Solarenergie in Tschechien steht vor einem neuen Boom

Sonnenenergie ist in Tschechien in den Jahren 2009 und 2010 in Verruf geraten. Damals wurden Photovoltaik-Freiflächenanlagen zu beliebten Investitionsobjekten, weil die Regierung überzogene Einspeisevergütungen anbot. Die Schuld wurde in der Folge allerdings den sogenannten „Solarbaronen“ gegeben und nicht der Politik. Seit einigen Jahren gibt es einen vorsichtigen zweiten Solarboom in Tschechien. So sind viele kleine Aufdachanlagen entstanden. Wegen der Gelder aus dem EU-Modernisierungsfonds könnte der Aufschwung demnächst aber auch wieder große Solarparks betreffen.

Seit 2017 etwa gibt es in Tschechien ein deutliches Wachstum bei der Solarenergie. Allein im vergangenen Jahr wurden neue Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von 62 Megawatt (MW) installiert. Das waren gut 20 Prozent mehr als 2020. Dahinter steht ein erfolgreiches Förderprogramm des Staates. Es heißt „Nová zelená úsporám“ (in etwa: Neues Grün für Einsparungen), ist milliardenschwer und richtet sich an Privathaushalte, die Energie sparen wollen. Ein Viertel der Gelder ist bisher direkt in den Bau von Aufdachanlagen geflossen. Jakub Hrbek ist beim Staatlichen Umweltfonds für die Koordination dieses und weiterer Förderprogramme zuständig:

Jakub Hrbek | Foto:  Staatlicher Umweltfonds

„Wir haben 2015 damit begonnen, die Photovoltaik für Privathaushalte in größerem Umfang zu unterstützen. Zur Entwicklung haben seitdem mehrere Faktoren beigetragen. Die Preise für die Solartechnologie sind gesunken. Zudem trifft sie inzwischen wieder auf eine höhere Akzeptanz. Bis ungefähr 2013 hatte die Photovoltaik hierzulande einen schlechten Ruf, weil man sie mit den Solarbaronen und reichen Menschen verband. Dieses Bild haben wir nach und nach verändern können, unter anderem durch Aufklärungskampagnen – und der Markt ist darauf angesprungen. Nicht zuletzt ist unsere Förderung unkompliziert. Die Investoren wissen sofort, was sie bekommen und worauf sie sich einlassen. Auf die Nachfrage haben dann auch die Montagefirmen reagiert, sie schaffen mittlerweile mehrere Hundert Installationen im Jahr. Es ist zu sehen, dass sich der Markt immer weiter entwickelt.“

Deswegen wurden die Förderbedingungen im Herbst vergangenen Jahres angepasst. Zuvor mussten 70 Prozent des produzierten Stroms vor Ort verbraucht werden, um die staatliche Unterstützung zu erhalten. Dies wurde nun gelockert, und davon erhofft man sich einen weiteren Schub für die Branche.

Aufdachanlagen reichen nicht

Illustrationsfoto: Los Muertos Crew,  Pexels,  CC0

Allerdings ist die Zuwachsrate bei der installierten Leistung im vergangenen Jahr gesunken. 2020 hatte sie noch bei 104 Prozent gelegen. Für Jan Krčmář, den Geschäftsführer des Solarverbandes (Solární asociace), war das voraussehbar. Am Rande einer Pressekonferenz zu den Jahresergebnissen der tschechischen Solarbranche sagte er gegenüber Radio Prag International:

„In Tschechien sind in den letzten Jahren nur Aufdachanlagen gebaut worden, aber keine Freiflächenanlagen. Es gibt zudem nur eine bestimmte Zahl an Firmen und Installateuren, die solche Systeme installieren können. Zudem werden Anlagen auf dem Dach pro Megawatt langsamer gebaut als jene auf freien Flächen. Schon seit vielen Jahren warnen wir als Solarverband daher, dass eines Tages die Kapazitäten nicht mehr reichen werden für die selbstgesteckten Ziele. Denn die Firmen können nur so viele Aufdachanlagen bauen, wie physisch möglich sind. Um das Wachstum zu beschleunigen, brauchen wir daher Freiflächenanlagen. Diese lassen sich viel schneller bauen als das Äquivalent, das dann zum Beispiel 500 Aufdachanlagen auf Einfamilienhäusern wären.“

Allein mit Aufdachanlagen wird Tschechien seine Ziele in der Solarenergie nicht erreichen können. So soll laut den geltenden Plänen bis 2030 der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromproduktion auf 32 Prozent steigen. 2020 lag er bei 17,5 Prozent. Dabei setzt Tschechien auch auf einen starken Ausbau der Photovoltaik. Schließlich ist das Land in diesem Bereich immer noch ein Zwerg gegenüber anderen Staaten in Mitteleuropa. In Österreich wurden im vergangenen Jahr 428 Megawatt Gesamtleistung neu installiert, in Ungarn waren es 800 Megawatt und in Polen sogar 3,1 Gigawatt.

Jan Krčmář | Foto: ČT24

Seit über zehn Jahre wurden hierzulande praktisch keine neuen Freiflächenanlagen mehr gebaut. Das sind die Folgen einer schlechten Einspeisevergütungsregelung. Diese entstand 2006, als noch nicht mit stark fallenden Preisen auf dem Markt für Photovoltaik gerechnet worden war. Jan Krčmář erläutert:

„Das Land erlebte vor etwa zehn Jahren einen Solarboom, bei dem mehrere Tausend Firmen aus dem In- und Ausland große Freiflächenanlagen gebaut haben. Diese waren damals sehr teuer und zugleich sehr lukrativ. Seitdem hat Tschechien zehn oder elf Mal den Einspeisetarif geändert oder andere retroaktive Maßnahmen gegen diese Investoren eingeführt. In der Folge war der ganze Sektor verunsichert – inklusive den Banken, die die Finanzierung gewährleisten. Deswegen war das Land in den zurückliegenden zehn Jahren kein interessanter Ort für Investitionen in die Photovoltaik. Tschechische Firmen bauen heute stattdessen Anlagen in Australien, Indien, Ungarn oder Deutschland. Hinzu kam, dass es keine belastbaren Investitionsprogramme für Photovoltaik-Anlagen gab. Aber selbst solche Anlagen, die sich ohne Subventionen rentieren würden, brauchen stabile Rahmenbedingungen. In Tschechien haben jedoch vom Präsidenten über die Premierminister bis zu den Industrieministern der letzten zehn Jahre alle die Solarunternehmen beschimpft und attackiert. Daher darf man sich nicht wundern, dass die Firmen ihr Geld lieber woanders ausgegeben haben.“

Illustrationsfoto: Jasmin777,  Pixabay,  CC0

Nun aber haben sich die Bedingungen komplett geändert. Grund ist der Modernisierungsfonds, mit dem die Europäische Union Energieprojekte unterstützt. Tschechien hat im vergangenen Jahr als eines der ersten EU-Länder begonnen, Gelder aus dem Fonds zu beantragen.

„Mittlerweile rechnen wir damit, dass alle Arten von Photovoltaik-Anlagen gefördert werden. Für die Privathaushalte besteht die ‚Nová zelená úsporám‘. Und bei den größeren Installationen verbinden sich die Dachanlagen der Unternehmen und die Solarparks auf freien Flächen. Dafür wollen wir vor allem Brownfields nutzen, also Industriebrachen, für die es keine andere Verwendung gibt. Wir erwarten daher, dass die installierte Gesamtleistung deutlich ansteigen wird“, so Jakub Hrbek.

Geld aus dem Modernisierungsfonds

Illustrationsfoto: Mariana Proença,  Unsplash,  CC0

Über den Modernisierungsfonds werden in einer ersten Runde etwa 6,5 Milliarden Kronen (270 Millionen Euro) an Fördergeldern für große Freiflächenanlagen bereitgestellt. Für die Ausschreibung wurden 151 Projekte angemeldet. Jakub Hrbek beschreibt das Verfahren:

„Die Ausschreibung bezieht sich auf Projekte ab einer Spitzenleistung von einem Megawatt. Das lässt sich vergleichen mit einer Auktion, wobei die Vorhaben nach ihrer technischen Qualität und Effizienz verglichen werden. Ein Projekt, für das eine relativ geringe Förderung beantragt wird, hat größere Chancen auf Erfolg als eines mit hohem Finanzierungsbedarf. Damit wird eine Auktion simuliert.“

Beim Solarverband ist man froh, dass nun wieder deutlich Bewegung in den Markt für Photovoltaik kommen wird. Jan Krčmář:

Illustrationsfoto: Berkeley Lab,  Flickr,  CC BY-NC-ND 2.0

„Der Modernisierungsfonds wird der Schlüssel sein für die neue Phase, in der wieder große Freiflächenanlagen gebaut werden. Diese sind heute viel billiger als noch vor zehn Jahren. Meist rechnen sie sich schon ohne Förderung, und die Unterstützung aus dem Modernisierungsfonds wird von den Investoren als Bonus gesehen Es braucht immer einen Impuls vom Staat, in diesem Fall ist es der Modernisierungsfonds. Über ihn teilt der Staat den Investoren sowie den finanzierenden Banken und Fonds mit, dass Investitionen in große Freiflächenanlagen in Tschechien wieder erwünscht sind. Die Geldgeber werten das als eine Art Signal der Stabilität und werden die Baupläne umsetzen. Viele von diesen sind schon vorbereitet. Das wird dann weitere Investoren anlocken, die Preise senken und sogar Anlagen ermöglichen, die ohne Förderung gebaut werden. Diesbezüglich erwarten wir einen wirklich großen Zuwachs in Tschechien.“

Autor: Till Janzer
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