Region Vysočina begrüßt weltbeste Biathleten zum Highlight des Jahres

Foto: ČTK

Eine kleine, als rückständig betrachtete Gegend im Inneren der Tschechischen Republik tritt in den kommenden Tagen ins große internationale Rampenlicht. Es ist die Region Vysočina, im Deutschen besser bekannt als Böhmisch-Mährische Höhe. Sie ist Austragungsstätte des größten Sportevents, das dieses Jahr in Tschechien veranstaltet wird: die Weltmeisterschaften im Biathlon. Und es ist eine Premiere, denn dieses Highlight bei den Skijägern wird hierzulande zum ersten Male ausgetragen.

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Wenn man im WM-Austragungsort Nové Město na Moravě / Neustadtl in Mähren über Biathlon spricht, dann fällt sofort ein Name: Jiří Hamza. Der ehemalige Biathlet und Basketball-Manager hatte im Jahr 2004 die Idee, aus dem Skilanglaufareal in der mährischen Kleinstadt noch mehr zu machen – eine moderne Biathlonanlage mit einer Zuschauerkapazität von über 20.000 Zuschauern. Jetzt, unmittelbar vor Beginn der Weltmeisterschaft, die am Mittwochabend in der 10.000-Seelen-Stadt feierlich eröffnet wird, steht die moderne Sportstätte kurz vor ihrer internationalen Feuertaufe. Damals aber, als alles begann, wollte vor Ort keiner so recht daran glauben. Auch nicht der Chef des tschechischen Biathlon-Verbandes, Václav Fiřtík:

Václav Fiřtík (Foto: Archiv der Internationalen Biathlon-Union)
„Ich konnte mir solch eine Anlage überhaupt nicht vorstellen, als Jiří Hamza seine Idee vortrug. Ich gehörte vielmehr zu denjenigen, die ihm vorhielten, dass er wohl verrückt sei. Ich sagte ihm, dass es im Umkreis gerade einmal eine Handvoll Leute gäbe, die ihm dabei helfen könnten. Er aber ließ sich nicht beirren, sondern ging voran wie ein Berserker, auch wenn der Weg noch so dornenreich war.“

Auch WM-Organisationschef Hamza gibt heute zu, dass die Anfangszeit besonders schwer war:

„Mit der Umsetzung meiner verrückten Idee haben wir vor acht Jahren begonnen. Ich habe eine kleine Schar ehemaliger Biathleten um mich geschart, mit denen ich in jungen Jahren gemeinsam aktiv war. Als wir unser Projektteam formiert hatten, galt es zunächst, die Leute vor Ort davon zu überzeugen, dass es keine Torheit ist, die wir da vorhaben. Das haben anfangs zwar fast alle gedacht, doch schon bald haben wir uns in die Vielzahl von Verhandlungen gestürzt, die für das Vorhaben unabdingbar waren. Wir haben durchgehalten, so dass wir heute auch ein gutes Ergebnis präsentieren können.“

Jiří Hamza (Foto: Štěpán Janda, Tschechisches Fernsehen)
Dieses Ergebnis kann sich nicht nur sehen lassen, sondern es wird bereits in den höchsten Tönen gelobt. So hat ein internationales Fachmagazin die neue Biathlonanlage jüngst als den „Traum eines Stadions“ gepriesen. Und auch Hamza selbst ist stolz auf das, was er seinen Gästen jetzt bieten kann:

„Wenn Zuschauer wie Sportler das neue Areal erstmals in Augenschein nehmen, dann können wir mit Gewissheit sagen: Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Im Gegenteil - ich denke, dass sich unsere Anlage würdig neben die renommierten deutschen Biathlonstrecken in Ruhpolding und Oberhof reiht, oder auch die in Antholz und Östersund. Wir dürften diesen populären Sportstätten in nichts nachstehen. Ich denke, dass das in Zukunft auch der internationale Biathlon-Verband IBU so sieht.“

Ricco Groß in Antholz (Foto: Götz A. Primke, Wikimedia Creative Commons 2.0)
Vertreter der IBU sowie internationale Stars wie der mehrfache Biathlonweltmeister Ricco Groß zeigten sich schon im vergangenen Jahr sehr angetan von der neuen Wettkampfstätte. Vor Jahresfrist wurde in Nové Město na Moravě ein Weltcupwettbewerb veranstaltet, quasi als Generalprobe für die jetzige WM. Groß war zudem erstaunt von der unerwartet hohen Zuschauerzahl, und er wird es wohl noch mehr bei der WM sein. Laut Aussage von Hamza haben die Veranstalter bis Anfang Februar schon rund 100.000 Tickets für die elf Wettbewerbe abgesetzt. Die Wettbewerbe werden an acht Wettkampftagen zwischen dem 7. und 17. Februar ausgetragen. In seiner kühnen Erwartungshaltung hoffe er nun sogar, dass die WM insgesamt von 150.000 Zuschauern besucht werde, sagte Hamza am Montag vor Journalisten. Um diesem Ansturm auch gerecht zu werden, habe man im zurückliegenden Jahr in der Region noch einmal so richt geklotzt, ergänzt der WM-Organisationschef:

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„Ich denke schon, dass wir gut vorbereitet sind. Zuletzt wurde noch eine ganze Reihe von Straßen und Zuggleisen repariert, kurz: Die gesamte Infrastruktur in der Region wurde so verbessert, dass wir dem Zuschauerandrang auch Herr werden sollten. Natürlich ist immer noch bei jedem auch etwas Geduld gefragt, wenn die Massen in die WM-Arena hinein- und aus ihr herausströmen. Aber andererseits glaube ich, dass alle angenehm überrascht sein werden, was für ein schönes Areal sie bei uns erwartet.“

In diesem Zusammenhang weist Hamza noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass die Zuschauer möglichst früh anreisen sollten, um nicht wegen des Menschenauflaufs von den spannenden Rennen etwas zu verpassen. Bereits vier Stunden vor dem jeweiligen Wettkampfbeginn werde zudem das umfangreiche Rahmenprogramm der WM gestartet. Die Besucher dürften sich also bis zum Startschuss jedes Rennens nicht langweilen, glaubt der Organisationschef. Alles scheint also bestens vorbereitet zu sein für die WM, doch so kurz vor ihrem Auftakt steige auch die Nervosität, bekennt Hamza:

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„Ruhig sind wir ganz sicher nicht. Wir sind nervös und warten eigentlich nur darauf, dass es endlich losgeht. Ist der erste Startschuss erst einmal ertönt, dann fällt auch diese Anspannung ab. Das weiß ich aus Erfahrung. Aber solange noch kein Schuss gefallen ist und nicht alles im Wettkampf getestet ist, rechnen wir noch mit so manchen kleineren Fehlern, die man zurzeit nicht sehen kann. Aus diesem Grund ist unsere Nervosität jetzt noch groß.“

Auch Biathlon-Verbandschef Fiřtík gesteht, derzeit unruhig zu sein. Aber das mehr aus sportlichen Gründen:

„Fast alle Tschechen, die sich für Sport begeistern, hegen die Erwartung, dass wir am Donnerstag schon die erste Medaille holen. Aber Biathlon ist und bleibt ein unberechenbarer Sport. Und in der Disziplin Mixed-Staffel, mit der die WM-Konkurrenzen beginnen, sind immerhin zwölf Teams am Start. Wenn dann alle Athleten beim Schießen gut treffen und bei ihnen auch der Ski gut läuft, dann kann tatsächlich jede der teilnehmenden Staffeln auch gewinnen.“

Jaroslav Soukup und Michal Šlesingr (Foto: ČTK)
Dies aber, so Fiřtík, mache ja gerade den Reiz des Biathlonsports aus: Solange jeder Athlet im Wettkampf nicht seinen letzten Schuss abgefeuert habe, könne man den Sieger und die Platzierten nur schwerlich voraussagen. Heutzutage hätten in jedem Wettbewerb nicht nur 15 bis 20, sondern vielleicht 30 bis 40 Athleten eine Siegchance, weil beim Schießen halt alles passieren könne, ergänzt Fiřtík. Dennoch hoffen der Verbandschef sowie die anderen Funktionäre und Helfer des Biathlons in Tschechien, dass diesmal auch wieder Medaillen für die eigenen Sportler herausspringen. Die letzte WM-Medaille für Tschechien hat Jaroslav Soukup zwar erst vor einem Jahr in Ruhpolding gewonnen, doch dann muss man schon weitere fünf Jahre zurückschauen, um auf den nächsten Medaillengewinner aus dem diesjährigen Gastgeberland zu stoßen: Im Jahr 2007 brachte Michal Šlesingr Silber im Sprint und Bronze im Einzel mit nach Hause.

Gabriela Soukalová (rechts). Foto: ČTK
Aufgrund der guten Leistungen der tschechischen Skijäger zu Saisonbeginn, insbesondere der Frauen, sind die Erwartungen nun gestiegen. Schon bei acht Weltcuprennen erkämpften Tschechiens Vertreter einen Podestplatz. Und die neue Hoffnungsträgerin des Landes, die 23-jährige Gabriela Soukalová, sprang Mitte Dezember im slowenischen Pokljuka gleich dreimal aufs Podium. Auf die Frage nach den Gründen ihrer Leistungsexplosion antwortete sie damals unter anderem:

„Ich mache mir keinen Stress mehr. Ich weiß nicht, ob ich darüber bereits gesprochen habe, aber noch vor einigen Monaten war mein Vater schwer krank. Deswegen war ich bei den Rennen im vergangenen Jahr mit meinen Gedanken oft woanders, also nicht fokussiert auf den Wettkampf. Jetzt aber, wo mein Vater wieder gesund ist – und ich hoffe, dass das so bleibt – gehe ich wesentlich gelöster in jedes Rennen. Mit dieser inneren Ruhe und der guten Laune läuft es bei mir gleich viel besser als in den vergangenen zwei Jahren.“

Foto: Tschechisches Fernsehen
Auf ein, zwei Erfolge von Gabriela Soukalová und ihren tschechischen Mitstreitern hofft auch WM-Organisationschef Jiří Hamza:

„Am Ende der WM würde ich gern in der Presse lesen, dass die Zuschauer zufrieden waren und dass wir wenigstens zwei Medaillen gewonnen haben.“

Autor: Lothar Martin
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