Weniger Ehen, mehr Singlehaushalte: Tschechische Familien im Umbruch

Foto: Free Digi

Laut aktuellen Angaben des tschechischen Statistikamtes nimmt die Zahl von Menschen in Tschechien zu, die ohne Trauschein zusammenleben. Auch Single-Haushalte und Alleinerziehende sind immer häufiger hierzulande anzutreffen.

Foto: Europäische Kommission
Es war der ehemalige Staatspräsident Václav Klaus, der vor dem Verfall klassischer Werte und Traditionen warnte. Durch die Zahlen, die das staatliche Statistikamt am Donnerstag, dem letzten Tag von Klaus´ Amtszeit veröffentlichte, dürfte sich der konservative Politiker bestätigt fühlen. In den zurückliegenden 50 Jahren hat sich die Zahl der Paare verfünffacht, die ohne Trauschein zusammenleben. Die Statistiker zählten rund 238.000 solcher Zweier-Beziehungen. Sie bilden neun Prozent der Familien hierzulande, vor allem im Alter zwischen 25 und 39 Jahren. Mehr als die Hälfte der Partner war nie verheiratet, etwa ein Drittel ist geschieden. Eine große Gruppe bilden auch Verheiratete, die nun mit einem anderen Partner zusammenleben, aber noch nicht geschieden sind. Und der Trend geht weiter, im vorletzten Jahr fanden nur 45.000 Eheschließungen statt, die niedrigste Zahl seit 1918.

Ivo Možný (Foto: Archiv der Masaryk-Universität)
Bemerkenswert ist auch der Anstieg von Ein-Personen-Haushalten. Sie bilden ein Drittel der Haushalte hierzulande und ihre Zahl nimmt rasant zu. Seit 1961 haben sie sich auf rund 1,4 Millionen verdreifacht. Die Experten verwundert das nicht. Der führende Familiensoziologe und Dekan der Brünner Universität, Ivo Možný:

„Diese Entwicklung war zu erwarten. Seit etwa zehn Jahren steigt der Lebensstandard kontinuierlich. Immer mehr Leute können es sich erlauben, eine eigene Unterkunft zu unterhalten und die Arbeitslosigkeit ist im Vergleich zum Süden Europas gering – dort finden 50 Prozent der Menschen unter 35 keine Beschäftigung. Also auf der einen Seite sind die Single-Haushalte ein Ausdruck des gestiegenen Lebensstandards, auf der anderen Seite ein Ausdruck der anderen Haltung zur Ehe.“

Foto: Archiv Radio Prag
Junge Leute wollen heute also nicht mehr heiraten, müssen dies aber auch nicht mehr. Interessanterweise sind es aber nicht nur junge Leute, die alleine leben.

„In Tschechien stirbt ein großer Teil der Männer früher. Es gibt also eine große Gruppe von Witwen, die alleine leben.“

Sie bilden etwa ein Viertel der Ein-Personen-Haushalte. Aber auch die Zahl der Alleinerziehenden nimmt in Tschechien stark zu. 570.000 hat das Statistikamt registriert, 80 Prozent davon sind Frauen. Diese Zahl beunruhigt den Soziologen:

Foto: Barbora Kmentová
„Die Ehe ist eine geniale Erfindung unserer Zivilisation. Wir haben ihr viel zu verdanken, vor allem ordnet sie dem Kind einen Vater zu. Dadurch, dass eine immer größere Zahl von Kindern keinen klar zugeschriebenen Vater hat, wird die heutige Generation in Zukunft Probleme haben, die wir uns jetzt noch nicht vorstellen können.“

Noch allerdings überwiegt die klassische Ehe. Etwa 2,1 Millionen Tschechen leben in der klassischen Verbindung von Mann und Frau, und 78 Prozent der tschechischen Kinder wachsen in einer solchen Familie auf. Allerdings sind die Scheidungszahlen in Tschechien hoch. Eine Studie aus dem Jahr 2012 hat gezeigt, dass 50 Prozent der geschlossenen Ehen wieder geschieden wurde.