Třešť – Stadt der Weihnachtskrippen
Třešť / Triesch auf der Böhmisch-Mährischen Höhe hat eine lange Krippenbautradition. Viele Familien haben ihre eigene und pflegen diese über Generationen hinweg. Deswegen ist die Stadt auch im Ausland bekannt. Martina Schneibergová lädt sie im Folgenden in das kleine Städtchen ein, das etwa 14 Kilometer südwestlich von Jihlava / Iglau liegt.
Baumstümpfe, Wurzeln und „lončoft“
Charakteristisch für die Weihnachtskrippen von Třešť ist ihre Zusammensetzung. In der Regel bestehen sie aus einem zentralen Teil, der als „zbořeniště“, zu Deutsch etwa „Ruine“ bezeichnet wird. Dort befindet sich die heilige Familie. Drumherum sind die Stadt und die Landschaft, in der es Felsen, Wasserflächen und Höhlen gibt. Sie erstreckt sich sozusagen bis zum Horizont, wo sie in eine gemalte Landschaft, die sogenannte „lončoft" übergeht. Die „lončoft“ umrahmt den Hintergrund der ganzen Krippe:
„Typisch für unsere Krippen ist viel Naturmaterial: Baumstümpfe, Baumwurzeln, Moos, Porlinge und Pflanzen. Daraus wird die Landschaft gebastelt. Ansonsten wird die Krippe mit Naturmaterialien gefüllt und am Rand mit Thuja, Trockenpflanzen oder Wacholderzweigen geschmückt. Die Krippe wird jedes Jahr mit neuen Naturmaterialien gefüllt, sodass sie immer anders aussieht. Die Figuren der heiligen drei Könige und ihrer Begleitung werden meist erst am 6. Januar, dem Dreikönigstag in den Weihnachtskrippen aufgestellt. Auch die Figur der Jungfrau Maria wird manchmal am 6. Januar durch eine Dreikönigs-Maria ausgetauscht, die das Jesuskind auf dem Schoss hat.“Weltweit gefragt: handgeschnitzte Krippenfiguren
Der Verein der Krippenfreunde hat rund 90 Mitglieder, etwa 20 davon stellen jedes Jahr ihre Krippen auch zu Hause auf. Das sogenannte „Krippenschauen“ beginnt am 26. Dezember und dauert bis 2. Februar. In diesem Jahr präsentieren 17 Familien ihre Weihnachtskrippen zu Hause. Marie Roháčková:„Auch meine Familie stellt jedes Jahr eine Weihnachtskrippe zu Hause auf. Wahrscheinlich hat schon mein Großvater mit dem Krippenbau begonnen. Meine Eltern setzten die Tradition fort. Beide haben früher selbst Krippenfiguren geschnitzt – nicht nur für Krippen in Tschechien, sondern auch im Ausland. Ihre Werke befinden sich in den USA, in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich. Im vergangenen Jahr haben sie dieses Handwerk aufgegeben, mein Vater war krank, und meine Mutter ist leider im Sommer gestorben.“
Einige der Familien vom Verein der Krippenfreunde haben ihre Weihnachtskrippe geerbt und kaufen ständig neue Figuren, um die Krippe zu erweitern. Andere schnitzen die Figuren selbst, erklärt Marie Roháčková:„Wir besitzen einige Krippen, zwei davon sind sehr groß. Die eine ist eine geerbte alte Weihnachtskrippe, die andere ist ein gemeinsames Werk meiner Eltern. Sie ist im Unterschied zu vielen anderen Krippen nicht bemalt. Diese Krippe wird zurzeit an der Universität in Budweis ausgestellt. Ursprünglich wurden die Krippen in unserer Stadt aus Papier hergestellt. Aber nur wenige davon haben sich erhalten. In diesem Jahr konnte der Verein eine einzigartige Papierkrippe von 1820 erwerben. Diese ist ebenfalls hier in der Dauerausstellung zu sehen. Meine Mutter hat vor etwa zehn Jahren eine Papierkrippe gemalt. Die Kopien davon werden hier im Museum verkauft.“
Krippenschauen bei den Ausstellern zu Hause
Die Krippen, die die Familien bei sich zu Hause zeigen, werden danach immer abgebaut und im folgenden Jahr neu aufgestellt. Auch Marie Obrdlíková hat eine beachtenswerte Weihnachtskrippe zu Hause stehen:„Ich bin schon 86 Jahre alt, aber jedes Jahr wird bei uns die Weihnachtskrippe aufgestellt. Mein Sohn und meine Tochter helfen mir dabei. Ich kümmere mich um die Besucher. Wenn sich der 2. Februar nähert, sind wir ein bisschen müde, aber wir machen das unheimlich gern. Wir haben die kleinsten Figuren in Třešť überhaupt. Die Krippe haben wir 1960 gekauft. Mein Mann hat dazu eine ,lončoft‘ gemalt. Das Bild zeigt die Böhmisch-Mährische Höhe. Jeder in Třešť hat eine andere ,lončoft‘. Wir freuen uns schon sehr darauf, wenn die ersten Besucher zu uns kommen.“
Es gibt Besucher, die viel wissen wollen, andere singen Weihnachtslieder vor der Krippe. Seit 1963 öffnet Marie Obrdlíková die Tür ihres Hauses für die Krippenbesucher – und hat nur gute Erfahrungen gesammelt. Nie sei eine einzige Figur verloren gegangen.Grünes Zeichen im Fenster
Vizebürgermeisterin Eva Požárová gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins der Krippenfreunde. Die historische Weihnachtskrippe, die ihrer Familie gehört, ist nicht in Třešť zu sehen. Sie wird seit einigen Jahren in einer Dauerausstellung im Heinrichsturm in Prag gezeigt. Sie habe trotzdem noch eine Weihnachtskrippe zu Hause, erzählt sie.
„Die Vereinsmitglieder haben mir zum 40. Geburtstag jeder eine Krippenfigur geschenkt. Die daraus zusammengestellte Weihnachtskrippe stelle ich jedes Jahr im Rathaus auf. Ich habe zwar auch selbst versucht, Figuren aus Holz zu schnitzen, aber habe dazu nicht die entsprechende Begabung. Im Verein kümmere ich mich um die Finanzen, ich bin die Schatzmeisterin.“Die Weihnachtskrippen haben das Städtchen sehr populär werden lassen. Und die Besucher seien auch nicht zu übersehen, sagt die Vizebürgermeistern:
„Ab 26. Dezember spazieren auf einmal mehrere fremde Menschen durch Třešť, einer aus der Gruppe hat einen Stadtplan in der Hand, und alle suchen nach dem grünen Zeichen im Fenster. Das bedeutet, dass die Krippe in dem betreffenden Haushalt zu besichtigen ist. Da wir einen speziellen Stadtplan für die Krippenbesichtigung herausgegeben haben, ist das Interesse gestiegen. Die Familien haben ihre Weihnachtskrippen schon immer aufgestellt, aber sie wurden früher nicht der Öffentlichkeit gezeigt.“
Am Anfang standen Krippenfiguren aus Österreich
In vielen Fällen statten die Krippenbesitzer einen speziellen Raum für die Weihnachtskrippe aus, oder sie stellen sie in einer Garage auf. Denn es sei nicht möglich, Hunderte oder Tausende Menschen jedes Jahr ins Wohnzimmer hineinzulassen, meint Eva Požárová. Die Anfänge der Krippenbautradition in der Stadt sind ihren Worten zufolge in Österreich zu suchen.„Nach Österreich ist es nicht weit. Früher sind viele Bewohner der Stadt zur Arbeit oder auf Wanderschaft nach Österreich gegangen. Von dort haben sie dann einige Krippenfiguren mitgebracht und zu Hause eine Krippe gebaut, um die Figuren den anderen zeigen zu können.“
Die Stadt unterstützt den Verein der Krippenfreunde. Sie stellt ihm den hinteren Trakt des Schumpeter-Hauses für eine symbolische Miete von einer Krone jährlich zur Verfügung. Pavel Brychta ist Vereinsvorsitzender. Er leitet selbst einen Zirkel für junge Holzschnitzer. Bildet er neue Krippenbauer heran?„Das ist nicht so einfach. Ich biete Kindern und Jugendlichen nur die Möglichkeit, etwas aus Holz zu basteln.“
Für die Krippenfiguren sei Lindenholz am besten geeignet, so der Vereinsvorsitzende. Er repariert auch Figuren aus den Kirchenkrippen der gesamten Region. Wenn er Zeit hat, schnitzt er selbst neue Figuren.
„Wenn ich weiß, dass die Figur noch bemalt wird, muss ich nicht die feinsten Details aus dem Holz schnitzen. Wenn sie nicht bemalt wird, müssen auch die Details präzise geformt werden.“Karl IV. und Präsident Havel beim Jesuskind
Die Holzschnitzerinnen und Holzschnitzer kommen beim sogenannten „Dřevořezání“ (zu Deutsch etwa Holzschnitzerei) auf ihre Kosten. Das internationale Treffen der Holzschnitzer findet immer an den beiden Feiertagen 5. und 6. Juli in Třešť statt. Im Sommer dieses Jahres wurde es zum 15. Mal veranstaltet. Die Holzschnitzer arbeiten zwei Tage lang auf dem Marktplatz und schnitzen Figuren für eine gemeinsame Weihnachtskrippe. Jedes Jahr kommen rund 20 neue Figuren hinzu, erzählt Václav Dvořák. Auch er gehört zum Verein der Krippenfreunde und blättert in einem dicken Wälzer. Es ist ein Katalog aller Figuren der speziellen gemeinsamen Krippe:
„Ich habe ein Verzeichnis der Holzschnitzer von allen Jahrgängen des Treffens zusammengestellt. Im Katalog sind alle ihre Werke vermerkt einschließlich eines Fotos. Damit lässt sich jede Figur in der großen Krippe zuordnen. Mittlerweile stehen dort 1047 Figuren. Ich habe jede davon fotografiert.“Die Auswahl der Figuren ist sehr illuster und gespickt von Bildnissen bekannter Persönlichkeiten. Eine etwas bizarre Gruppe bilden beispielsweise der erste tschechoslowakische Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk, der frühneuzeitliche Schulreformer Comenius, Kaiser Karl IV. und Präsident Václav Havel. Sie sind alle zusammen auf dem Weg nach Betlehem. Auch Papst Johannes Paul II. gehört zu den Gästen beim Jesuskind. Wenn man genau hinschaut, erkennt man in der Figurenmenge zudem den Haupthelden der Märchenserie „Pan Tau“ (Herr Tau). Sein Darsteller Otto Šimánek kam nämlich 1928 in Třešť zur Welt.
Die Dauerausstellung im Schumpeter-Haus von Třešť ist bis 2. Februar zu sehen. Sie ist täglich von 9.30 Uhr bis 16.30 Uhr geöffnet. Ab 3. Februar kann sie das ganze Jahr hindurch täglich von 8 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr mit einem Touristenführer vom Informationszentrum besichtigt werden. Auch das städtische Infozentrum befindet sich im Schumpeter-Haus. Das Krippenschauen in den Familien in Třešť findet vom 26. Dezember bis 2. Februar statt.







