Regierung billigt "Weißbuch"über die Entwicklung des Bildungssystems

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Die Regierung hat am Mittwoch das sogenannte "Nationale Programm zur Entwicklung des Bildungswesens in der Tschechischen Republik" verabschiedet. Mit der Ausarbeitung dieses Dokuments hatte das Kabinett Zeman im April 1999 das Schulministerium beauftragt. Das nun vorliegende Programm soll als Fundament für eine umfassende Reform des tschechischen Schul- und Hochschulwesens dienen.

Einzelheiten dazu von Silja Schultheis. Das "Weißbuch" - so die geläufige Abkürzung für das Programm - ist das erste nach 1989 erschienene Dokument, in dem eine längerfristige Strategie für die Entwicklung des tschechischen Bildungswesens formuliert wird. Erstellt wurde es auf der Grundlage von Gutachten tschechischer wie ausländischer Bildungsexperten sowie unter Einbeziehung der öffentlichen Diskussion, die vor allem während des vergangenen Jahres in Tschechien zum Thema 'Reform des Schulwesens' stattfand. Was sieht das Programm konkret vor?

Übergreifendes Ziel ist vor allem die Veränderung der Lehr- und Lernmethoden - weg vom bislang verbreiteten enzyklopädischen Auswendigpauken hin zu einem selbständigen Lern- und Reflexionsprozess. Im einzelnen schlägt das Programm ein verändertes Notensystem vor, in das auch schriftliche Beurteilungen mit einfließen sollen. Vorgesehen ist ferner ein einheitliches Abitur in neuer Form für alle Mittelschulen.

Weitere Punkte: Es werden gemischte Klassen mit Behindertenintegration angestrebt. Und jedes Kind soll Anspruch auf einen Kindergartenplatz haben. Nicht zuletzt soll sich im Zuge der Reform die Zahl der Schüler erhöhen, die eine Mittel- oder Hochschulausbildung absolviert haben. Die Kritik an dem Reformprogramm richtet sich in erster Linie gegen seine mangelnde Realisierbarkeit. Gründe hierfür sehen Skeptiker vor allem in der defizitären Ausbildung der tschechischen Lehrer sowie in den geringen Finanzmitteln, die den Schulen für ihre Reformierung zur Verfügung stehen.

Beispiel: laut "Weißbuch" sollen in den Grundschulen - die in Tschechien die Klassenstufen 1-8 umfassen - zwei Fremdsprachen unterrichtet werden, die erste davon bereits in der 3. Klasse. Eines der grundlegenden Probleme, mit denen die Grundschulen gegenwärtig zu kämpfen haben, ist indes die schlechte Bezahlung der Lehrkräfte und der daraus resultierende alarmierende Weggang qualifizierten Personals. Es liegt auf der Hand, dass unter solchen Bedingungen die Einführung eines erweiterten Fremdsprachenunterrichtes wenig realistisch erscheint.

Das "Weißbuch" muss nun nach der Regierung noch vom Parlament abgesegnet werden - ein Schritt, der erwartungsgemäß ohne großen Widerspruch vollzogen werden wird. Entscheidend für die tatsächliche Umsetzung der Reformvorschläge wird hingegen die Verabschiedung konkreter Gesetze sein - insbesondere der vieldiskutierten Novelle des Schulgesetzes. Ohne sie würde das "Weißbuch" mitsamt aller in ihm enthaltenen Verbesserungsvorschläge in einem legislativen Vakuum stecken bleiben. Denn noch handelt es sich bei dem Nationalen Programm zur Entwicklung des Bildungswesen um ein überparteiliches Material, das keinerlei verbindlichen Charakter hat, solange es vom Parlament nicht in die Gesetzgebung einbezogen wird.