Retro-Museum in Prag zeigt Design der 1970er und 1980er Jahre

Prag hat seit vergangener Woche ein Retro-Museum. Es wurde im Kaufhaus Kotva eröffnet. Das Museum dokumentiert das Design, die Trends und das Alltagsleben in der Tschechoslowakei der 1970er und 1980er Jahre. 

Kaufhaus Kotva | Foto: VitVit,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0

Das Kaufhaus Kotva liegt am Platz der Republik. Die dortige vierte Etage wurde vor einigen Tagen in ein Retro-Museum verwandelt. Dort wird gezeigt, wie die Menschen hierzulande in den 1970er und 1980er Jahren gelebt haben. Es geht um die Mode, die Wohnungseinrichtung, das Essen und die Freizeitgestaltung, aber auch um die kommunistische Propaganda in der damaligen Tschechoslowakei. Rund 12.000 Exponate werden gezeigt. Das Museum zielt vor allem auf die jüngere Generation. Martin Krsek vom Stadtmuseum in Ústí nad Labem / Aussig hat mitgearbeitet an der Dauerausstellung im neuen Retro-Museum. Der Experte erzählte gegenüber Radio Prag International:

Martin Krsek | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Unser Museum in Ústí hat 2015 eine Schau zusammengestellt mit dem Titel ,Wie unter Husák gelebt wurde‘. (Husák war Staatspräsident der Tschechoslowakei nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, Anm. d. Red.) Unsere Ausstellung hat das Team, das nun das Retro-Museum geschaffen hat, zunächst zu einer Retro-Ausstellung im Prager ‚Tanzenden Haus‘ inspiriert. Damals haben wir viele Exponate aus den Sammlungen des Museums in Ústí nach Prag geliehen. Seitdem haben die Kollegen aus Prag viele Gegenstände vor allem von Privatpersonen zusammengetragen. Aber trotzdem stammt eine Reihe von Exponaten des Retro-Museums aus Ústí. Es handelt sich vor allem um Erzeugnisse der Fabrik Setuza. Das sind Exponate aus unseren Sammlungen.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Hinter dem Projekt des Retro-Museums steht der Verein Art Salon S. Die Veranstalter haben sich bemüht, auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern möglichst viele Lebensbereiche zu dokumentieren. Gleich hinter dem Eingang wird an einige Spezifika am Arbeitsplatz erinnert. Martin Krsek:

Stechuhr | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Zu sehen ist hier eine Stechuhr. Diese stammt gerade aus unserem Museum. Außerdem kann man hier Diplome der ,Brigade der sozialistischen Arbeit‘ bestaunen. Des Weiteren findet man hier Beispiele verschiedenster Wimpel und Abzeichen. Das waren damals die typischen Werbemittel, die von den Unternehmen verteilt wurden.“

Haushaltsgeräte | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Welche Haushaltsgeräte vor etwa 50 Jahren hierzulande benutzt wurden, das kann man sich in einem Glasschrank mit vielen Schubladen ansehen. In diesen sind einige der damaligen technischen Errungenschaften versteckt.

„Diese Staubsauger, Küchenmixer und weitere Geräte kennen einige Generationen von Tschechen noch sehr gut aus dem eigenen Haushalt. Denn das Angebot an Produkten war nicht gerade bunt. Und fast alle hatten dieselben Geräte.“

Plattenbauwohnung mit selbstgebastelten Dekorationen

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Im weiteren Teil des Museums wird der Besucher in eine Plattenbauwohnung aus den 1970er Jahren eingeladen. Die Räume sind mit den für die damalige Zeit typischen Möbeln eingerichtet. Der Experte:

„So sah die Küche in einer Plattenbauwohnung aus. Zum Beispiel durfte die mit Kunstleder bezogene Eckbank nicht fehlen. Die Küche ist mit einigen selbstgebastelten Dekorationen verziert. Es war damals sehr beliebt, in den Fabriken nach der Arbeit aus den Resten von Metall und Draht entweder Blumen oder Figuren wie Mickey Mouse zu kreieren. Diese wurden zu Hause dann als Dekoration anstelle von Gemälden platziert. Viele Frauen bastelten wiederum aus einem dicken Kunstfaden, der ,chemlon‘ hieß, Bilder oder kleine Teppiche, die die Wände der Wohnung schmücken sollten.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Im Tschechischen heißen diese oft recht bizarren dekorativen Stücke „domácké umění“ – auf Deutsch etwa „Hauskunst“. Die selbstgebastelten Gegenstände waren dem Experten zufolge ein Ausdruck der Bemühungen, die eigene Plattenbauwohnung etwas anders zu gestalten als die der Nachbarn. Zudem war das Angebot an dekorativen Gegenständen sehr beschränkt.

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

In den meisten Wohnzimmern stand in den 1970er Jahren auch eine massive Schrankwand mit mehreren Glasvitrinen. Martin Krsek:

„Für die damalige Zeit typisch war eine Besessenheit für Gläser unterschiedlicher Art. Die Gläser wurden aber nie genutzt, sie standen nur in der Vitrine. Oft handelte es sich um Hochzeitsgeschenke. Die Schrankwand füllte sich gleich nach der Hochzeit mit unzähligen Stücken, und so blieb es in der Regel das ganze Leben lang.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Im Museum sind zudem ein Kinder-, ein Schlaf- und ein Badezimmer einer Plattenbauwohnung zu sehen. Gezeigt werden des Weiteren einige der damaligen tschechoslowakischen Schwarz-Weiß-Fernsehgeräte.

Ein weiteres Thema der Schau ist der Urlaub und wie und wo ihn die Menschen aus der Tschechoslowakei vor etwa 50 Jahren verbrachten. Häufig wurde der Urlaubsaufenthalt von der sogenannten „Revolutionären Gewerkschaftsbewegung“ – ROH – organisiert. Martin Krsek:

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International
Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Die Arbeitskollegen und ihre Familien fuhren auch gemeinsam in den Urlaub. Oft war es sogar ein Muss, sozusagen im Kollektiv die Ferien zu verbringen. Fabriken besaßen meist eigene Ferienheime. Insbesondere im Grenzgebiet wurden viele, nach der Vertreibung leer stehende Häuser den Fabriken zur Verfügung gestellt. Diese wurden vom Betrieb in Ferienheime umgewandelt.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Begehrt war natürlich auch ein Urlaub am Meer. In Frage kamen damals jedoch nur Bulgarien oder die DDR. Kompliziert war es mit einer Reise nach Jugoslawien. Der Interessent musste zuerst einen Antrag an die Bank stellen, um Devisen kaufen zu können. Erst danach durfte er bei der Polizei eine Reisegenehmigung beantragen. Der Großteil der Antragsteller erhielt von der Bank eine negative Antwort auf den Antrag und musste sich daher ein anderes Reiseziel suchen.

„Jugoslawien bewachte seine Grenzen zum Westen nicht so streng, darum galt es in den Augen der kommunistischen Führung in Prag als Risikoland. Und nicht selten nutzten die Urlauber ihre Reise auch wirklich zur Flucht nach Westeuropa.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Tuzex und schwarzer Devisentausch

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Auch eine große Auswahl von Spielzeug tschechoslowakischer Produktion ist in der Ausstellung zu sehen. Retro-Spielzeug ist laut Martin Krsek heute sehr gefragt.

„Vor allem, wenn das Spielzeug noch in der Originalverpackung ist, wird es von den Sammlern hoch geschätzt. Am besten ist also Spielzeug, das nie ausgepackt wurde. Manchmal findet man nämlich vergessene Weihnachtsgeschenke – diese sind ein Schatz für die Sammler.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Aus ausländischer Produktion wurde nur eine beschränkte Auswahl an Spielzeug verkauft – und dies auch nicht in den üblichen Läden, sondern im sogenannten „Tuzex“. Etwas Ähnliches gab es damals in Ostdeutschland unter dem Namen Intershop. Im Museum wird in diesem Zusammenhang die Aufmerksamkeit auf das Phänomen des „vekslák“ gelenkt. Mit diesem Wort wurden umgangssprachlich Menschen genannt, die mit dem illegalen Kauf und Verkauf westlicher Währungen Profit machten. Viele dieser „veksláci“ standen eben vor den Tuzex-Läden. Martin Krsek:

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Die „veksláci“ nutzten die unnatürlichen ökonomischen Beziehungen in der sozialistischen Tschechoslowakei aus. In den 1990er Jahren sind sie nicht verschwunden, sondern bildeten Verbrechergangs, deren Gewalttaten vor kurzem zum Thema einer Krimiserie geworden sind.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Zu den Exponaten gehören zudem zahlreiche Alltagsgegenstände unterschiedlicher tschechoslowakischer Produzenten. Ein Großteil der Drogerieartikel stamme dabei aus Ústí nad Labem, wie Martin Krsek anmerkt:

„Viele der Marken wie beispielsweise Ominol oder Radion sind älter, sie entstanden nicht in den 1970er Jahren, sondern waren schon vor dem Krieg von der Familie Schicht auf den Markt gebracht worden. Ihr Unternehmen wurde nach dem Krieg konfisziert und in Setuza umbenannt. Aber weiter wurden dort dieselben Produkte hergestellt. Neben Waschmittel und Zahnpasta produzierte man in Ústí auch Pflanzenfett und Öl wie beispielsweise Ceres und Vegetol.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Die Atmosphäre der 1970er Jahre vermittelt das Kaufhaus Kotva, in dem das Museum untergebracht ist, auch als solches. Das Gebäude wurde von Věra und Vladimír Machonin entworfen. Erbaut wurde es in den Jahren 1970 bis 1975 von der schwedischen Baufirma SIAB, was damals sehr ungewöhnlich war. Nach der Eröffnung war es das größte Kaufhaus in der Tschechoslowakei und sollte zu einem Symbol werden für den Reichtum des kommunistischen Systems. Doch die Probleme mit der Versorgung sprachen dagegen, sie zeigten sich im beschränkten Angebot des neuen Kaufhauses.

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Das Retro-Museum befindet sich in der vierten Etage des Kaufhauses Kotva am Platz der Republik in Prag. Es ist täglich von 9 bis 20 Uhr geöffnet.

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