Römer in Mähren – ein kurzes Gastspiel

Szene aus den Markomannen-Kriegen (Foto: Veleius, Public Domain)

Die späteren böhmischen Länder standen zu Zeiten des alten Rom unter der Herrschaft germanischer Stämme. Doch mehrmals sind die Römer auch nach Norden vorgedrungen. Während der sogenannten Markomannen-Kriege schlugen sie sogar Lager auf mährischem Gebiet auf.

Mark Aurel begnadigt Markomannenhäuptlinge (Foto: Public Domain)
Böhmen und Mähren werden schon im ersten Jahrhundert vor Christus germanisch besiedelt. Die nachfolgende Epoche gehört immer noch zur Frühgeschichte, da die Völker keine eigenen schriftlichen Quellen hinterlassen haben. Es gibt nur Beschreibungen etwa aus römischer Feder.

Über die ersten germanischen Stämme auf heute tschechischem Boden bestehen keine Informationen. Erst die Markomannen werden aktenkundig. Denn im Jahr 10 vor Christus werden sie von den Römern am oberen Main vernichtend geschlagen. Die Markomannen ziehen sich nach Osten zurück, und ihr neuer König Marbod errichtet seine Herrschaft in Böhmen und Nordmähren. Es ist ein lockerer Bund germanischer Stämme mit zunächst wohl guten Beziehungen zum römischen Kaiser Augustus. Doch Marbod dehnt seine Macht bis an die untere Elbe aus, und das beunruhigt Rom. Balázs Komoróczy ist Archäologe an der Akademie der Wissenschaften in Brno / Brünn:

„Das Marbodreich war rund 30 Jahre lang ein relativ stabiles Gebilde mehrerer Stämme. Die Römer mussten also wohl oder übel mit diesem Machtfaktor rechnen. Einige schriftliche Quellen sprechen davon, dass Rom versuchte, das Reich militärisch zu erobern oder zumindest in die Schranken zu weisen. Augustus´ Adoptivsohn Tiberius wurde jedenfalls im Jahr 6 nach Christus mit einem Feldzug gegen Marbod beauftragt.“

Tiberius kommt nicht weit

Tiberius (Foto: Marie-Lan Nguyen)
Tiberius marschiert von Carnuntum an der Donau durch das Tal der March nach Norden. Zur selben Zeit versucht Gaius Sentius Saturninus, von Westen her zum Böhmerwald vorzudringen. Lubomír Košnar, Archäologe an der Prager Karlsuniversität:

„Bei diesem Feldzug sind römische Truppen zweifellos auf das Gebiet des heutigen Tschechiens gelangt. Für Mähren ist das gesichert, aber zu Böhmen haben wir keine zuverlässigen Quellen. Vielleicht hätten sich beide Truppen auch treffen sollen, doch dann kam es zum Pannonischen Aufstand auf dem Balkan. Diese Gegend hatten sich die Römer schon bis 12 vor Christus untergeordnet. Die Rebellion jedenfalls musste dringend niedergeschlagen werden, und deswegen wurde der Feldzug unterbrochen.“

Tiberius zieht seine Truppen also ab. Bevor ein eventueller neuer Feldzug geplant werden kann, erleiden die Römer 9 nach Christus im Teutoburger Wald ihre legendäre Niederlage. Danach kommt es anderthalb Jahrhunderte lang zu keinen weiteren Versuchen, die Gebiete nördlich der Donau ins Imperium Romanum einzuverleiben. Man arrangiert sich wohl mehr oder minder mit den benachbarten Germanen. Doch in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts rücken germanische Stämme aus dem Norden nach Süden vor, Forscher gehen von einer Verschlechterung des Klimas und wirtschaftlicher Not aus. Die germanischen Völker nahe den nördlichen Grenzen des Römischen Reiches werden unruhig. Letztlich fallen Langobarden und Obier in der Provinz Pannonien ein, also in das heutige Niederösterreich und Ungarn. In der Folge kommt es zu den Markomannen-Kriegen.

Szene aus den Markomannen-Kriegen (Foto: Veleius, Public Domain)
„Germanische Kriegsgefolgschaften begannen diese Kriege im Jahr 166 nach Christus, die Langobarden und Obier kamen aber nicht aus Böhmen oder Mähren, sondern von weiter nördlich. Die germanischen Truppen wurden indes wieder zurückgeschlagen. Aus der folgenden Zeit sprechen die Quellen davon, dass die Markomannen und Sueben mit den Römern über die Germanen aus dem Norden verhandelten. Sie suchten entweder militärischen Schutz oder wollten auf römisches Gebiet gelassen werden. Die Römer haben wohl die Lage nicht genügend ernst genommen oder waren mit anderen Feldzügen beschäftigt. Jedenfalls zog im Jahr 169 eine große germanische Armee unter Führung der Sueben durch die ungarische Tiefebene und über die Julischen Alpen nach Norditalien und bedrohte dort die Bevölkerung von Städten, Dörfern und Lagern“, so Balázs Komoróczy.

Befestigtes Lager in Südmähren

Hradisko bei Mušov (Foto: Jan Sapák, CC BY-SA 3.0)
Nun schlägt das Imperium Romanum zurück. Zunächst zieht es gegen die Markomannen zu Felde, in Folge aber auch gegen andere Stämme. Zu dieser Zeit wird Mähren zu einem strategisch wichtigen Ort für die Römer. Ihre Legionen schlagen mehrere vorübergehende Lager auf, das nördlichste sogar nahe dem heutigen Olomouc / Olmütz. Archäologe Komoróczy:

„Aus dieser Zeit wissen wir von Militäranlagen auf heutigem tschechischen Boden. Das eine waren sogenannte Feldlager. Ihre Lage zeigt uns, in welche Richtung die römische Armee vorgedrungen ist, wie stark die Truppen waren, welche natürlichen Hindernisse überwunden werden mussten und wo die Germanen gesiedelt haben dürften. Das Zweite ist so etwas wie eine zentrale Festung, die wohl zur Koordination und Führung des ausgedehnten Kriegszugs diente. Sie bestand an dem Ort, den wir Hradisko bei Mušov nennen. Er liegt auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Pasohlavky.“

Römisches Lager (Quelle: P. Šima-Juríček in ANODOS-Supplementum 1, Trnava 2001)
Pasohlavky / Weißstätten ist knapp 40 Kilometer südlich von Brünn, ursprünglich an der Thaya gelegen, heute an einem Stausee. Von dort drangen die römischen Truppen zu Zeiten von Kaiser Marcus Aurelius immer weiter nach Norden. Den heutigen Erkenntnissen nach dürfte das befestigte Lager etwa von 175 bis 180 nach Christus bestanden haben, das geht aus den Münzfunden dort hervor. Es war rund 40 Hektar groß. Doch wie sahen die beiden Typen von Lagern aus?

„Die Soldaten hatten wohl während der Feldzüge nicht gerade großen Komfort. Die Feldlager waren mit Lehmwällen geschützt sowie Holztoren und Holztürmen. Im Inneren standen Zelte. Davon unterschied sich jedoch deutlich das zentrale Lager in Mušov. Dort wurden wohl schon recht bald feste Gebäude errichtet. Es gab dort Werkstätten, die den notwendigen Service für die Soldaten boten. Diese mussten sich ja um ihre Ausrüstung und Waffen kümmern. Es bestand eine Wohnanlage, die wahrscheinlich ausschließlich für die Führung bestimmt war. Das urteilen wir nach der Größe dieses Komplexes. Der antike Geschichtsschreiber Cassius Dio hat zudem vermerkt, dass es hier Thermen gegeben haben soll. Nicht auszuschließen also, dass sich in den Teilen, die wir noch nicht ausgegraben, sogar Thermen für die Soldaten finden lassen. Gefunden haben wir des Weiteren ein Gebäude, das wir dem Grundriss nach als Militärkrankenhaus bezeichnen. Es war eines von 15 solchen Kliniken im ganzen Römischen Reich. Dort, wo sich massive Truppenbestände befanden, wurden im Imperium Romanum solche Militärkrankenhäuser errichtet“, erläutert Komoróczy.

Autochthone beschweren sich über Römer

Lubomír Košnar (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag)
Gerade Cassius Dio hat auch noch mehr zum Vordringen der Römer nach Mähren im Jahr 179 geschrieben. Lubomír Košnar:

„Die Germanen beschweren sich demnach, dass die Besatzungen der römischen Befestigungen entlaufene Sklaven und Gefangene schützen und für Arbeiten nutzen. Zum einen also verliert die autochthone Bevölkerung Ackerflächen, zum anderen Arbeitskräfte. Außerdem würden die Römer ihre Felder abgrenzen, so dass das Vieh dort nicht mehr weiden könne, heißt es. Die Quaden hätten sich deswegen entschieden, die Gegend zu verlassen, schreibt Cassius Dio. Und da ist interessant, wie er weiter berichtet, dass die Römer die Pässe in den Bergen besetzen, um den Abzug zu verhindern. Die Römer glauben wohl, dass die Quaden in ihren Siedlungen für sie nicht so gefährlich sind. Marcus Aurelius hat also wohl den Plan von Augustus wieder aufgegriffen, die Grenzen des Reichs bis zu jenen Bergen zu verschieben, die das heutigen Böhmen und Mähren umgeben. Und er wollte wohl nicht die Bevölkerung verlieren, denn die Provinzen sollten auch eine wirtschaftliche Rolle spielen.“

Marcus Aurelius (Foto: EmDee, CC BY-SA 3.0)
Marcus Aurelius stirbt jedoch im Jahr 180. Damit geht die kurze Ära der Römer in Mähren wohl zu Ende. Denn Nachfolger Commodus entscheidet sich dagegen, die Grenze des Reiches nach Norden zu verschieben. Er schließt einen sofortigen Frieden mit den germanischen Stämmen.

Autor: Till Janzer
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