Pride Month: Besuch im LGBT+-Gemeinschaftszentrum in Prag

LGBT-Gemeinschaftszentrum in Prag

Der Juni gilt als Pride Month, also als Monat der LGBT+-Bewegung. Unter Nutzung des englischen Wortes für Stolz – pride – werden weltweit die Errungenschaften für Lesben, Schwule, Bi- und Transpersonen gefeiert und über die weiterhin bestehenden Probleme ihrer gesellschaftlichen Anerkennung informiert. In Tschechien hat der Pride Month bisher keine sehr starke Tradition. Immerhin wurde aber vor kurzem der Gesetzesentwurf zur Ehe für alle erneut im Parlament vorgelegt. Für Radio Prag International ein guter Anlass für einen Besuch im LGBT+-Gemeinschaftszentrum, das es seit gut einem halben Jahr in der Prager Altstadt gibt.

Tom Bílý | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Von der Straße aus ist es eher unauffällig. Dabei hat das LGBT+-Gemeinschaftszentrum eine gute Lage in der Železná-Straße, die direkt vom Altstädter Ring abgeht. Auf Augenhöhe weist aber kaum etwas auf die Einrichtung hin. Man muss den Blick heben, um die beiden Regenbogenfahnen zu sehen über den Fenstern des ersten Stocks, in dem sich die Clubräume befinden.

Tom Bílý, Direktor des Prague-Pride-Festivals sowie des Community-Zentrums, hat sich auf einen der regenbogenfarbenen Sitzsäcke niedergelassen und berichtet von den ersten Monaten in den neuen Räumen:

„Wir haben das Zentrum am 9. Dezember eröffnet, also einen Tag vor dem Internationalen Menschenrechtstag. Dann mussten wir es leider wieder für zwei Monate schließen, denn es gab den Corona-Lockdown. Das heißt, wir sind jetzt seit Februar in Betrieb, und in den vier Monaten seitdem haben wir schon mehrere Dutzend Veranstaltungen organisiert. Wir bieten etwa Programme für die Öffentlichkeit an. Zudem ist immer donnerstags für die LGBTIQ+-Gemeinde geöffnet. Das läuft sehr gut. Jede Woche kommen 15 bis 25 junge Leute her und nutzen unseren Clubraum. Hier gibt es Gesellschaftsspiele, eine Playstation, eine Jukebox und andere Dinge für sie. Sie treffen sich hier mit ihren Freunden, plaudern und spielen.“

Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Der Clubraum ist einfach und offen gestaltet, die Regenbogenfarben sind allgegenwärtig. Getrennt von einer kleinen Küche befindet sich nebenan ein weiterer Raum für Meetings. Eine Wand ist mit einem Bücherregal bestückt, in dem sowohl Belletristik mit Bezügen zur Queer-Gemeinde steht als auch Fach- und Beratungsliteratur, die der Verein Prague Pride mitunter selbst herausgibt.

Die Aktivitäten der Organisation sind breit gefächert. Am bekanntesten ist die Prague-Pride-Parade, die jedes Jahr im August stattfindet. In Vor-Corona-Zeiten hat sie bis zu 80.000 Teilnehmer*innen gezählt. Aber auch damit ende das Tätigkeitsfeld des Vereins noch nicht, betont Bílý:

Prague Pride | Foto: Igor Budykin

„Im Gemeinschaftszentrum finden außerdem Veranstaltungen aus anderen Programmen von Prague Pride statt. Denn unter dem Namen gibt es nicht nur das Community-Zentrum und das Festival. Wir haben auch ein Pride Business Forum, eine Bildungssektion sowie die Kampagne für die Ehe für Schwule und Lesben. Alle diese Gruppen halten hier ihre Veranstaltungen ab.“

Der Betrieb des Gemeinschaftszentrums, in denen der Verein Prague Pride auch seine Büroräume hat, wird durch Sponsor*innen und mit öffentlichen Projektgeldern finanziert. Vermieter sei der Prager Magistrat, so Bílý weiter:

„Wir haben gute Beziehungen mit der Stadt Prag. Allerdings wurden uns diese Räumlichkeiten nicht als Unterstützung überlassen. Wir haben einfach das normale Auswahlverfahren gewonnen.“

Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Ein wichtiges Angebot im LGBT+-Zentrum sind zudem Therapiegruppen. Diese gibt es laut Bílý etwa für Transgender-Personen, seit kurzem aber auch für queere Geflüchtete aus der Ukraine:

„Wir versuchen, diesen Menschen einen sicheren Ort zu bieten. Es ist aber schwierig, überhaupt mit ihnen in Kontakt zu kommen. Denn die LGBTIQ+-Flüchtlinge sind es nicht gewohnt, über ihren Status zu sprechen. Meist haben sie sich noch nicht geoutet. Wir betreiben darum eine Online-Kampagne, um den Kontakt mit ihnen herzustellen.“

Dazu gehört etwa die zentrale Emailadresse [email protected], über die der Verein Unterkünfte vermittelt.

Happy Pride Month

Pride-Monat im LGBT-Gemeinschaftszentrum in Prag | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Auf der Tafel, die im Eingangsbereich des LGBT+-Gemeinschaftszentrums frei beschrieben und bemalt werden kann, wünscht jemand einen „Happy Pride Month“, einen fröhlichen Pride-Monat. Weltweit wird damit auf den Widerstand Bezug genommen, den das queere Publikum einer Bar namens Stonewall Inn in New York geleistet hat, als es am 28. Juni 1969 mal wieder zu einer Polizeirazzia kam. An die folgenden Unruhen erinnert in Deutschland etwa der Christopher-Street-Day mit Verweis auf die Straße, in der sich das Stonewall Inn noch heute befindet.

Die Tradition des Pride Month sei in Tschechien nicht besonders stark, sagt Tom Bílý. Da die Prague-Pride-Parade schon seit zwölf Jahren im August stattfindet, sei dies der wichtigste Monat für die hiesige LGBT+-Community. Aber auch im Juni werde hierzulande auf ihre Probleme aufmerksam gemacht:

„Das ist besonders online zu beobachten. Während des Pride Month tauchen etwa Firmen ihr Logo in die Regenbogenfarben, und auch politische Parteien posten Standpunkte. Wir hatten am ersten Wochenende eine Veranstaltung als festlichen Auftakt des Pride Month. Es war eine Standup-Show mit unseren Partnern von The Gay Agenda. Ein Teil der Einnahmen aus den Eintrittskarten geht als Spende an unser Community-Zentrum.“

Jan Lipavský | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

Eine Grußbotschaft zum Pride Month sandte etwa der tschechische Außenminister Jan Lipavský am vergangenen Wochenende. Er sei froh, dass die Gesellschaft langsam begreife, dass alle Menschen gleich seien, schrieb er auf Twitter. Seine Partei, die Piraten, unterstützt auch die wiederbelebte Initiative für die Ehe für alle. Ob Absicht oder nicht, der Gesetzesentwurf wurde gerade im Juni dem Abgeordnetenhaus vorgelegt. Bereits zum zweiten Mal wird so seit 2018 versucht, die bisher in Tschechien geltende registrierte Partnerschaft auf die Eheschließung auszuweiten.

Beinahe erstaunlich ist dabei, dass die Unterstützungsbereitschaft dafür im Parlament die sonst so pedantisch eingehaltenen Oppositionsgrenzen überwindet. Unterschrieben haben die Gesetzesvorlage Vertreter*innen der Regierungsparteien Bürgerdemokraten, Stan, Top 09 sowie Piraten, aber auch der Oppositionspartei Ano. Deren Abgeordnete Eva Fialová konstatierte dazu auf einer Pressekonferenz:

Illustrationsfoto: LollipopPhotographyUK,  Pixabay,  Pixabay License

„Das zeigt, dass es völlig egal ist, welchen politischen Hintergrund jemand hat. Denn es geht um ein Prinzip und die Freiheit. In diesem Fall spielt es keine Rolle, welche politische Meinung wir vertreten.“

Alle unterstützenden Parteien haben für die Abstimmung ihren Fraktionszwang aufgehoben. Nicht unterschrieben haben den Vorschlag der Ehe für alle hingegen die an der Regierung beteiligten Christdemokraten sowie die zweite Oppositionskraft, die Rechtsaußen-Partei SPD.

Und auch Präsident Miloš Zeman ließ umgehend verlauten, gegen ein solches Gesetz sein Veto einlegen zu wollen. Er halte die Ehe allein für eine Verbindung zwischen Mann und Frau, betonte das Staatsoberhaupt noch am Tag der Pressekonferenz und sprach gleichgeschlechtlichen Paaren die Möglichkeit ab, ein Kind zu bekommen.

Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Premier Fiala lehnt Ehe für alle ab

Sehr wahrscheinlich wird Zeman aber mit dem Gesetz nicht mehr behelligt. Für dessen Verhandlung werden mehrere Monate angesetzt. Eine mögliche Verabschiedung dürfte Zemans Mandat, das im März kommenden Jahres ausläuft, zeitlich überschreiten. Auch Premier Petr Fiala (Bürgerdemokraten) erwartet eine schwierige Debatte im Parlament. Seine persönliche Ablehnung der Novelle weiß der Regierungschef immerhin wesentlich diplomatischer auszudrücken:

Petr Fiala | Foto:  Regierungsamt der Tschechischen Republik

„Das Institut der Ehe in seiner jetzigen Form sollte nicht verändert werden. Dies denke ich aus Gründen meines Glaubens und der Werte, die ich vertrete. Natürlich respektiere ich aber andere Meinungen, und ich werde jede demokratische Entscheidung respektieren, die das Parlament fällt.“

Prague-Pride-Chef Tom Bílý hat eine mögliche Erklärung für die konservative Haltung mancher Regierungsvertreter*innen parat:

Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Verschiedenen Studien zufolge unterstützen rund 70 Prozent der Menschen in Tschechien die Ehe für alle. Andererseits gibt es hier aber immer noch sehr konservative Leute. Auch die katholische Kirche hat einen ziemlich großen Einfluss, obwohl sie im Vergleich zu anderen Staaten hierzulande ziemlich klein ist. Aber sie ist zu hören, und wir vernehmen ihre Stimme sehr laut. In der neuen Regierung ist die Kirche in verschiedenen Ministerien repräsentiert. Das ist nicht gut für die LGBTIQ+-Gemeinde.“

Deutliche Unterschiede in der Anerkennung von queeren Menschen und ihren Möglichkeiten, sich unbehelligt in der Öffentlichkeit zu bewegen, gebe es vor allem zwischen Stadt und Land, fügt Bílý an. Vor allem in Prag herrscht diesbezüglich eine liberale Atmosphäre. Und zum Pride-Festival im August kommen auch zahlreiche LGBT+-Menschen aus Polen, Ungarn und weiteren östlichen Ländern in die tschechische Hauptstadt. Bílý ergänzt:

„Tschechien ist wirklich ein Hub, also ein Zentrum für die LGBTIQ+-Comunity in Mittel- und Osteuropa. Obwohl wir momentan die konservativste Regierung in der Geschichte Tschechiens haben, würde ich die aktuelle Lage als gut bezeichnen – nicht super, aber gut. Am schlechtesten ist die Lage hierzulande für Transgender-Menschen. Es gibt immer noch Gesetze für die Geschlechtsanpassung, die sehr konservativ sind.“

Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Dazu gehört etwa, dass die Angabe zum Geschlecht im Personalausweis in Tschechien erst geändert wird, wenn die betreffende Person eine chirurgische Geschlechtsanpassung vorgenommen hat. Eine Liberalisierung dieser Vorgabe wurde zuletzt Ende März vom Verfassungsgericht in Brno / Brünn abgewiesen. An diesem Thema, genau wie an der Ehe für alle, müsse die LGBT+-Gemeinde im Land und allen voran der Verein Prague Pride noch weiter arbeiten, schließt Tom Bílý das Gespräch im Clubraum in der Železná-Straße ab.

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