Toleriert aber nicht akzeptiert: Homosexualität in Tschechien

Foto: Kristýna Maková

Am Samstag fand sie ihren Abschluss: Die zweite Prague Pride ging mit einem Straßenfest und einer Parade zu Ende. Das „Festival sexueller Minderheiten“, wie es hierzulande im offiziellen Sprachgebrauch heißt, lockte zu seiner Abschlussveranstaltung fast 10.000 Menschen an, die Gegenveranstaltungen von konservativen Kreisen und Jungen Christen waren schwach besucht. Insgesamt blieb die Situation entspannt und friedlich.

Foto: Kristýna Maková
Dáme barvy dohromady – Lasst uns die Farben zusammenmischen. Unter diesem Motto zog am Samstag ein bunter Zug provokativ Angezogener durch die Prager Innenstadt. Angeführt wurde der Zug von einem Reiter, der die Regebogenfahne als Standarte trug. Die Prague Pride scheint eine feste Größe im Prager Festivalkalender zu werden: Im zweiten Jahr hintereinander fand das Festival statt. Es dauerte eine Woche, war mit Workshops, kulturellen Aktionen und Konzerten gefüllt und wollte für die Gleichberechtigung verschiedener sexueller Orientierungen werben.

Im ersten Jahr 2011 machten vor allem die Gegner der Veranstaltung Schlagzeilen, schließlich hatten sie einen prominenten Unterstützer an Bord: Staatspräsident Klaus hatte Homosexuelle als „abartige Mitbürger“ bezeichnet und vor einem aufziehenden „Homosexualismus“ gewarnt. In diesem Jahr zeigte er sich etwas zurückhaltender:

Foto: Kristýna Maková
„Ich habe meine klar negative Meinung zu dieser Aktion bereits im vergangenen Jahr ausgedrückt. Proteste gegen die Prague Pride heiße ich daher willkommen.“

Diese Proteste wurden vor allem von der Initiative Dost getragen. Sie hatte eine Gegendemonstration veranstaltet unter dem Titel „Verteidigung des Stolzes der normalen Menschen“ und verschiedene Beschwerdepetitionen unter anderem beim Prager Oberbürgermeister und dem amerikanischen Botschafter eingereicht. Michal Semín ist Vorsitzender von Dost und verortet die Prague Pride politisch:

Michal Semín (Foto: Alexey Ponomarev)
„Das Festival repräsentiert eine viel breitere ideologische Strömung, die Unterstützung eines homosexuellen Lebensstils ist nur ein Teil davon. Die neomarxistische Linke versucht, die homosexuelle Gesellschaft zu vereinnahmen und für ihre Bemühungen zu benutzen, breitere gesellschaftliche Veränderungen durchzusetzen.“

Die Veranstalter der Prague Pride wollten für mehr Akzeptanz und für andere sexuelle Orientierungen werben, eine politische Beeinflussung oder gar Instrumentalisierung wiesen sie von sich. Kateřina Saparová ist Mitorganisatorin der Veranstaltung:

Kateřina Saparová
„Wir wollen mit diesem Festival Schwule, Lesbe, Transsexuelle, Intersexuelle und andere Untergruppen vorstellen. Wir wollen der breiten Öffentlichkeit zeigen, dass diese Gruppen sehr vielfältig sind. Es ist sogar in ihrem eigenen Interesse, dass sie sich treffen, denn so unterschiedlich sie sind, kennen sie sich untereinander kaum. Es ist also auch ein Treffen und Kennenlernen untereinander.“

Der Weg der Abschlussparade führte vom Wenzelsplatz aus über die Národní třída vorbei am Nationaltheater über die Moldau zur Schützeninsel. Trotz der historischen Örtlichkeiten sei aber auch dies keine politische Veranstaltung gewesen, betont Saparová:

„Wir betrachten diese Parade als Karnevalsumzug. Wir wollen, dass Prag einmal im Jahr bunt, fröhlich, tolerant und voller Respekt auftritt. Es ist wirklich ein Karneval und keine Demonstration für die Rechte von Schwulen und Lesben. Wir wollen nur durch die Stadt ziehen und anschließend das Konzert auf der Schützeninsel genießen.“

Die Gegner aber sehen eine Gefährdung der Gesellschaft. Es sei Werbung für Pornographie, legte Michal Semín nach. Besonders scharf kritisierte der Vizekanzler des Staatspräsidenten, Petr Hájek, die Veranstaltung. Er bezeichnete in einem Beitrag auf einem Internetserver den „Homosexualismus als eine vorrangig tödliche Erkrankung des Geistes“ und beschuldigte Schwulen und Lesben, schwere Geschlechtskrankheiten zu verbreiten. Besonders ärgerte es die Kritiker, dass der Oberbürgermeister von Prag, Bohuslav Svoboda, die Schirmherrschaft über die Prague Pride übernommen hatte. In den Inlandsendungen des Tschechischen Rundfunks erklärte Svoboda:

Bohuslav Svoboda
„Jeder Mensch hat das Recht, sein Leben in seinem Sinne zu gestalten und zu leben. Ich denke, dass jene Zeit, in der die Nationalsozialisten Homosexuelle hingerichtet haben, Zeiten, in denen totalitäre Regime sehr gegen Homosexuelle gekämpft haben und sie vor Gericht bestraften, lange hinter uns liegen. Ich denke, dass im dritten Jahrtausend ein Mangel an Toleranz und Verständnis für andere Menschen nicht mehr existieren sollte.“

Die Kritiker warfen dem Oberbürgermeister vor, als repräsentatives Mitglied der Demokratischen Bürgerpartei (ODS) konservative Werte zu verraten. Auch dazu fand Svoboda klare Worte:

Foto: Kristýna Maková
„Der Begriff Konservatismus bedeutet nicht, Prinzipien aus dem Mittelalter zu konservieren. Eine konservative Partei ist eine Partei, der es mit konservativen Prinzipien gelingt, fortzuschreiten und kein Museum zu werden, sondern aus ihren Prinzipen ihre Existenz weiterzuentwickeln.“

Die Prague Pride endete schließlich am Samstag friedlich, es fanden sich einige dutzend Gegendemonstranten zusammen, und etwa 10.000 Menschen feierten bei Umzug und Konzert auf der Schützeninsel. Die Veranstalter betonten dann auch, dass die tschechische Gesellschaft sexuellen Minderheiten gegenüber eigentlich tolerant sei. Laut einer Umfrage des Reiseführers „Lonely Planet“ gehört Prag sogar zu den zehn tolerantesten Städten gegenüber Homosexuellen auf der ganzen Welt. Kateřina Saparová gab aber zu bedenken:

Foto: Kristýna Maková
„Ich habe das Gefühl, dass die Tschechen auf die Lesben und Schwulen ein bisschen zugehen, sie sind bereit, sie zu tolerieren. Denkt man über diese Worte nach, so versteckt sich dahinter, dass es keinen Respekt, keine Akzeptanz gibt.“

Auch in den Gesetzen schlägt sich das Problem der Akzeptanz nieder. Zwar gibt es bereits seit 2006 in der Tschechischen Republik die Möglichkeit für schwule oder lesbische Paare, ihre Partnerschaft eintragen zu lassen. Daraus erwachsen ihnen ähnliche Rechte und Pflichten wie heterosexuellen Paaren. Das Gesetz hatte aber lange acht Jahre gebraucht, bis es verabschiedet wurde. Die Interessenvertreter der Schwulen und Lesben hatten wegen der kontroversen Meinungen damals darauf verzichtet, einen Passus zur Adoption einzufügen. Bis heute dürfen homosexuelle Paare daher in Tschechien keine Kinder adoptieren. Warum das ein Problem ist, erklärt Petra. Sie ist seit zwölf Jahren mit ihrer Partnerin zusammen, gemeinsam haben sie zwei Töchter:

Foto: Filip Jandourek
„Es geht vor allem darum, dass ich unseren Töchtern heute sage, sie können sich auf mich als Mutter immer verlassen. Wenn es aber zu einer schwierigen Situation bei uns oder in der Familie kommen würde, müsste ich für meine Kinder vor Gericht ziehen oder belegen, dass ich ein Elternteil bin, das sich um sie kümmern wird. Dabei ist das Unsinn, ich war bei ihrer Geburt und während der gesamten Schwangerschaft dabei. Ich arbeite von zu Hause und bin täglich mit den Mädchen zusammen. Es ist daher totaler Unsinn, dass ich sie nicht adoptieren darf.“

Sollte ihre Partnerin im schlimmsten Fall sterben, wäre es sehr unwahrscheinlich, dass Petra das Sorgerecht für die Töchter erhält. Möglich ist sogar, dass die Kinder in einem Heim aufwachsen müssten.

Foto: Filip Jandourek
Für ein Adoptionsrecht homosexueller Paare tritt aber in Tschechien fast keine politische Partei ein. Lediglich bei den Grünen steht es im Programm, sie haben aber derzeit keinen Sitz im Parlament und damit keine Möglichkeit, eine Gesetzesinitiative zu starten. Dabei zeigten sich die Vertreter einiger Parteien nicht abgeneigt, eine entsprechende Initiative zu unterstützen, so auch der stellvertretende Vorsitzende und Präsidentschaftskandidat der Sozialdemokraten, Jiří Dienstbier:

„Ich gehe davon aus, dass die Sozialdemokraten eine solche Sache unterstützen würden - es ist nur eine Frage der Zeit. Derzeit liegt kein konkreter Vorschlag auf dem Tisch, aber zweifellos wird eine solche Initiative kommen.“

Jiří Dienstbier (in der Mitte) und Czeslav Walek (rechts). Foto: Kristýna Maková
Bisher wollte aber keiner der Befürworter einen solchen Gesetzentwurf vorlegen. Die Meinung des Fraktionsvorsitzenden der konservativen mitregierenden Partei Top 09, Petr Gazdík, dürfte bei vielen Parlamentariern vorherrschen:

„Ich denke, dass ein Kind in einer natürlichen Partnerschaft von Mann und Frau leben sollte – so, wie es von der Natur eingerichtet wurde.“

Von der Toleranz zur Akzeptanz und weiter zur Normalität ist es wohl noch ein weiter Weg.