Siebentausend Ostereier unter einem Dach
Bunte Ostereier sind das bekannteste Symbol von Ostern in Tschechien. In Libotenice, einer kleinen Gemeinde an der Elbe zwischen Roudnice nad Labem und Litoměřice, befindet sich eine „Ostereier-Galerie“. Dort werden traditionelle Verzierungstechniken bewusst gepflegt und eine einzigartige Sammlung von 7000 Eiern aufbewahrt.
Ostereier, auf Tschechisch „kraslice“, sehen aus wie kleine Kunstwerke. Kein Wunder daher, dass sie in einer Galerie gesammelt und gezeigt werden. Das unauffällige Haus mitten in der Gemeinde lässt auf den ersten Blick kaum erahnen, welch einen Schatz die „Ostereier-Galerie“ in Libotenice birgt. Im Laufe des Jahres ist es dort ziemlich ruhig, im Frühling geht es aber los: Städte und Gemeinden wenden sich an die Galerie, um verzierte Eier aus ihren Beständen auszuleihen und auf Osterausstellungen in ganz Tschechien zu präsentieren. Unmittelbar vor meiner Ankunft sind gerade Autos mit drei Ausstellungssammlungen von dort abgefahren:
„Die eine ging nach Kraslice bei Sokolov. Dort findet regelmäßig die Ausstellung ‚Kraslice in Kraslice‘ statt. Die andere ging in ein Altersheim nach Krabčice, hier in unserer Region. Und die dritte in die Burg Loket.“
Soweit Olga Hovorková. Die Existenz der Galerie ist nur dank dem freiwilligen Engagement dieser Einwohnerin von Libotenice möglich. Hovorková selbst kreiert keine Ostereier, sondern sorgt für den Betrieb der Galerie. Die angagierte Frau organisiert aber auch andere Ausstellungen in der Gemeinde und näht Trachten für Mädchen, die die österliche Malerkunst bei verschiedenen Veranstaltungen präsentieren. Sie knüpft damit an die Initiative von Miroslav Kubišta an, der in den 1970er Jahren mit der Pflege der Ostereier-Tradition in der Elbe-Gemeinde begonnen hat. Olga Hovorková blickt zurück:
„Die ersten Ausstellungen gab es in Libotenice in den Jahren 1979 und 1980. Seitdem lernen die Kinder hier, die Eier zu verzieren. Das Leben der Gemeinde ist davon stark geprägt – heute allerdings schwächer als früher, denn die Corona-Zeit hat die Tradition unterbrochen. Zuerst lernten die Kinder bei Herrn Kubišta zu Hause, wie man Ostereier bemalt, dann fanden die Kurse im Gemeindeamt statt. Als wir schon den Sitzungssaal besetzt hatten, wurde uns dieses Haus zur Verfügung gestellt. Die Gemeinde unterstützt uns sehr.“
„Vereinigung der Ostereimaler und -Malerinnen“
Seit 1998 ist Libotenice Sitz der „Vereinigung der Ostereimaler und -Malerinnen“. Miroslav Kubišta initiierte die Gründung, nachdem das staatliche Zentrum für Volks- und Kunstproduktion (ÚLUV) aufgelöst worden war, das bis dahin die Tätigkeit der Handwerker und Volkskünstler gefördert hatte. Jedes Mitglied musste seine Ostereier spenden. Vor 15 Jahren hatte die Vereinigung noch rund 150 Mitglieder, heute gehören ihr knapp 100 Malerinnen und Maler aus ganz Tschechien an. Aus ihren Händen stammen die bunten verzierten Ostereier, die in Libotenice in speziellen Schachteln und Schränken sorgfältig aufbewahrt werden. Ihre Zahl liegt nun bei 7000, und in einem kleinen Ausstellungssaal der Galerie wird eine Auswahl davon gezeigt. Seit Ende der 1990er Jahren kann sich die Öffentlichkeit aber auch an vielen Orten Tschechiens damit bekannt machen:
„Wir begannen einst mit Ausstellungen auf der Prager Burg, in der Kapelle des Heiligen Kreuzes. Als Václav Havel Präsident war, hatten wir dort insgesamt vier Ausstellungen.“
In Zusammenarbeit mit den Tschechischen Zentren wurden die Ostereier aus Libotenice wiederholt auch im Ausland gezeigt. Olga Hovorková erinnert sich:
„Wir waren etwa in Santiago de Compostela. Als die Tschechische Republik der Europäischen Union beitrat, stellten sich die neuen Mitgliedstaaten dort vor, und unser Verein war mit dabei. Die Spanier dachten damals, die Ostereier seien gefärbte Tischtennisbälle, und klopften damit auf den Tisch. Die Malerinnen mussten die Eier verstecken, denn sonst hätten sie nichts zurück nach Hause gebracht.“
Nur auf althergebrachte Weise
Es gibt zahlreiche Techniken, wie die Ostereier verziert werden. Durch Bemalen, durch die Verwendung von Serviettenmotiven, Schablonen und kunstvollen Lochmustern, durch Umflechten mit Draht oder Bekleben mit Band, Garn, Federn und vielen anderen unkonventionellen Materialien können einzigartige Effekte erzielt werden. In der „Ostereier-Galerie“ in Libotenice passt man allerdings mit Sorgfalt darauf, dass nur volkstümliche Stile verwendet werden. Nicht einmal das Bemalen mit dem Pinsel ist dort erlaubt. Ludmila Kubálková ist leitend bei der „Vereinigung der Ostereimaler und Ostereimalerinnen“ aktiv und Trägerin des Titels „Meisterin der Volkskunst“ Sie kommt regelmäßig aus dem acht Kilometer entfernten Roudnice nad Labem, um für die Vereinigung und für die „Ostereier-Galerie“ zu arbeiten:
„Wir sammeln hier nur solche Ostereier, die auf althergebrachte Weise verziert werden. Andere würden wir nicht aufnehmen. Denn es liegt uns daran, dass die Tradition bewahrt wird.“
Und Kubálková nennt auch die fünf Techniken, die zugelassen sind:
„Das sind die Wachs-Technik, die Kratz-Technik, die Binsenmark-Technik, die klassische Batik und die Stroh-Eier.“
Bei der Führung durch die Ausstellung erfahre ich von Ludmila Kubálková mehr zu den einzelnen Techniken, die dort in Vitrinen präsentiert werden. In der Elbtal-Region um Roudnice herum hat sich demnach ein besonderer Stil der Eierverzierung entwickelt, nämlich die sogenannte Binsenmarktechnik:
„Das Binsengras ähnelt dem Schnittlauch und wächst an Teich- und Seeufern oder auf feuchten Wiesen. Man muss den Stiel aufknacken, um an das schöne weiße Mark zu kommen. Es ist plastisch und kann wie Schaumgummi bearbeitet werden. Manche glauben sogar, dass es sich um Schaumgummi handelt. Sogar auf Marzipan hat mal jemand getippt. Man beklebt das Ei zunächst mit einem Samtband. Damit wird das Muster bestimmt. Danach trägt man die Binsenmarkfäden in Kringeln auf das Ei auf und füllt somit den Raum zwischen den Bändern.“
Binsengras
Da wo kein Mark aufgetragen wurde, tritt das Muster hervor. Weißes Binsenmark und roter Stoff ist die typische Farbenkombination. Die erste Erwähnung dieser Verzierung in der Region stammt von Ende des 19. Jahrhunderts. Belege über die Verwendung dieser Technik gibt es aber auch in anderen Teilen Böhmens und Mährens, aber auch etwa in der Slowakei oder in Mittel- und in Ostdeutschland.
Die „Meisterin der Volkskunst“ Ludmila Kubálková hat sich vor 65 Jahren allerdings für eine andere Technik entschieden. Sie war damals 15 Jahre alt:
„Wie jedes Mädchen wollte ich zu Ostern den Jungs etwas schenken. Damals wurden Ansichtskarten mit Ostereiern verkauft, die mir sehr gefallen haben. Ich kannte mich damals noch nicht aus und kopierte die Muster von diesen Ansichtskarten. Ich arbeitete mit Farben und Pinsel. Einmal ging ich zu einem Vortrag von Herrn Kubišta bei uns in Roudnice. Nach langem Zögern wagte ich, ihm meine Ostereier zu zeigen. Er meinte damals, sie seien schön, aber die Technik sei falsch. Man dürfe keinen Pinsel verwenden. Er schlug mir vor, die Kratz-Technik zu erlernen.“
Ludmila besuchte daraufhin eine Ostereier-Malerin in der nordböhmischen Stadt Slaný, um bei ihr das Vorgehen abschauen. Seitdem stellt sie Kratz-Eier her. Sie färbt das Ei zunächst in einer Grundfarbe, in der Regel in Rot, nimmt es in einem Tuch in die Hand und ritzt mit einem scharfen Stahlinstrument die Motive hinein:
„Das sind Blümchen, Äpfelchen, Blätter oder Spiralen. Ich habe nach lokalen Mustern gesucht. Ich schaute mir Nationaltrachten an und zeichnete die Motive auf Papier nach, um sie danach auf das Ei zu übertragen. Mit der Zeit findet man einen Weg, die Fläche der Eischale schön zu ausfüllen.“
Die Arbeit an einem Ei nehme etwa fünf Stunden in Anspruch, verrät Kubálková.
Wachs und Stroh
Noch viel zeitaufwändiger als die Kratz-Technik ist die Herstellung der sogenannten Stroh-Eier, die vor allem im mährischen Landesteil verbreitet ist. Da müsse man schon im Sommer an Ostern denken und sich das Material besorgen, sagt die Kennerin:
„Man muss aufs Feld gehen, wenn das Getreide reif ist, und die schönsten goldenen Strohalme aussuchen. Zu Hause schneidet man die Halme auf, entfernt eine Art Watte aus dem Inneren und bügelt die Halme. Dann werden die Formen ausgeschnitten, also Dreiecke, Kreise oder Bögen, und diese in Schachteln sortiert. Bei der Verzierung wird das Ei in ein Grundfarbe getaucht und mit den winzigen Strohteilchen beklebt.“
Mit etwas Fingerspitzengefühl entstehen aus den filigranen Strohelementen Sterne, Ornamente und Muster, die wie Gold auf dem Osterei strahlen.
Die sogenannte Batik-Technik hingegen muss nicht lange im Voraus vorbereitet werden, erfordert aber trotzdem viel Geduld. Dabei werden in mehreren Durchgängen Muster und Symbole mit Wachs auf das Ei getupft, das dann nach und nach in mehrere Farben getaucht wird. Ludmila Kubálková erklärt anhand in einer Anleitungsbroschüre, wie man damit umgeht:
„Hier kann man sehen, wie eine Frau mit einer weißen Schale beginnt. Sie trägt die erste Zeichnung, die am Ende weiß bleiben soll, mit dem Wachs auf das Ei auf. Nachdem sie das erste Muster getupft hat, taucht sie das Ei in Gelb. Das, was letztlich gelb bleiben soll, bedeckt sie wieder mit Wachs und malt ein weiteres Muster. Dann folgt Rot, ein weiteres Ornament, und zum Schluss wird das Ei in Schwarz getaucht. Wenn die Farbe getrocknet ist, erhitzt man das Ei über einer Flamme und wischt mit einem Lappen alle Wachsschichten ab. Mit dem Entfernen des Wachses erhält das Ei einen schönen Glanz, und das endgültige Muster kommt durch.“
Mit Fingerspitzengefühl und Vorstellungskraft
Die Malerin müsse über eine gute Vorstellungskraft verfügen, um zu wissen, wie das Endprodukt aussehen soll, betont die „Meisterin der Volkskunst“. Für Anfängerinnen und Anfänger empfiehlt sie die fünfte der Methoden, nämlich die Wachstechnik. Sie wird auch Bossier-Technik genannt, weil das Wachs nicht abgewischt wird, sondern ein Reliefbild bildet. Eben das Bemalen mit Wachs wird auch in Kursen in der Ostereier-Galerie in Libotenice unterrichtet.
„Es ist die einfachste Technik. Die Kinder beherrschen sie leicht. Sie üben zunächst auf dem Papier, wie man die Wachsstriche aufträgt, erlernen die Muster, und erst dann bekommen sie ein Ei in die Hand. Wenn sie zu einem Kurs kommen, wollen sie ein schön verziertes Osterei mit nach Hause nehmen. Und dafür ist diese Technik am besten geeignet.“
Die Kurse werden von Januar bis zu Ostern immer sonntags angeboten. Die Schönheit der Ostereier kann in der dortigen Dauerausstellung aber jederzeit bewundert werden, allerdings ist im Voraus eine telefonische Vereinbarung erforderlich (+420 777 653 203). Alle zwei Jahre wird zu Ostern zudem eine größere Schau im großen Saal des Kulturhauses von Libotenice veranstaltet. Die nächste steht im April 2026 bevor.
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