginger Rogers und Fred Astaire.

„Ich habe das Konzept entworfen, dass sich das Haus aus der Front der Häuser nach vorne neigt. Die Autos, die dort auf die Brücke fahren, müssen eine kleine Kurve machen. Gehry und ich haben an unterschiedlichen Modellen gearbeitet. Wir haben diese zwischen Prag und Los Angeles hin- und hergeschickt, zudem habe ich Gehry mehrere Male in den USA besucht. Zwischen uns hat keine Konkurrenz geherrscht, sondern eine freundschaftliche Beziehung“, so Vlado Milunić.

Foto: Matteo Piotto,  Flickr,  CC BY-SA 2.0

Der höhere der beiden Türme ist in der Mitte tailliert und dadurch geschwungen. Er ist verglast und stützt sich auf mehrere schmale Betonsäulen auf dem Bürgersteig. Das ist Ginger. Den niedrigeren, weißen Zylinderturm schmücken Wellenlinien im Putz sowie mehrteilige Fenster, die – wie Bilder gerahmt – aus der Fassade hervortreten. Das ist Fred. Gekrönt ist dieser kleinere Turm von einer stacheligen Stahlkuppel. Diese wird manchmal als Medusen-Kopf bezeichnet oder eben als Hut des Tänzers.

Der Grundstein für das „Tanzende Haus“ wurde 1994 gelegt, am 20. Juni 1996 wurde es eröffnet. Havels Traum war eigentlich gewesen, dass dort ein Kulturzentrum mit Bibliothek, Theater und Café der Öffentlichkeit dienen würde. Doch davon konnte zunächst nicht die Rede sein. Das Gebäude wurde im Auftrag der niederländischen Versicherungsanstalt Nationale Nederlanden gebaut und beherbergte zunächst ausschließlich Büros. Dies hat sich erst vor drei Jahren geändert. Da wurde das Tanzende Haus von einem neuen Besitzer erworben, mit dem Ziel, es zugänglich zu machen. Robert Vůjtek leitet die Galerie im „Tanzenden Haus“:

Galerie im „Tanzenden Haus“  (Foto: Palickap,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

„Der neue Besitzer hat hier eine Galerie einrichten lassen. Ein Teil des Gebäudes wurde für ein Hotel renoviert, es gibt hier ein Restaurant und eine Aussichtsbar. Nur zwei Etagen werden bis heute noch für Büros genutzt. Sie wurden zum Teil von der weltbekannten Architektin Eva Jiřičná gestaltet. Das Haus dient hauptsächlich als Kulturzentrum für die Einwohner und Touristen. Die Galerie wird derzeit von 50.000 bis 60.000 Menschen im Jahr besucht, die Aussichtsterrasse von 100.000 Schaulustigen.“

Robert Vůjtek beschreibt auch einige Besonderheiten bei der Nutzung des Gebäudes:

„Im ganzen Haus gibt es keine rechten Winkel. Alle Wände sind abgerundet. Die Fenster befinden sich in den einzelnen Etagen in jeweils anderer Bodenhöhe, das fällt aber vor allem bei der Betrachtung von außen auf. Wenn man im Büro sitzt, hat das keine Bedeutung.“

Galerie und Hotel

Hotel Dancing House  (Foto: Palickap,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

Eröffnet wurde die Galerie mit der Ausstellung „Das Retro der 1970er und 1980er Jahre“, sie präsentierte das tschechoslowakische Produktdesign jener Zeit. Heute werden dort vor allem Werke zeitgenössischer tschechischer Künstler gezeigt und verkauft. In den tanzenden Türmen kann man sich aber auch einmieten. Ivana Peterková ist Managerin im Hotel „Tanzendes Haus“:

„Das Hotel hat derzeit 32 Zimmer. Zum nächsten Jahr kommen noch weitere acht hinzu. Die Zimmer sind modern ausgestaltet. Alle bieten Aussicht auf die Moldau oder auf Prager Burg.“

Als das Gebäude 1996 eröffnet wurde, gingen die Meinungen stark auseinander. Vor allem eines sorgte für anhaltende Diskussionen unter Experten und der Öffentlichkeit: Darf mitten in der historischen Altstadt ein so modernes, durch seine Linien und seine Höhe herausragendes Haus gebaut werden? Zur selben Zeit zeichnete die amerikanische Zeitschrift „The Time“ das Gebäude mit ihrem Designpreis aus, in Prag gingen aber die Auseinandersetzungen darüber weiter. Erst in der Folge wurde das „Tanzende Haus“ von der Öffentlichkeit akzeptiert. Heute gilt es als ein gelungenes Beispiel für moderne Architektur im historischen Stadtkern. Außerdem hat es sich zu einer viel besuchten Touristenattraktion in Prag entwickelt.

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