Slowakin Jindrová: Mich freut, dass die Slowakei jetzt auf eignen Füßen steht

Helga Jindrová (Foto: Dana Martinová)

Im Juni 1992 läuteten die Parlamentswahlen zwischen Cheb und Košice die baldige Trennung der Slowaken und der Tschechen ein. Seit der Teilung der Tschechoslowakei in zwei selbständige Staaten sind inzwischen etwas mehr als 20 Jahre vergangen. Der Trennungsschmerz ist längst verflogen, und nicht wenige Bürger sahen die damalige Teilung auch als Chance. Auch die in Tschechien lebende Slowakin Helga Jindrová, die die jüngere Geschichte beider Völker hautnah erlebt hat.

Helga Jindrová (Foto: Dana Martinová)
Helga Jindrová ist in Bojnice in der Mitte der Slowakei aufgewachsen. Nach dem Abitur wollte die heute 51-Jährige in der größten slowakischen Stadt, in Bratislava, studieren. Sie bekam dort allerdings keinen Studienplatz, hatte aber 1980 in Prag mehr Glück. Die dortige Hochschule für Ökonomie sollte dennoch nur eine Art Zwischenstation werden. Prag mit all seinen Facetten, das interessante Studium und erst recht die netten Kommilitonen aber ließen sie sehr rasch in der pulsierenden Großstadt heimisch werden. In Prag lernte sie auch ihren tschechischen Ehemann kennen. Als es in der Moldaumetropole jedoch so richtig stürmisch wurde – zu Beginn der Samtenen Revolution, waren Sie, ihr Gatte und ihre damals noch zwei kleinen Kinder gerade auf dem Weg in die Slowakei:

November 1989 (Foto: Archiv des Instituts für das Studium totalitärer Regime)
„Am 17. November 1989 sind wir aus Prag zu meinen Eltern in die Slowakei gefahren. Bei der Abreise haben wir noch miterlebt, wie sich viele Menschen, vor allem junge Leute, in der Nähe des Stadtzentrums versammelt haben. Mit meinen zwei kleinen Kindern war ich also während der ersten Revolutionstage weit weg vom Geschehen in der Slowakei. Mein Mann aber wusste, was da im Gange ist und reiste sofort nach Prag zurück. Von ihm wurde ich ständig informiert.“

Aber auch Helga hielt es nicht lange in ihrer ursprünglichen Heimat. Zirka zwei Wochen nach der Fahrt zu ihren Eltern kehrte auch sie nach Prag zurück, um an der Seite ihres Mannes für politische Veränderungen zu demonstrieren. Veränderungen, die sich die beiden jungen Eheleute sehnlich herbeiwünschten, weil sie von der Notwendigkeit eines Kurswechsels in Richtung Demokratie und Marktwirtschaft überzeugt waren. Diese Entwicklung schlug die ab 1990 föderative Tschechoslowakei sehr zur Freude der beiden dann auch ein. Auf der anderen Seite war aber schnell zu spüren, dass die beiden Teilrepubliken nicht mehr im Gleichschritt marschierten. Helga Jindrová war daher von der Entwicklung in der Slowakei enttäuscht:

Vladimír Mečiar (Foto: Péter Kamocsai, Wikimedia Free Domain)
„Ich habe nicht verstanden, weshalb sich in der Slowakei die kritischen Töne häuften, die mir unangenehm waren. Ich hatte dafür zwar ein gewisses Verständnis, dennoch hoffte ich, dass man auch in der Slowakei für mehr Demokratie und eine Öffnung nach Europa eintreten wollte. Doch leider waren vor allem nationalistische Stimmen zu hören.“

Die nationalistische Stimmung in der Slowakei hatte zur Folge, dass die Slowaken bei den Wahlen dann auch die meisten Stimmen für den nationalistischen Politiker und Populisten Vladimír Mečiar abgaben. Ein Wahlergebnis, das auch bei Helga Jindrová ene klare Reaktion hervorrief:

Als Mečiar und seine Parteifreunde durchblicken ließen, dass sie eine selbständige Slowakei anstreben, gehörte ich im tschechischen Landesteil wohl eher zu einer Minderheit, die dem zustimmten und sich auch die Teilung wünschten. Ich war der Meinung, dass doch jede der beiden Teilrepubliken zeigen solle, was sie könne.“

Foto: ČT24
Ihre Meinung wurde noch einmal bestärkt in der Silvesternacht von 1992 auf 1993, in der die Teilung der Tschechoslowakei definitiv vollzogen wurde:

„Auf einmal war es Tatsache: Beide Teilrepubliken gingen getrennte Wege und von da an war es nur an uns, was wir schaffen, wie wir uns zueinander verhalten und für welchen Staat wir uns entscheiden. Für mich persönlich war die Teilung eine Erleichterung, auch wenn ich damit zu einer Minderheit gehörte. Viele Leute wollten sie nicht, aus meiner Sicht aber war es der richtige Schritt.“

Als demokratisch und pro-europäisch eingestellte Slowakin hat Helga Jindrová ihren Lebensmittelpunkt danach in Tschechien gefunden, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. In den ersten Monaten nach der Teilung sei es ihr von tschechischer Seite auch erlaubt gewesen, die slowakische Staatsbürgerschaft beizubehalten. Für sie selbst überraschend aber seien es dann die slowakischen Behörden gewesen, die auf eine Entscheidung gedrängt hätten. Helga hat die tschechische Staatsbürgerschaft angenommen, bekennt sich aber weiter zur slowakischen Nationalität. An der neu entstandenen Grenze zwischen beiden Ländern habe es aber keine Probleme gegeben, betont Jindrová:

„Passkontrollen hat es gegeben, aber für eine gewisse Übergangszeit galt auch weiterhin mein slowakischer Pass, auch wenn ich in Tschechien lebte. Ich denke, es hat auch einige Zeit der Anpassung gebraucht, denn in Tschechien lebten nach der Teilung sehr viele Slowaken.“

Foto: domdeen, FreeDigitalPhotos.net
Heute, 20 Jahre später, ist Helga Jindrová erfreut darüber, dass sich ihre damalige Überzeugung als richtig erwiesen hat.

„So wie ich damals zugestimmt habe, dass sich die Tschechoslowakei teilen sollte, so bin ich auch heute der Meinung, dass jeder Staat seine eigene Identität haben sollte. Was die Slowaken betrifft, so hatte ich von Anfang an das gute Gefühl, wenn sie nicht mehr auf ihren einstigen großen Bruder, die Tschechen, schimpfen können, dann müssen sie halt auf eigenen Füßen stehen. Und so mussten sie auch in Europa ihren eigenen Weg finden. Sie haben ihn gefunden, und das ist gut so.“

Die Tatsache, dass sich die Slowakei zu einem jungen und selbstbewussten Staat mitten in Europa entwickelt hat, stimmt Helga Jindrová froh. Darüber hinaus ist für sie aber ebenso eine andere Erscheinung höchst interessant: Die Slowaken pflegen die ehemaligen Bande mit den Tschechen weit mehr als umgekehrt:

„Wir Tschechen wissen über die Slowaken und das Geschehen in der Slowakei weit weniger als umgekehrt. Die Slowaken wissen über uns und das Leben in Tschechien eine ganze Menge mehr, sei es über das Tschechische Fernsehen, tschechische Zeitungen oder andere Informationsquellen, die sie nutzen. Meiner Meinung nach sind die Slowaken bis heute viel enger verbunden mit dem ehemaligen tschechischen Landesteil als wir es umgekehrt mit der Slowakei sind. Mich und meine Familie eingeschlossen.“

Das habe auch etwas mit der Ausrichtung zu tun, die beide Länder seit der Teilung vollzogen haben. Und dabei, so Helga Jindrová abschließend, müsse die gleiche Blickrichtung nicht automatisch dasselbe bedeuten:

„Wir hier in Tschechien orientieren uns an Deutschland, Großbritannien oder Frankreich, also wir schauen gen Westen. Auch die Slowaken schauen immer mehr nach Westen. Das aber schließt ein, dass sie auch auf Tschechien blicken.“