Theater - und Filmstar Hugo Haas – Emigrationsjahre in den USA

Hugo Haas

„Hugo Haas in den USA 1940–1962“ war der Titel einer Ausstellung, die kürzlich im mährischen Olomouc/Olmütz stattfand. Zusammengestellt hat sie Milan Hain vom Institut für Film-, Theater und mediale Studien an der Palacký-Universität. Er machte sich zuvor auf eine historische Spurensuche nach Hugo Haas, dem Theater- und Filmstar der Vorkriegstschechoslowakei. In den USA stöberte er zehn Monate in Archiven und Bibliotheken, vor allem in Los Angeles, aber auch in Iowa und Wisconsin. Die Erkenntnisse des jungen Wissenschaftlers sollen demnächst als Dissertationsschrift erscheinen.

Für Hugo Haas wurde bereits zu seinen Lebzeiten mit einer Menge Adjektien bedacht: vornehm, ansehnlich, nett, höfflich, elegant gekleidet und talentiert. Last but not least heftete ihm das Etikett „Frauenheld“ an. Sein Name ist mit rund 80 Theaterrollen am Prager Nationaltheater verbunden sowie mit über 30 tschechoslowakischen und mehr als 40 amerikanischen Spielfilmen. Vor allem war er als Schauspieler bekannt, zum Teil auch als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Oder aber als Liedermacher und Interpret.

Hugo Haas wurde 1901 in die Familie eines jüdischen Schuhhändlers in Brno/Brünn geboren. Er wollte Sänger werden und bereitete sich auf den Beruf am Brünner Konservatorium in den Fächern Musiktheater und Oper vor. Beweisen musste er sich aber auch in Sprechkunst und Mienenspiel, die ebenfalls zum Unterricht gehörten. Das war für seine Zukunft, wie sich zeigen sollte, ausschlaggebend. Hugo Haas erinnerte sich später bei einem Besuch in Prag:

Nationaltheater (Mahen-Theater) in Brünn (Foto: Archiv der Stadt Brünn, Wikimedia CC BY 3.0)
„Für meine Abschlussprüfung wählte ich die Rede des Brutus (in Shakespeares Stück ´Julius Caesar´, Anm.d.Red.). … Ich musste mich schminken, eine Toga anziehen und an einer Säule auf dem Podium stehen. Wenn der Vorhang hoch geht, so die Anweisung, sollte ich zum Publikum reden. Mir war es aber piep egal, die Knie schlotterten mir überhaupt nicht.“

Haas Leistung kam beim anwesenden Direktor des Brünner Nationaltheaters gut an. Er bot dem jungen Absolventen ein Engagement am Brünner Schauspielhaus an. Entgegen seinen Plänen, Sänger zu werden, nahm Haas an. Zehn Jahre später, 1930, war er bereits ein ausdrucksstarker Schauspieler auf der renommiertesten Theaterbühne im Land, dem Prager Nationaltheater. Außerdem brillierte er in Filmen, die in den Studios im Prager Stadtteil Barrandov wie am Fließband gedreht wurden. Er schrieb Drehbücher, trat im Rundfunk auf und betätigte sich auch als Regisseur. Seine Popularität stieg rasant an.

Auch in der Prager Kulturszene war Haas ein Star. Zu seinen besten Freunden zählten zum Beispiel der Schriftsteller und Dramatiker Karel Čapek, die Schauspielerin und spätere Ehefrau Čapeks, Olga Scheinpflugová, die Begründer des legendären Theaters „Osvobozené divadlo“ („Befreites Theater“), Jan Werich und Jiří Voskovec, Jan Masaryk, Sohn des Staatspräsidenten und viele andere. Im Jahr 1937 lernte Haas Marie Bibikoff kennen, die 20-jährige Tochter des letzten Botschafters des zaristischen Russlands in der Schweiz. Zwischen den beiden funkte es sofort. Marie Bibikoff über das schicksalhafte Treffen:

„Ich war damals in Berlin, wo ich Theater spielte. Aus politischen Gründen wurde ich dort verhaftet, weil ich Menschen half, die im spanischen Bürgerkrieg kämpfen wollten. Meine Mutter schrieb mir aus Prag: ´Komm nach Prag…Wir gehen in die Filmateliers Barrandov und ich stelle dir Hugo Haas vor. Er ist Regisseur und wird dir bestimmt gut gefallen…. Zu der Zeit habe ich schon viele Menschen beim Theater gekannt und war wählerisch, aber Hugo war absolut mein Typ. Er hat mir sofort gefallen.“

Hugo Haas und Marie Bibikoff heirateten ein Jahr später. Einer ihrer Trauzeugen war der Vater des späteren tschechoslowakischen Präsidenten Václav Havel. Bibi oder Bibinka, wie sie Haas liebevoll nannte, bewies viel Mut im gemeinsamen Leben, denn über Europa ballten sich damals bereits die Wolken.

1937 erntete Haas als Regisseur viel Erfolg mit der Verfilmung von Čapeks Drama „Die weiße Krankheit“. Hass spielte, wie bereits auf der Bühne des Nationaltheaters, die Hauptrolle. Mit seinem Stück warnte der Autor vor der Gefahr des um sich greifenden Faschismus in Europa. Seine Botschaft, verkörpert in der Gestalt des Doktor Galén, vermittelte Hugo Haas mit filmischen Mitteln auf eine suggestive Weise. Schon vor der Unterzeichnung des Münchner Vertrags im September 1938, der die Einverleibung eines Teils der Tschechoslowakei in das Deutsche Reich legitimieren sollte, wurde Hugo Haas zur Zielscheibe rechtsextremer Kreise hierzulande. Sie störten sich sie an seinem antifaschistischen Engagement, vor allem aber an seiner jüdischen Herkunft.

Marie Bibikoff (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Im Dezember 1938 erhielt er das Berufsverbot im Nationaltheater – es traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Anfang 1939 musste er dann seine erzwungene Kündigung einreichen. Für Haas war es eine tiefe Enttäuschung. Zwei Wochen nach der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen, entschied sich das Ehepaar Haas für die Flucht. Die Initiatorin war Bibi. Es gelang ihr, eine Ausreiseerlaubnis von der Gestapo zu bekommen. Am 1. April 1939 begann für die beiden der lange Weg in die amerikanische Emigration. Milan Hain:

Milan Hain (Foto: Archiv von Milan Hain)
„Sie flüchteten in aller Eile und mit dem Wissen, dass ihnen das Schlimmste Schicksal droht, sollte ihnen die Flucht nicht gelingen. Ihren sechswöchigen Sohn Ivan mussten sie bei Verwandten in Brno zurücklassen, er war wegen einer Krankheit zu schwach für die Strapazen der Flucht. Mit kleinem Gepäck und ohne Geld schafften sie es nach Frankreich. Nach einem Jahr gelangten sie über Portugal nach Spanien und von dort nach Übersee. In den ersten Jahren ihres Aufenthaltes in den USA waren sie vor allem auf die Hilfe anderer Emigranten angewiesen. Hugo Haas sprach kein Englisch, aber seine Frau erwies sich als gute Lehrerein. Mit Unterstützung anderer fasste er langsam Fuß als Künstler. Zunächst in kleinen Rollen im New Yorker Theater am Broadway oder bei der Arbeit für das amerikanische Office of War Information (OWI).“



In derselben Zeit erlebte die in der Tschechoslowakei zurückgebliebene Familie Haas eine Tragödie. Hugos Vater Zikmund und Bruder Pavel, der ein talentierter Komponist war, sind dem Schicksal der meisten europäischen Juden nicht entgangen. Der Vater starb im Ghetto von Theresienstadt und der Bruder im Vernichtungslager von Auschwitz. Von diesem Trauma hat sich Hugo Haas nie richtig erholt. Trotzdem bahnte er sich mit hohem Energieaufwand seinen Weg weiter. Milan Hain:

„Am Broadway konnte er sich die Rollen nicht frei auswählen. Ähnliches galt auch später, als er in Hollywood-Filmen zu spielen begann. Er war auf Rollen angewiesen, die man ihm anbot. Die meisten Theaterinszenierungen, in denen er spielte, waren selten Kassenrenner und blieben nicht lange auf dem Spielplan. Auf der anderen Seite fanden Haas Leistungen oft positive Resonanz in der Presse. Das hat ihm letztlich auch das Tor nach Hollywood geöffnet.“

Hugo Haas: Ehrlich gesagt, habe ich mir nie den Kopf über eine Rolle zerbrochen

Haas war ein ausdrucksstarker und selbstbewusster Schauspieler. Sich selbst sah er folgendermaßen. Zitat:

“Ehrlich gesagt, habe ich mir nie den Kopf über eine Rolle zerbrochen. Entweder konnte ich instinktiv verstehen, worum es geht, und dann lief alles reibungslos, oder ich saß und saß und ließ mich von dem Autor oder dem Regisseur beraten und am Ende war ich verirrt, unsicher und das Resultat war gewöhnlich furchtbar schlecht.“

Hollywood in den 1940er Jahren (Foto: YouTube)
Auf eine große Rolle musste Haas lange warten. Die erste war die Darstellung des Piere Besuchow auf der Bühne des New Yorker Brodway Theaters in einer Dramatisierung von Leo Tolstois Roman „Krieg und Frieden“. Der Premiere wohnte auch die Tochter des Schriftstellers bei. Gerade diese Rolle bedeutete für Hugo Haas einen Durchbruch in seiner Karriere. Zwar war der Akzent eines Nichtmuttersprachlers ein Handicap, trotzdem verzichtete er nicht darauf, Hollywood zu erobern. Darüber kursiert eine Geschichte, wie Hugo Haas bei einem Vorstellungsgespräch extrem kurz auf die Fragen eines Hollywoodproduzenten geantwortet haben soll:

Frage: Haben Sie schon viele Rollen gehabt?

Yes.

Haben Sie auch in dem hervorragenden europäischen Film ´Die Weiße Krankheit“ gespielt?

Yes.

Dem Wunsch des Produzenten, etwas von seiner Schauspielerkunst vorzuführen, soll Haas als Antwort seine Telefonnummer gegeben haben. Letztlich ist es ihm aber doch gelungen, sich im Mekka des amerikanischen Films durchzusetzen. Zwischen 1944 und 1950 spielte er in 25 Streifen mit. Milan Hain ergänzt.:

Foto: Pam Roth, Stock.xchng
„Im Lauf der Zeit ist er in Hollywood dafür bekannt geworden, seine Arbeit auf vier Positionen zu leisten – als Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und Schauspieler. Nur ausnahmsweise spielte er einmal nicht in seinen Filmen. Wesentlich weniger besetzte er seine Frau Bibi und seinen Sohn Ivan, der seit seinem 7. Lebensjahr mit den Eltern in den USA lebte. 1950 gründete Haas die Firma „Hugo Haas Productions“, um Filme selbst zu produzieren. Er arbeitete mit äußerst niedrigen Filmbudgets zwischen 80 000 und 90 000 Dollar. Das war ein Zehntel eines durchschnittlichen Filmbudgets in Hollywood. Die Filme verkaufte er an verschiedene Vertriebsgesellschaften.“

Film „Picup“ (Foto: Archiv von Milan Hain)
In den 1950er Jahren, als Haas seine Filmmacherlaufbahn begann, kann man bei ihm eine Wende bei der Genre- beziehungsweise Themenwahl erkennen. Er wollte nun von den dunklen und düsteren Seiten des Lebens erzählen. Einige der Streifen, die er zum Beispiel für Columbia Pictures drehte, finden auch heute noch eine positive Bewertung. Zum Beispiel der Film „Picup“. Die Handlung basiert auf dem Roman des tschechischen Schriftstellers Josef Kopta „Hlídač č. 47“ (Wärter Nr. 47“). Der im August 1951 uraufgeführte Film erntete viel Erfolg und hatte für Haas auch einen bedeutenden finanziellen Effekt, denn dank dem Erfolg konnte er seinen künstlerischen „Alleingang“ fortsetzen.

Bertolt Brecht
Eine Namensliste derer, die zum Freundes- und Bekanntenkreis von Hugo Haas gehörten, wäre sehr lang. Er bewegte sich wie ein Fisch im Wasser in der Gesellschaft bekannter Stars wie zum Beispiel ZsaZsa Gabor, Greta Garbo oder George Sanders. Aber er verkehrte ebenso gerne in Emigrantenkreisen. Bei Theaterinszenierungen arbeitete er unter anderem mit Bertolt Brecht, Erwin Piscator oder Rudi Feld zusammen.

„In Hollywood blieb Haas bis Ende der 1950 Jahre. Damals veränderten sich dort die Bedingungen für das Filmschaffen bereits. Auch der Publikumsgeschmack wandelte sich und Haas war nicht mehr in der Lage, darauf entsprechend zu reagieren. Er sehnte sich danach, wieder am Broadway zu inszenieren, zum Beispiel Čapeks ´Die weiße Krankheit´. Das ist ihm aber nicht gelungen. Daneben verschlechterte sich sein Gesundheitszustand – er litt unter Asthma. Das alles hat dazu beigetragen, dass sich Hugo Haas für die Rückkehr nach Europa entschlossen hat.“

Hugo Haas 1963 (Foto: YouTube)
Hugo und Bibi Haas ließen sich in Wien nieder. Haas hatte Angst, in die Tschechoslowakei zurückzukehren. Allerdings nicht nur vor den Kommunisten. In einem Interview sagte er, Zitat:

„...die Schatten der Vergangenheit sind gefährlich. Ich habe Angst vor Emotionen, die mich überwältigen könnten.“ 1963 kam er aber doch zu Besuch nach Prag. Er folgte der Einladung des Nationaltheaters, das sein 80. Gründungsjubiläum feierte. Haas fühlte sich glücklich, dass ihn auch viele Menschen auf den Prager Straßen erkannten und begrüßten.

„Es ist so schön, wenn man erkennt, auch nach 25 Jahren nicht in Vergessenheit geraten zu sein. Dass man nach all dem, was inzwischen passiert ist, weiß, dass es mich gab. Manchmal glaube ich, nur zu träumen.“

Hugo Haas wurde auf dem jüdischen Friedhof in Brno beigesetzt (Foto: David Novák, Wikimedia CC BY 3.0)
Ein weiteres Mal schaffte es Hugo Haas wegen seines Gesundheitszustandes nicht mehr in die Tschechoslowakei. Er starb in seiner Wiener Wohnung am 1. Dezember 1968. Hugo Haas wurde seinem Wunsch entsprechend auf dem jüdischen Friedhof in Brno beigesetzt.