Scheidungsrate in Tschechien weiter hoch – Familienkurse helfen

Foto: Offizielle Webseite der Kampagne „Nationale Woche der Ehe“

In Tschechien wird fast jede zweite Ehe geschieden. Die eheliche Partnerschaft hält durchschnittlich 13 Jahre, am häufigsten aber trennen sich Eheleute nach drei bis fünf Jahren. Das hat am Montag das nationale Statistikamt in Prag bekanntgegeben. Zur Unterstützung des traditionellen Lebensbunds wird in dieser Woche die Kampagne „Nationale Woche der Ehe“ durchgeführt. Diese Aktion, die immer zum Valentinstag stattfindet, wird zum neunten Male veranstaltet. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto „Glücklich bis in den Tod“.

Foto: Offizielle Webseite der Kampagne „Nationale Woche der Ehe“
Ehepaare, die 50 Jahre verheiratet sind, werden auch in Tschechien immer rarer. Zu den Glücklichen, die erst jüngst ihre goldene Hochzeit gefeiert haben, gehören Jarmila Kulovaná und Luděk Kulovaný. Toleranz und Kompromissbereitschaft seien die Grundbausteine für das lange Zusammenleben. Ihre Ehe belebe aber auch der gleiche Sinn für Humor, sagt Luděk und beginnt zu scherzen:

Foto: smarnad, FreeDigitalPhotos.net
„Ich habe die Chefrolle komplett an seine Frau abgegeben“, sagt er – und sie fängt an zu lachen.

So heiter und unbeschwert aber geht es längst nicht mehr zu in den Partnerschaften hierzulande. Zwar ist die Zahl der Scheidungen in den zurückliegenden Jahren gesunken, doch auch die Zahl der Eheschließungen ist stark zurückgegangen. Die Scheidungsrate ist daher weiter hoch, sie bewegt sich seit 2001 zwischen 45 bis 50 Prozent, wie die Statistiken belegen. Der häufigste Grund für das Scheitern einer Ehe sei die unterschiedliche Erwartungshaltung beider Partner, sagt Beziehungsberaterin Milena Mikulková:

Milena Mikulková (Foto: Archiv Hope TV)
„Zu mir kommt die Frau und sagt: Ich kümmere mich um alles im Haushalt, mein Mann ist ständig fort, er muss Geld verdienen. Dann kommt der Mann zu mir und sagt: Ich tue alles für die Familie, ich habe zwei Arbeitsverhältnisse.“

Die klassische Rollenverteilung in einer Ehe, in der der Vater für den Unterhalt der Familie sorgt und sich die Mutter um die Kinder kümmert, ist jedoch längst Geschichte. Der Soziologe Ivo Možný verweist darauf, dass die Ursachen dafür zu Ende des 19. Jahrhunderts entstanden seien:

Ivo Možný (Foto: Archiv der Masaryk-Universität in Brünn)
„Wenn wir die Wurzeln dieser Krise suchen, dann müssen wir bis in die Zeit von Otto von Bismarck zurückgehen. Es ist hinlänglich bekannt, dass Bismarck der erste Staatsmann war, der ein Rentensystem eingeführt hat. Und je mehr sich dieses System durchsetzte, desto stärker schwand die Bedeutung der Familie.“

Laut Možný waren die Kinder in einer Ehe auch immer ein Faustpfand für die Zukunft, und stets sorgten die Stärkeren für die Schwächeren in einer Familie. In einer heutigen Beziehung aber können und wollen sich beide Partner mehr denn je selbst verwirklichen. Wenn sie dabei nicht auf das Verständnis des Anderen bauen können, beginnt es oft zu kriseln. In einer solchen Situation helfen unter anderem Dagmar Güttnerová und Jakub Güttner, die für diese Paare sogenannte Familienkurse durchführen. Dabei werden die Partner vor allem dazu angehalten, in Ruhe miteinander zu sprechen. Nicht ohne Grund, betont Jakub Güttner:

Jakub Güttner und Dagmar Güttnerová (Foto: ČT24)
„Wir haben die Erfahrung gemacht haben, dass etwa zehn Prozent der Paare eine individuelle Hilfe benötigen. Aber den meisten der Menschen, die zu uns kommen, genügt es schon, dass sie in einer gemütlichen Atmosphäre wieder einmal entspannt miteinander reden. Das hilft ihnen sehr.“

Ansonsten kann man sich in der Tschechischen Republik noch damit trösten, in punkto Scheidungsrate nicht am schlechtesten in Europa dazustehen. Vier Länder liegen noch hinter ihr: Belgien, Lettland, Schweden und Luxemburg. In Belgien werden drei Fünftel aller Ehen geschieden, in den drei anderen Staaten liegt die Rate bei über 50 Prozent.