Spolana gibt Entweichen von Giftstoffen in die Elbe zu

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Hörerinnen und Hörer von Radio Prag wissen es: Die Geschichte der jüngsten Hochwasserkatastrophe war von Beginn an auch eine Geschichte der Chemiefabrik Spolana, deren Areal Mitte August überschwemmt worden war. Über Art und Ausmaß der dabei entwichenen Giftstoffe herrschte dabei die ganze Zeit über Uneinigkeit. Gerald Schubert informiert Sie im folgenden Bericht über den letzten Stand der Dinge.

Die Leitung der Chemiefabrik Spolana in Neratovice hat am Mittwoch offiziell eingestanden, dass das Hochwasser auch giftige Stoffe in die Elbe gespült hat. Dies sei jedoch nur in sehr geringem Ausmaß geschehen, die nachgewiesenen Mengen würden sich, so heißt es, knapp über der Grenze der Messbarkeit bewegen. Mit der jüngsten Verlautbarung wollte man, so Spolana-Sprecher Jan Martinek, eventuellen Anschuldigungen von Umweltschützern vorgreifen. Diese hatten ebenfalls Wasserproben entnommen und der Firma bereits wiederholt vorgeworfen, korrekte Angaben über entwichene Giftstoffe zu verheimlichen.

Der Kampagnenleiter von Greenpeace in der Tschechischen Republik, Jan Haverkamp, beurteilt die jüngste Entwicklung so:

"Das, was passiert ist, ist, dass Spolana endlich mal zugegeben hat, dass eine sehr große Menge an verschiedenen toxischen Substanzen in die Elbe gelangt ist. Daneben, was für uns wichtig ist, verschweigt Spolana noch eine Reihe von Stoffen, die durch das tschechische Umweltinspektorat in den Abflüssen aufgezeigt worden sind, und die auch ihre Folgen für das Elbe-Ökosystem haben."

Verheimlichungstaktik will man sich aber seitens der Firma Spolana nicht vorwerfen lassen. So wies Jan Martinek darauf hin, dass man von Anfang an immer darauf hingewiesen habe, dass die veröffentlichten Listen möglicherweise noch nicht vollständig seien. Im neuesten Fall handelt es sich um diverse giftige Chlorverbindungen. Und die habe man laut Martinek bisher nicht angeführt, weil sie nicht aus entsprechend registrierten Teilen des Areals entwichen waren, sondern üblicherweise in das Abfallwasser und die entsprechenden Kläranlagen gelangen.

Auch was die Konzentration der nun diskutierten Stoffe betrifft, gibt es verschiedene Interpretationen. Die Werksleitung spricht von äußerst geringen nachgewiesenen Mengen. Greenpeace-Vertreter weisen hingegen darauf hin, dass es sich - laut der Weltgesundheitsorganisation WHO - etwa bei dem ebenfalls nachgewiesenen Vinylchlorid um eine Substanz handelt, bei der man überhaupt nicht von ungefährlichen Mengen sprechen könne.

Einen weiteren Problembereich stellt nun die Dioxinkonzentration in der Elbe dar. Die Spolana-Leitung weist darauf hin, dass gleich mehrere Untersuchungen gezeigt hätten, dass die Dioxinkonzentration weit unterhalb sämtlicher Grenzwerte liege. Das wird auch vonseiten der Greenpeace-Vertreter bestätigt, doch sei dies noch keine endgültige Entwarnung. Denn, so Jan Haverkamp:

"Das Problem mit Dioxin ist zweierlei: Erstens ist Dioxin schon in sehr, sehr kleinen Mengen gefährlich. Die Konzentrationen der Mengen, die jetzt nachgewiesen worden sind, sind zwar unter der WHO-Grenze, aber das Problem mit Dioxin ist, das es sich in der Nahrungskette aufhäuft. Das bedeutet, dass es jetzt wirklich zu früh ist, zu sagen, ob es ein Problem ist oder nicht."

Einmal mehr also zeigt sich, dass die Situation vor allem auch eine möglichst offene Kommunikationspolitik von allen Seiten fordert. Denn was nun auch tatsächlich alles aus dem Firmenareal entwichen ist, und welche Messungen noch ins Haus stehen mögen: Die Folgen der Katastrophe werden in erster Linie durch Information zu minimieren sein.