Tizian auf der Prager Burg – Versionen der „Frau vor dem Spiegel“ zum ersten Mal in einer Ausstellung vereint

Tizian - Toaleta mladé ženy

Auf die Eröffnung einer Tizian-Ausstellung musste man in Tschechien lange warten. Wenige Tage vor dem geplanten Termin im April 2014 wurde der Ausstellungsbeginn überraschenderweise um anderthalb Jahre verschoben. Und dann noch zwei weitere Male. Am 15. Dezember 2015 endlich hat die Bildergalerie „Kaiserlicher Reitstall“ auf der Prager Burg dem berühmten Maler der italienischen Renaissance ihre Tore eröffnet. Die ausgestellten Werke stammen vor allem aus italienischen Museen, aber auch aus ausländischen Privatsammlungen. Um das einzige Exponat aus dem Bestand der Burggalerie rankt sich eine spannende Geschichte. Mit der Ausstellung soll es aus dem Schatten seines weltberühmten Konkurrenten aus dem mährischen Kroměříž / Kremsier treten.

Ausstellung „Tizian – Vanitas – Ein Poet des Bildes und der Nuancen der Schönheit“ (Foto: Offizielle Facebook-Seite der Ausstellung)
Kuratiert wurde die Prager Ausstellung mit dem Leitmotto „Tizian – Vanitas – Ein Poet des Bildes und der Nuancen der Schönheit“ von einem der bedeutendsten Tizian-Kenner weltweit, dem Italiener Lionello Puppi. Zum zentralen Motiv der Ausstellung machte er das Thema Vanitas – die Vergänglichkeit des irdischen Daseins. Veranschaulicht wird diese in einem Teil der Ausstellung mit Frauenportraits, die der junge Tizian malte. Da ist zum Beispiel „La Flora“, eines der berühmtesten Frauenportraits Tizians, das bisher noch nie Italien und nicht einmal die Uffizien in Florenz verlassen hat. In einem Ensemble treffen vier Frauenbildnisse aufeinander, die zum ersten Mal nebeneinander in einer Ausstellung hängen. Drei von ihnen haben ihr Domizil in ausländischen Galerien. Die „Junge Frau vor dem Spiegel“, hier als „Vanitas“ präsentiert, kommt aus dem Katalanischen Nationalmuseum in Barcelona. Hinzu kommen je eine „Vanitas“ aus den Borromäischen Sammlungen auf der Isola Bella im Lago Maggiore und aus einer Privatsammlung. Ergänzt wird das Trio von der „Dame vor dem Spiegel“, hierzulande unter dem Namen „Morgentoilette einer jungen Frau“ („Toaleta mladé ženy“) bekannt. Es handelt sich um das einzige Bild Tizians aus dem Bestand der Prager Burggalerie.

Ursprung des Bildes wirft Fragen auf

Ausstellung „Tizian – Vanitas – Ein Poet des Bildes und der Nuancen der Schönheit“ (Foto: Offizielle Facebook-Seite der Ausstellung)
Wer die „Prager“ Schöne ist, die Puppi ebenfalls dem Vanitas-Motiv zugeordnet hat, weiß man ebenso wenig wie bei ihren ausländischen Pendants. Bestimmte Fragen weckt allerdings auch der Ursprung des Bildes. Die Kunsthistorikerin Eliška Fučíková beruft sich hierbei auf einen der renommiertesten tschechischen Kenner der historischen Kunstsammlungen der Prager Burg. Der inzwischen verstorbene Kunsthistoriker Jaromír Neumann verfasste auch ein Buch über Tizian:

„Die Signatur, die Professor Neumann diesem Gemälde zugeschrieben hat, stammt aus der Zeit um 1660. Zu finden ist sie im ältesten vorhandenen Inventar der Gemäldegalerie auf der Prager Burg. Die Sache hat aber einen Haken. Das Bild war ursprünglich wesentlich größer. Um mehr als einen halben Meter. Daher kann man sich nur schwer vorstellen, wie es einst in diesem Format ausgesehen hat. Zweifel weckt auch die Bildbeschreibung. Die Dame sei dabei, sich auszuziehen. Das stimmt aber nicht. In Wirklichkeit macht sie ihre Morgentoilette. Das Motiv der sich kämmenden Frau war im 16. Jahrhundert sehr beliebt und daher geläufig.“

Eliška Fučíková (Foto: Martina Schneibergová)
Man gehe allgemein davon aus, dass das Prager Frauenbildnis zur einstigen Kunstsammlung von Kaiser Rudolf II. gehört habe, so die Kunsthistorikerin. Der Monarch verlegte 1583 seinen Hof von Wien auf die Prager Burg. Bis zu seinem Tod 1612 gelang es dem passionierten Kunstsammler eine Unzahl von künstlerischen Artefakten, darunter auch Gemälden zusammenzutragen. Im Lauf des 30-jährigen Krieges wurde seine „Kunstkammer“ stark dezimiert. Eliška Fučíková:

„Die meisten Werke der venezianischen Malerei wurden aus der Prager Burggalerie nach Wien abtransportiert. Der Fundus beherbergte rund 5000 Gemälde darunter zum Beispiel Werke von Jan van Eyck, Raffaelo Santi, Leonardo da Vinci, Correggio und Tizian. Der Transfer wird dem Verwalter der Sammlung, Dionisio Miseroni zugeschrieben. Er hat dadurch verhindert, dass viele Kunstschätze als Kriegsbeute in die Hände des schwedischen Heeres fielen. Als Miseroni 1648 den Schweden die Schlüssel zur Prager Kunstkammer aushändigen musste, war vieles nicht mehr da. Nach Stockholm wurden ungefähr 500 Bilder transportiert. Die Freude der schwedischen Königin Christina hielt sich in Grenzen. Sie hatte vor allem auf Rudolphs hervorragende Sammlung italienischer Malerei gehofft, für die sie ein Faible hatte.“

Unter den Werken, die in Wien landeten, hätte sich das Bild „Die Toilette der jungen Frau“ theoretisch nicht befinden können, meint Fučíková. Ihr zufolge bleiben in diesem Zusammenhang weiterhin Rätsel bestehen, über die sich Experten auch in Zukunft die Köpfe zerbrechen werden. Interessant sind einige Fakten zum weiteren Schicksal des Prager Portraits. In einer Studie der Kunst- und Kulturhistorikerin Babora Půtová von der Karlsuniversität in Prag heißt es:

„Im Inventar der Prager Burg wurden 1685 insgesamt 551 Gemälde registriert. Unter ihnen auch das Bild ‚Die Morgentoilette der jungen Frau‘, bezeichnet als Original von Tizian. Die gleiche Angabe findet man in den Verzeichnissen von 1718 und 1737. Doch 1781 handelt es sich auf einmal um ein anonymes Bild. Im Lauf des 19. Jahrhunderts wiederum wird das Portrait zweimal Tizians Sohn Orazio zugeschrieben, dann aber wieder einmal mit Anonymus bezeichnet. Im Zeitraum zwischen 1880 und 1944 ist im Inventar von einer Kopie des gleichnamigen Portraits aus dem Pariser Louvre die Rede. Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird Tizians Autorschaft als sicher deklariert.“

Kontrapunkt „Apollo und Marsyas“

„Apollo und Marsyas“
Der Gegenpol zu den sinnlichen und geheimnisvollen Frauenfiguren aus der Werkstatt des jungen Tizian sind Bilder, die er als hochbetagter Künstler malte. Bildnisse alter Menschen, darunter auch Selbstportraits. Einen absoluten Kontrapunkt zum Frühwerk Tizians bildet das schaudererregende Gemälde „Apollo und Marsyas“. Auf der Leinwand wird in düsteren Farben die Häutung des kopfüber aufgehängten Satyrs dargestellt. Er unterlag im Wettstreit um das beste Flötenspiel und wird für seinen Wagemut bestraft, Gott herausgefordert zu haben. Den Künstler, der mit 65 Jahren an dem Bild zu arbeiten begann, erkennt man in der Gestalt des zusehenden Königs Midas. Zu sehen ist ein resignierter alter Greis kurz vor seinem Tod. Das Gemälde, das für das teuerste Kunstwerk seiner Art in der Tschechischen Republik gehalten wird, befindet sich im Besitz der Bildergalerie im Erzbischöflichen Schloss von Kroměříž. Auch über den Ursprung dieses Tizian-Werkes weiß man sehr wenig. Miroslav Kindl ist Verwalter der Schlossgalerie:

Miroslav Kindl (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Der älteste bekannte Beleg geht auf das Jahr 1655 zurück, als sich das Bild in der Kunstsammlung eines holländischen Adeligen in Amsterdam befand. 18 Jahre später, 1673, wurde es nachweisbar vom Olmützer Bischof Karl von Liechtenstein gekauft.“

Auch für „Apollo und Marsyas“ wurde eine Zeitlang nach Beweisen für Tizians Autorschaft gesucht. Ausschlaggebend waren die Signatur sowie die spezifische Verwendung der Farben. Die Originalsignatur des Meisters lautet „Tizianus P.“. Das „P.“ steht für „pinxit“, auf Deutsch heißt es also „ Von Tizian gemalt“. 1960 wurde sie schließlich bei einer wissenschaftlichen Untersuchung des Bildes entdeckt. Miroslav Kindl:

Tizian
„Erst durch den Fund der Signatur konnte das Bild endgültig Tizian zugeschrieben werden. Auch wenn ältere Inventarverzeichnisse des erzbischöflichen Besitzes das bereits belegten. Mit der Zeit geriet das Bild allerdings in Vergessenheit. Man hat es ausgestellt, als in den 1890er Jahren die so genannte ‚Panelgalerie‘ im Schloss von Kroměříž eingerichtet wurde. Wegen unzureichender Pflege wurde die Leinwand immer dunkler. Anfang des 20. Jahrhunderts begann das Bild das Interesse der Fachwelt auf sich zu ziehen. Nach und nach hat man Tizians Handschrift identifiziert. 1924 wurden Hinweise auf seine Autorschaft in Urkunden im Archiv des Olmützer Bistums gefunden.“

Tizian-Gemälde reist ins Met Breuer nach New York

Lionello Puppi (Foto: YouTube)
„Apollo und Marsyas“ aus Kroměříž findet man in der Prager Tizian-Ausstellung allerdings nicht. Das Bild wurde durch eine verwandte Fassung aus Venedig ersetzt. Dazu Serena Baccaglini, eine Mitarbeiterin von Kurator Lionello Puppi:

„Obwohl der Vatikan und italienische Kardinäle Anfragen an das Erzbistum von Olmütz stellten, hat Kardinal Graubner den Verleih für die Prager Ausstellung abgelehnt.“

Man beschränke sich nur auf die bedeutendsten, in der Regel internationalen Ausstellungen. So begründet die Absage der Sprecher des Erzbistums, Jiří Gračka. Das im Ausland viel gefragte Kunstwerk reist demnächst in die USA. Vom 18. März bis zum 4. September wird es im New Yorker Metropolitan Museum im neuen Ausstellungsgebäude Met Breuer präsentiert - im Rahmen der Ausstellung „Unfinished: Thoughts Left Visible“.

‚La Flora‘
Die Tizian-Ausstellung in der tschechischen Hauptstadt bleibt bis zum 20. März geöffnet. Hauptkurator Lionello Puppi hat rund 50 Arbeiten des venezianischen Malers zum Thema Vergänglichkeit zusammengetragen. Außerdem auch Objekte und Dokumente aus Tizians persönlichem Besitz. Zu seinem Konzept äußerte er sich wie folgt, Zitat:

„Die Tschechische Republik ist im Besitz zweier Gemälde von Tizian. In Kroměříž der Apollo, der Marsyas peinigt, und ‚Die Toilette der jungen Frau‘ auf der Prager Burg. Das Erstere gehört zum Spätwerk des Malers und reflektiert einfühlsam den Skeptizismus des alternden Künstlers. Das andere Bild entstand am Anfang seines Schaffens und ist voller Ideale der italienischen Renaissance. Das Bild von Kroměříž ist berühmt, das von Prag wird dagegen übersehen. Durch die direkte Konfrontation der superberühmten ‚La Flora‘ aus Florenz mit den anderen Bildern Tizians wollte ich nachweisen, dass die Prager Burg ein bedeutendes Werk des venezianischen Renaissancekunst besitzt, das zu Unrecht außerhalb der Aufmerksamkeit von Experten liegt.“