Tschechische Bevölkerung schrumpft

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Von Jitka Mladkova

Noch ist die Tschechische Republik keine Rentnerrepublik. Im Gegenteil! Die geburtenstarken Jahrgänge 1974/75 bzw. die zwei darauf folgenden befinden sich derzeit in der Lebensphase der Fortpflanzungs- bzw. Erwerbsaktivitäten, wie sie in der Fachsprache bezeichnet wird, und bilden die zahlenstärkste Bevölkerungsgruppe im Lande. Nach dem Babyboom der 70-er Jahre, während dessen wiederholt über 180 000 Kinder pro Jahr geboren wurden, kam allmählich die Abwärtsspirale in Gang. Dramatische Züge nahm der Trend allerdings erst zu Beginn der 90-er Jahre an, als es zu einem wahren Kinderknick kam. 1994 hat die Geburtenrate hierzulande mit 106 Tausend Kindern ihr historisches Tief seit Beginn der Statistikführung im Jahr 1785 in den Böhmischen Ländern erreicht. Zudem hat damals die demoskopische Entwicklung hierzulande zum ersten Mal in der Geschichte keine Zuwachsrate, sondern ein Minus verzeichnet. Das wiederholt sich seitdem jedes Jahr. Alarmierende Zahlen belegen die bittere Wahrheit: die tschechische Bevölkerung schrumpft und ein dauerhafter Kindersegen ist nicht in Sicht. Die kinderreiche Familie gilt längst als überlebt und wurde durch ein Familienmodell mit einem oder höchstens zwei Kindern ersetzt. Auf eine Frau entfallen in Tschechien derzeit 1,2 Kinder. Daran soll sich laut jüngsten Prognosen auch bei dem eingangs erwähnten Jungpotential der Gesellschaft kaum etwas ändern. Das Kinderkriegen wird bei der Lebensplanung immer öfter auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Soziologen und anderen Experten zufolge ist der insgesamt nachlassende Kinderwunsch auf mehrere Faktoren des realen Lebens zurückzuführen, vor deren Hintergrund das Kind als Kostenfaktor oder gar Luxus erscheint, den man sich nicht leisten kann. Allen voran zählen hierzu der Mangel an bzw. die Unerschwinglichkeit von Wohnungen, zunehmende Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen und ein langsam wachsendes Lohnniveau bei steigenden Wohnmieten und Energiepreisen. Doch nicht nur durch das Schrumpfen, sondern auch durch das Altern der Bevölkerung soll sich Tschechien in den kommenden 50 Jahren auszeichnen. Nach Ablauf dieser Zeitspanne werden hier genauso viele Menschen leben wie am Ende des 19.Jahhunderts, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Damals war es eine Gesellschaft der 30-jährigen, im Jahre 2050 sollen auf 100 Kinder 247 Rentner entfallen. Doch so lange wird man nicht warten müssen. Die Statistiker haben errechnet, dass Tschechien schon im Jahr 2030 ein Kindercrash ins Haus steht und die Senioren nicht mehr zu finanzieren sind. In weiteren 300-400 Jahren müsste man aber dieses Problem nicht mehr lösen: Zu dem Zeitpunkt droht nämlich den Tschechen beim anhaltenden Unwillen zur Fortpflanzung rechnerisch das Ende ihrer Existenz überhaupt.