Nicht nur Trachten - slowakische Vereine in Tschechien

Šarvanci (Foto: Archiv der Folkloregruppe Šarvanci)

Vor 20 Jahren trennten sich die Tschechen und die Slowaken politisch. Anstatt der Tschechoslowakei entstanden zwei eigenständige Staaten. Doch viele Slowaken, die im tschechischen Teil lebten, blieben einfach in dem neu entstandenen Bruderstaat. Und sie begannen eigene Vereine zu gründen.

Šarvanci (Foto: Archiv der Folkloregruppe Šarvanci)
Die Šarvanci sind eine Folkloregruppe und haben ihren Sitz im Prager Stadtteil Vinohrady. Auf Deutsch bedeutet ihr Name so viel wie „fröhliche Clique“. Simoneta Soukupová ist Chorleiterin bei dem Ensemble:

„Die Gruppe Šarvanci habe ich mitbegründet. Ich erinnere mich, wie wir bei uns in der Wohnung saßen und uns über den Namen der Gruppe den Kopf zerbrochen haben. Das war 2002. Wir hatten alle große Lust, ein Ensemble zu gründen, um gemeinsam zu singen und zu tanzen.“

Šarvanci (Foto: Archiv der Folkloregruppe Šarvanci)
Simoneta Soukupová hat einen tschechischen Ehemann und Kinder. 1994 war sie zum Medizinstudium nach Prag gekommen, nach dem Uni-Abschluss blieb sie in der tschechischen Hauptstadt und arbeitet dort heute als Neurologin. Geboren ist sie Banská Štiavnica / Schemnitz in der südlichen Mittelslowakei.

„Ich war in der Slowakei in keiner Trachtengruppe. Wahrscheinlich hat mich meine Großmutter sehr beeinflusst, bei ihr bin ich bis zu meinem vierten Lebensjahr aufgewachsen. Zwar war ich klein, aber angeblich nimmt man auch schon in diesem Alter sehr viel wahr. Meine Großmutter kam aus dem tschechisch-slowakischen Grenzgebiet. Sie und ihre Verwandtschaft haben Trachten genäht und bestickt. Sie kannte viele Volkslieder und die ganze Volkskunst wie Geschichten und Gedichte. Das habe ich mitbekommen, es war meine Folkloreschule.“

Šarvanci (Foto: Archiv der Folkloregruppe Šarvanci)
Aber nicht nur auf dem slowakischen Land lebt die Tradition, sondern selbst im Ausland und sogar in der Millionenstadt Prag kann sie sich halten. Auch junge Leute engagieren sich bei den Šarvanci, zum Beispiel slowakische Studenten. Rund 30 bis 40 Mitglieder bilden den Kern. Aber es ist kein rein slowakisches Ensemble:

„Die Šarvanci sind so ein Mix. Wir haben Böhmen, Mähren und Slowaken – alle, die slowakische Folklore gerne haben. Wir haben auch Programme zusammengestellt, in denen wir sowohl böhmische, als auch mährische und sogar ungarische Folklore präsentiert haben.“

Die Šarvanci sind längst nicht die einzige slowakische Trachtengruppe hierzulande. Ganz allgemein hat sich nach 1993 im selbständigen Tschechien ein reges Vereinsleben des ehemaligen Brudervolkes entwickelt. Einer der größten Vereine ist die „Gemeinde der Slowaken in der Tschechischen Republik“, gegründet unmittelbar nach der Staatsteilung. Jaromír Slušný ist Vorsitzender der Gemeinde und kommt aus der slowakischen Hauptstadt Bratislava.

Webseite der „Gemeinde der Slowaken in der Tschechischen Republik“
„Unser Hauptziel ist die Erhaltung des Slowakischen bei den Slowaken, die hier in Tschechien leben. Dabei bestehen zwei Linien, die sich zusammenfassen lassen in dem Motto ‚nebeneinander, aber gemeinsam’. Unser Verein ist so aufgebaut, dass ganz oben die Gemeinde der Slowaken in der Tschechischen Republik steht und darunter 13 selbständige Regionalverbände existieren. Diese Verbände reichen von Karlsbad und Teplice, über Pilsen, Kladno und Brünn bis Karviná und Třinec in Nordmähren. All diese Regionalverbände bringen nicht nur Slowaken zusammen, sondern pflegen auch die Kontakte mit Tschechen oder mit den Vereinen weiterer Minderheiten.“

Seine Gemeinde sei praktisch der einzige Verein, der im ganzen Land tätig sei, betont Slušný. Etwa jeden dritten Tag organisiere man eine Veranstaltung an irgendeinem Ort in Tschechien, seien es Abende mit slowakischer Musik oder beispielsweise Treffen mit slowakischen Schriftstellern. Jaromír Slušný glaubt zudem, dass sich in den zurückliegenden 20 Jahren der Kreis potenzieller Interessenten an der Verbandsarbeit nicht verkleinert hat. Offiziell bekennen sich laut der Volkszählung von 2011 zwar nur noch halb so viele tschechische Bürger zu ihren slowakischen Wurzeln wie noch 1993. Aber dazu kämen rund 90.000 slowakische Bürger, die wegen der Arbeit oder zum Studieren nach Tschechien gekommen sind - sowie die Kinder von gemischten tschechisch-slowakischen Paaren. Nach wie vor läge also die Zahl der Slowaken und Slowakischstämmigen hierzulande bei 300.000, glaubt Slušný. Der Zulauf zu den einzelnen Verbänden der Gemeinde der Slowaken sei indes sehr unterschiedlich, gesteht er:

Slowakisch-Tschechische Klub gibt auch eine Zeitschrift heraus (Foto: Kristýna Maková)
„Wir haben einige Verbände, die sich sehr engagieren und in denen sich mehrere Generationen treffen. Häufig sind da die Lehrerinnen die treibende Kraft, sie unterrichten die Kinder und lassen sie beispielsweise Gedichte aufsagen. Dort besteht kein Problem mit dem Nachwuchs. Anders ist das in den Großstädten wie eben auch Prag. Zwar leben dort meist viele Slowaken, aber nur ein verschwindend geringer Teil hat Interesse an einer Verbandstätigkeit. Gerade die Jugend will Unterhaltung, zusammensitzen, Sport treiben. Daran müssen wir unser Programm etwas anpassen. Wir versuchen also, mit allen Gruppen von Slowaken in Kontakt zu treten. Hier in Prag sind allerdings auch noch einige andere Verbände aktiv wie der Slowakisch-Tschechische Klub, der vor allem kulturell tätig ist, kulturelle Veranstaltungen ausrichtet und zum Beispiel Bücher herausgibt.“

Wörterbuch Tschechisch-Slowakisch (Foto: Mikula Verlag)
Slowaken auf tschechischem Boden – das wird natürlich durch die kulturelle Nähe begünstigt, genauso wie durch die lange gemeinsame Geschichte.

„Ganz eindeutig stehen wir uns schon wegen der Sprache nahe. Wenn ein Slowake seine Sprache spricht, versteht das auch ein Tscheche – und umgekehrt. Dann haben wir 200 Jahre lang eine gemeinsame Kultur gehabt, bei der wir uns gegenseitig beeinflusst haben. Die Slowaken sind seit dem Mittelalter nach Prag gekommen, zum Beispiel war einer der Rektoren der Karlsuniversität Slowake: Ján Jesenský beziehungsweise Jan Jessenius. Und dazu kommt natürlich die Zeit der gemeinsamen Republik von 1918 bis 1992. All das hat bewirkt, dass wir aneinander gewöhnt sind und wissen, was wir vom jeweils anderen erwarten können“, glaubt Slušný.

Petr Uhl (Foto: Alžběta Švarcová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Einen Vorteil hatten die Bürger beider Länder lange Zeit auch in staatsrechtlicher Hinsicht. Besonders durch den Einsatz des tschechischen Politikers und Menschenrechtsaktivisten Petr Uhl erlaubten beide Seiten nach 1993 auch die doppelte Staatsbürgerschaft. Doch Bratislava hat wegen des Konflikts mit Ungarn in dieser Frage mittlerweile wieder einen Rückzieher gemacht. Im Prinzip entspreche daher nun die Stellung der Slowaken in Tschechien der von anderen EU-Bürgern. Jaromír Slušný:

„Es gibt indes eine Ausnahme: Wir können die slowakische Sprache auch auf tschechischen Behörden verwenden. Denn hier wie in der Slowakei steht im Gesetz, dass die Bürger jede Sprache verwenden können, die der Beamte versteht. Ein Deutscher dürfte da eher Probleme haben. Auch an den Universitäten gilt, dass Slowaken dort problemlos studieren können, weil ihre Sprache dort verstanden wird und sie keine andere sprechen müssen.“

Wenn beim Reden keine Barrieren bestehen, bleibt die Frage: Wann entscheidet man sich eigentlich für welche Sprache? Simoneta Soukupová von der Trachtengruppe Šarvanci:

„Zu Hause spreche ich meine Familie auf Slowakisch an, meine Kinder antworten mir auf Tschechisch. Aber sie verstehen alles auf Slowakisch, zumindest behaupten sie das. In meiner Arbeit als Ärztin spreche und schreibe ich selbstverständlich Tschechisch, auch der Wechsel von der einen in die andere Sprache bereitet mir keine Probleme. Mit Freunden spreche ich Slowakisch, auf den Behörden aber Tschechisch.“

Ein Buch von Jaromír Slušný (Foto: XYZ Verlag)
In der Familie von Jaromír Slušný wird das ähnlich gehandhabt:

„Bei uns zu Hause spreche ich Slowakisch, meine Frau spricht Tschechisch und meine Kinder auch. Wenn wir aber in die Slowakei fahren, dann sprechen wir alle Slowakisch. Auf der anderen Seite schreibe ich zum Beispiel Bücher auf Tschechisch. Ich habe aber nie erlebt, dass mir jemand gesagt hätte: Sprechen Sie Tschechisch!“

Diese Toleranz ist auch kein Wunder: Wenn die Tschechen in Umfragen wieder danach gefragt werden, welche Völker ihnen am liebsten sind, dann nennen sie zuerst die Slowaken – und in der Slowakei ist das dasselbe mit den Tschechen.