Prager Begegnung: Petra Hůlová und Marion Brasch lesen im Goethe-Institut

Petra Hůlová (Foto: Archiv ČRo 7)

Die Prager Begegnungen sind eine Institution. Das Goethe-Institut Prag und das Deutschlandradio Kultur veranstalten die Lese-Reihe in diesem Jahr bereits zum 16. Mal. Auf die Bühne werden immer deutsche und tschechische Schriftsteller gebeten, die aus ihren Werken lesen. Diesmal haben die deutsche Schriftstellerin Marion Brasch ihr Romandebüt und auf tschechischer Seite Petra Hůlová ihr neuestes Buch über die Zeit vor der Samtenen Revolution vorgestellt.

Petra Hůlová (Foto: Archiv ČRo 7)
Es war voll am Dienstag im Prager Goetheinstitut. Viele Gäste, aber auch viel Radiotechnik drängten sich im Vortragssaal auf der zweiten Etage. Die Leiterin der Kulturprogramme des Goethe-Instituts, Angelika Eder, erklärt kurz die Veranstaltung:

„Die Prager Begegnungen sind ein Projekt, dass Deutschlandradio Berlin und das Goethe-Institut Prag dieses Jahr 2012 bereits zum 16. Mal zusammen veranstaltet haben.“

Es stehen aber auch die besonderen kulturellen Beziehungen zwischen Prag und Berlin im Vordergrund sowie die Tatsache, dass die deutsche Literatur mehrere Jahrhunderte zum kulturellen Leben in Prag dazugehörte. Die Autorinnen auf der Bühne waren am Dienstagabend die Berliner Radiomoderatorin Marion Brasch und die Prager Schriftstellerin Petra Hůlová. Sie seien nicht zufällig ausgewählt worden, sagt Eder:

Angelika Eder (Foto: Archiv des Goethe-Instituts Prag)
„Die Grundidee ist, dass man einen deutschen und einen tschechischen Schriftsteller zusammenbringt. Kriterium für das Deutschlandradio ist, dass das Buch relativ neu und frisch erschienen ist. Ein Kriterium für beide Partner ist, dass die beiden Autoren irgendwie zueinander passen: sei es von ihrem biografischen Hintergrund, sei es von ihren Interessen oder auch von ihrem Schreiben. Aber es entsteht dabei immer ein Austausch, es geht nie nur um eine reine Literaturpräsentation.“

Beide Autorinnen tragen ihre Texte vor, dabei wird der Text in der jeweiligen anderen Sprache mittels Projektor an die Wand geworfen. Zusätzlich werden einige Ausschnitte auch in der jeweils anderen Sprache gelesen. Und beide Autorinnen waren begeistert, ihr Werk einmal in einer anderen Sprache zu hören, wie Marion Brasch nach der Lesung erklärte:

„Für mich ist es sehr aufregend, zum ersten Mal mein Buch beziehungsweise Ausschnitte aus meinem Buch in einer anderen Sprache zu hören. Das ist eine sinnliche Wahrnehmung, die mir ganz fremd ist, die ich aber toll finde.“

„Wächter des Bürgerwohls“ (Foto Torst-Verlag)
Ähnlich äußerte sich Petra Hůlová über Passagen, die aus ihrem neuesten Buch „Wächter des Bürgerwohls“ in deutscher Übersetzung vorgetragen wurden:

„Das war großartig. Es war für mich ein tolles Erlebnis, weil ich die Übersetzung von „Strážci občanského dobra“ (Wächter des Bürgerwohls) zum ersten Mal überhaupt gehört habe. Doris Kouba, die den Roman übersetzt hat, kenne ich sehr gut. Wir haben viel Zeit mit der Übersetzung verbracht. Es war einfach super.“

Hůlová hat bereits mehrere Werke verfasst, die alle sehr nachgefragt sind. Bereits ihr Debüt, „Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe“, über drei Frauen aus einem Nomadenclan in der Mongolei machte die 33-Jährige in der Tschechischen Republik bekannt. Ihr neuester Roman erzählt von der Zeit vor der Samtenen Revolution in Tschechien.

Hier sind auch die Parallelen zu Marion Brasch und ihrem Debütroman „Ab jetzt ist Ruhe“ zu finden. Brasch stammt aus einer prominenten Berliner Familie, ihr Vater war kommunistischer Funktionär in der DDR. Sie schreibt aus der Perspektive des jüngsten Familienmitglieds über die Auseinandersetzungen zwischen ihren drei älteren Brüdern und dem dominanten Vater und zeichnet so ein Sittengemälde der DDR. Sie las im Goethe-Institut eine Stelle aus ihrem Roman über ihren Versuch, mit neun Jahren von zu Hause auszubüxen:

Marion Brasch (Foto: Blaues Sofa, Wikimedia Creative Commons 2.0)
„Meine Mutter berichtete, sie habe das Kinderbett leer vorgefunden, als sie die Bügelwäsche in den Schrank räumen wollte. Glücklicherweise habe es genau in diesem Augenblick an der Tür geklingelt: Es sei die Nachbarin gewesen, die mich weinend und orientierungslos im Bahnhof habe umherirren gesehen. Meine Mutter pflegte ihre Erzählungen mit allerhand interessanten, wenngleich auch variierenden Details auszuschmücken. Mal trug ich einen Schlafanzug, mal war ich komplett angezogen. Mal hatte ich ein Eis in der Hand, mal war es ein Lutscher.“

Brasch machte bei der Lesung auch direkt deutlich, wie schwer es ist, die eigene Geschichte nachzuerzählen – auch wenn sie viele Recherchen gemacht hat und als zusätzliche Gedächtnisstütze auf ihre Notizbücher zurückgreifen konnte. Dabei legt sie Wert darauf, aus einer subjektiven Perspektive zu schreiben:

Foto: Fischerverlage
„Es ist meine Geschichte. Es ist meine Familiengeschichte und es ist meine Darstellung der Geschichte, wie ich sie erlebt habe - ein bestimmter Ausschnitt DDR-Geschichte, aber aus einer sehr subjektiven Sicht. Und es ist ganz wichtig, dass diese 40 Jahre deutscher Geschichte auch erzählt werden, und zwar aus der Perspektive derer, die sie erlebt haben, und nicht aus der Perspektive von Geschichtsschreibern.“

Petra Hůlová schreibt auch über die Vergangenheit. Sie bezieht allerdings eine andere Perspektive. Natürlich verfasst auch sie keine historischen Sachbücher, ihre fiktiven Figuren erzählen eher chaotisch, ungeordnet über Ereignisse. Dazu kommt ein surrealistischer Erzählstil, der von einer lockeren, bisweilen schon flapsigen Umgangssprache geprägt ist. Die deutsche Literatur hält sie für vergangenheitsfixiert, was aber nicht schlecht sei:

Thomas Brasch (Foto: Archiv von Marion Brasch, Wikimedia Creative Commons 2.0)
„Niemand anders in Europa ist so versessen auf seine Vergangenheit wie die Deutschen. Aus den historischen Gründen des Zweiten Weltkriegs sind die Deutschen aber auch die Nation, die ihre Vergangenheit am meisten reflektiert. Deswegen, so denke ich, sind die Deutschen sehr offen, und man kann sich mit ihnen ziemlich gut unterhalten. Sie sind halt nicht so verkrustet und denken nicht in eingefahrenen Bahnen. Sie sind es gewöhnt, an sich und ihrer Vergangenheit zu zweifeln und sich zu reflektieren.“

Marion Brasch hat geschrieben, um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Ihr ältester Bruder, Thomas Brasch, starb 2001 in Berlin an Herzversagen, Grund dafür sind wohl Alkohol- und Drogenprobleme. Er war Schriftsteller und Shakespeare-Übersetzer und rieb sich sein ganzes Leben am Vater. Ausgerechnet dieser Konflikt verbindet die Familie Brasch dann auch mit Prag, so Marion Brasch:

21. August 1968 in Prag (Foto: Dusan Neumann, Wikimiedia Commons Free Domain)
„Mein Bruder hatte Freunde, das waren alles Kinder von Künstlern, Intellektuellen, Politikern. Die haben zur Kenntnis genommen, was im Sommer 1968 in Prag passiert ist - dass hier plötzlich etwas aufgebrochen ist, dass dieser Sozialismus, der auch hier in der ČSSR erstarrt war, wieder anfing zu leben. Und dann mussten sie erleben, wie dieser Traum, diese Hoffnung wieder zerstört wurde. Sie haben sich verabredetet und gesagt, dass sie etwas tun müssen. Sie haben sich dann in einer Nacht getroffen und Flugblätter geschrieben. Sie haben diese noch in derselben Nacht in Berlin verteilt - und die Konsequenzen dafür getragen.“

Die Konsequenzen bestanden für Thomas Brasch aus einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten. Nach knapp drei Monaten wurde er zwar wieder entlassen, aber durfte nicht mehr an die Universität zurückkehren. Ausgerechnet sein Vater hatte ihn denunziert. Aber auch dieser bekam die Folgen zu spüren, seine Karriere war ruiniert. Bruder Thomas Brasch siedelte 1976 nach Westberlin über und machte danach in Westdeutschland eine bemerkenswerte Karriere – die Familie aber blieb gespalten.

Illustrationsfoto: Archiv ČRo 7
Bei beiden Autorinnen unterscheiden sich Schreibstil und Inhalt voneinander– das Thema ist bei beiden aber das gleiche: die Geschichte und das Ende des Sozialismus. Hůlová weist aber darauf hin, dass das Ende in beiden Ländern andere Bedingungen und Auswirkungen hatte:

„In Deutschland verlief die Wende anders. Dort gab es West- und Ostdeutschland, dort kann man darauf verweisen, dass die DDR ein anderer Staat war. In Tschechien ist die Kontinuität durchgehender, außer dass sich die Slowaken abgetrennt haben. Ich denke, hier wird die ČSSR nicht als anderer Staat wahrgenommen, auch wenn 1989 natürlich ein starker Bruch war.“

Das Ziel der Veranstaltung scheint sich also erfüllt zu haben: Trotz der unterschiedlichen Inhalte und Schreibstile, der verschiedenen Geschichtsauffassungen und Sichten, können beide Autorinnen sich austauschen.