Prager Warenhaus Kotva: Sozialistischer Pilgerort für Kauflustige

Kaufhaus Kotva (Foto: Offizielle Webseite des Kaufhauses Kotva)

Vor 40 Jahren wurden in Prag im Abstand von nur zwei Monaten zwei neue Kaufhäuser eröffnet. Das erste von beiden war das „Kotva“ (Anker). Als am 10. Februar 1975 seine Pforten aufgingen, war es landesweit das größte Warenhaus und das fünftgrößte in Europa. Dabei durften die Architekten aus politischen Gründen nicht genannt werden – und das tatsächliche Warenangebot ließ die Kundenwünsche unerfüllt.

Kaufhaus Kotva heutzutage  (Foto: Offizielle Webseite des Kaufhauses Kotva)
„Kotva“ war bei Weitem nicht das erste Kaufhaus, das in Prag beziehungsweise in der Tschechoslowakei gebaut wurde. Nach der Staatsgründung 1918 schwang sich die Firma „Brouk a Babka“ zum Branchenprimus auf, sie eröffnete Kaufhäuser in den größten Städten Böhmens und Mährens. Insbesondere in den 1930er Jahren entstanden dabei architektonische Juwelen im funktionalistischen Baustil. Hierzu gehörte zweifelsohne auch das Prager Kaufhaus „Bílá labuť“ (Weißer Schwan) in der Straße „Na Poříčí“ von 1939. Mit 15.000 Quadratmetern Verkaufsfläche war es damals das größte und modernste Kaufhaus in Mittelosteuropa. Nach dem Wunsch seines Erbauers und Besitzers, Jaroslav Brouk, sollte der ambitiöse Bau durch seine Parameter, technische Finesse und die Architektur an die westeuropäischen Pendants heranreichen. Dazu gehörten „Wertheim“ und „Karstadt“ in Berlin sowie „De Buenkorf“ in Rotterdam.

Kaufhaus Kotva  (Foto: Offizielle Webseite des Kaufhauses Kotva)
Das Kaufhaus „Bílá labuť“ war für viele tschechoslowakische Pragbesucher ebenso attraktiv wie die bekanntesten Baudenkmäler der Stadt. Doch 1975 verlor es nach langer Zeit seine Vorrangstellung. Mit dem „Kotva“ und dem zwei Monate jüngeren und kleineren Konkurrenten namens „Máj“ wollte sich das kommunistische Regime, eigene Aushängeschilder des Konsums verschaffen.

In der Tagesschau des Tschechoslowakischen Fernsehens vom 10. Februar 1975 waren ranghohe Partei- und Staatsfunktionäre bei der Eröffnung des „Kotva“ zu sehen. Weder gezeigt noch erwähnt wurde hingegen das Architektenpaar Věra Machoninová und Vladimír Machonin. Das Kaufhaus war nach Plänen entstanden, mit denen die Machonins Ende der 1960er Jahre eine Ausschreibung gewonnen hatten. Grund war die prowestliche Orientierung der beiden Architekten. Das stieß den neostalinistischen Parteibossen auf, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 an die Macht gekommen waren. Die Öffentlichkeit durfte daher über ein Bauprojekt anonymer Schöpfer staunen.

Kaufhaus Kotva  (Foto: Google Street View)
„22.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, die von 270 kleinen Geschäften besetzt ist. 1700 Verkäufer und Verkäuferinnen werden voraussichtlich über 22 Millionen Kunden jährlich bedienen“, so hieß es im Fernsehbericht.

270 Geschäfte in einem Gebäude

Mit diesen und anderen Zahlen wurde das Fernsehpublik beeindruckt. Und die Tagespresse sah im neuen Kaufhaus nicht nur die Bestätigung, dass Prag eine Großstadt sei, sondern auch den Beweis für den ansteigenden Lebensstandard hierzulande.

Věra Machoninová  (Foto: Archiv der Galerie Jaroslav Fragner)
Der Wettbewerb um den Bau des „Kotva“ wurde am 1. Dezember 1969 abgeschlossen. Von insgesamt 21 eingereichten Entwürfen wurde der des Studios Alfa von Věra Machoninová und Vladimír Machonin gekrönt. Die Vorgaben für das Projekt waren knifflig. Das geplante Kaufhaus sollte großräumig sein, konnte allerdings nur auf einem sehr kleinen Grundstück mit kompliziertem Grundriss entstehen. Zugleich durfte es aus dem Ensemble der historischen Innenstadt nicht allzu sehr hervorstechen. Die Machonins fanden eine Lösung. Doch wer waren diese Architekten? Radomíra Sedláková von der Technischen Hochschule Prag:

„Sie gehörten einer ungewöhnlich starken Generation von Architekten an, die ihr Studium in den 1950er Jahren abgeschlossen hatte. Man war auf der Suche nach neuen Wegen in der Architektur. Gleichzeitig aber wollte man auch an die Traditionen der tschechoslowakischen Zwischenkriegszeit anknüpfen. Es formte sich eine umfangreiche Gruppe junger Architekten, von denen die Mehrheit nach dem Beginn der politischen ‚Normalisierung‘ sozusagen aufs Abstellgleis geschoben wurde. Auch wenn ihre Projekte realisiert wurden, durfte man sie nicht erwähnen – so als hätten sie gar nicht existiert. Außerdem hinterließen diese Persönlichkeiten eine ganze Reihe von ausgezeichneten und seinerzeit progressiven Bauentwürfen, die weder umgesetzt, noch veröffentlicht wurden. Die Werke der Machonins zählen zu den Spitzenleistungen der tschechischen Architektur der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.“

Radomíra Sedláková  (Foto: Vojtěch Soudný,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Man bräuchte einen halben Tag, um die einmalige Architekt des „Kotva“ zu beschreiben, behauptet Radomíra Sedláková. Hier nur die Kurzform:

„In erster Linie handelt es sich um eine für die damalige Zeit hierzulande sehr ungewöhnliche Architektur. Der Korpus des Baus besteht aus sechs hexagonalen Modulen und erinnert an eine Bienenwabe. Dadurch konnte der verfügbare Bauraum im historischen Stadtkern optimal genutzt werden. Zugleich wirkte das große Gebäude nicht wie ein Störfaktor. Eine weitere Besonderheit ist, dass es in nur 30 Monaten errichtet wurde – allerdings nicht von einer tschechoslowakischen, sondern von der schwedischen Baufirma Siab, was damals keineswegs üblich war. Innovativ war das Kotva damals auch wegen seiner Fassadenbekleidung aus wetterfesten Stahlplatten mit einer rostigen Oberschicht.“

Das Kaufhaus sei bis heute ein einmaliges Bau- und Architekturwerk, findet Sedláková. Und das dürfte auch in der Zukunft weiter gelten.

Erst lebensgefährliches Gedränge, dann Ernüchterung

Foto: Archiv Radio Prag
Allgemein wird das „Kotva“ von den Experten als eine der letzten außerordentlichen Leistungen der tschechischen Architektur zu sozialistischen Zeiten angesehen. Nach 1968 war der „sozialistische Realismus“ wieder stärker gefragt. Der hierzulande mit der Abkürzung „Sorela“ bezeichnete Stil, 1932 in der Sowjetunion zur offiziellen Kunstrichtung erklärt, galt nach dem Zweiten Weltkrieg als Pflicht in allen kommunistischen Ländern.

Ebenso wie das eingangs erwähnte Kaufhaus „Bílá labuť“ wurde auch „Kotva“ von Anfang an zu einem beliebten Pilgerort insbesondere von einheimischen Pragbesuchern. Dabei konnte das Angebot nicht die Nachfrage der Bevölkerung zufriedenstellen. Dass es nach wie vor viel Mangelware gab, mussten die Prager auch nach der Kotva-Eröffnung bald feststellen. Als am 10. Februar 1975 das Haus von den Kunden fast gestürmt wurde, hatten sie meist noch Illusionen. Über dem Eingang wurden sie mit dem Slogan „Kotva je tu pro vás“ empfangen, auf Deutsch „Der Anker ist für Sie da“. Um ein Chaos in der Menschenmasse zu verhindern, wurden Soldaten aus der gegenüberliegenden Kaserne vor Ort berufen. An das Geschehen erinnert sich der Schriftsteller Ondřej Neff, damals Mitarbeiter der Marketingabteilung im neuen Kaufhaus:

Ondřej Neff  (Foto: Šárka Ševčíková,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Die Soldaten hielten die Menschenmasse mit einem Seil vom Eingang weg. Nachdem sich die Eingangstür öffnete, stockte mir der Atem. Die Menschen drängten in das Kaufhaus, doch der erste ganz vorne fiel hin und andere stolperten über ihn hinweg. Wir Umstehenden hatten Angst, dass jemand tödlich verletzt werden könnte. Zum Glück ist aber nichts passiert. Die Leute verstreuten sich dann schnell in den Etagen und mussten bald feststellten, dass das Warenangebot ebenso unattraktiv war wie anderswo.“

Ungefähr ein halbes Jahr nach der Kotva-Eröffnung machte dort eine Rundfunkreporterin eine kleine Umfrage unter den Kunden. Auf die Frage, ob sie in dem Kaufhaus immer das fänden, was sie auch suchten, gab es teils ausweichende, teils deutliche Antworten:

Kaufhaus Kotva  (Foto: Zdeňka Kuchyňová)
„Manchmal schon, manchmal nicht“, sagte ein Kunde.

Mehr Zufriedenheit äußerte eine junge Frau: „Jedes Mal, wenn ich hierherkomme, kaufe ich etwas“.

Ein Mann kam nur aus Neugier – allerdings mehrmals: „Meist suche ich hier nicht so viel und komme eher zum Rumschauen.“

Unverhohlen enttäuscht waren ein Mann und eine Frau:

„Mit dem Sortiment ist es hier eher schlechter bestellt. Wir sind gekommen, um vor allem Ski zu kaufen, haben aber keine bekommen!“

In der Tschechoslowakei wurden im Übrigen Waren nicht „gekauft“, sondern man musste sich – wie es im Volksmund hieß – dies und jenes „anschaffen“.