Tschechische Expedition zum Cho Oyu führt den blinden Říha bis auf 7500 Meter

Cho Oyu (Foto: Uwe Gille, CC BY-SA 3.0)

Die Gipfel des Himalajas sind das Nonplusultra für jeden alpinen Bergsteiger. Voraussetzung dafür jedoch ist, sich gut in der schwindelerregenden Höhe zu akklimatisieren, austrainiert zu sein und alle Sinne für die Gefahren im Hochgebirge zu schärfen. Was aber, wenn einer dieser Sinne, das Sehen, nicht vorhanden ist? Diese Erfahrung wollte eine tschechische Expedition machen, in der erstmals ein erblindeter Bergsteiger mit von der Partie war. Mit ihm wollte die Gruppe Anfang Oktober den knapp 8200 Meter hohen Cho Oyu besteigen.

Cho Oyu (Foto: Uwe Gille, CC BY-SA 3.0)
Der Cho Oyu ist der sechsthöchste Berg der Erde. Doch dies erst dank einer neuerlichen Vermessung im Jahr 1984. Bis dahin hatte er mit einer vermeintlichen Höhe von 8153 Meter nur den achten Platz eingenommen. Nach der Vermessung wurde seine Höhe zunächst auf 8201 Meter festgelegt, nach neueren Messungen in den 1990er Jahren dann aber auf 8188 Meter korrigiert.

Der Cho Oyu trägt den Beinamen „Göttin des Türkis“. Diese Bezeichnung bezieht sich auf das von Tibet aus sichtbare Leuchten des Gipfels im Nachmittagslicht. Der Berg liegt im zentralen Himalaya nur 20 Kilometer westlich des Mount Everest. Nach dem höchsten Berg der Erde ist er der meistbestiegene Achttausender unter den 14 Himalaya-Riesen. Mit einem Verhältnis von einem Todesfall auf 65 Gipfelerfolge weist er das geringste Risiko aller Achttausender auf. Dies war auch einer der Gründe, weshalb sich eine tschechische Expedition Anfang September auf den Weg machte, um den Cho Oyu zu erklimmen. Mit ursprünglich zehn Männern und zwei Frauen handelte es sich um eine relativ große Gruppe. Das habe hohe Ansprüche an die Logistik gestellt, schildert Expeditionsleiter Jan Trávníček:

Jan Říha (Foto: ČT24)
„Die Koordinierung einer solchen Gruppe gehört eigentlich zu den schwierigsten Expeditionen, die man durchführen kann. Wir haben die Göttin des Türkis als unser Zielobjekt gewählt, weil sie zu den leichter besteigenden Gipfeln unter den Achttausendern gehört. Wir wollten kein unnötiges Risiko eingehen, indem wir lawinengefährdete Hänge passieren oder einen technisch anspruchsvollen Berg bezwingen müssen. Auf der anderen Seite aber muss ich sagen, dass die Tage für uns sehr lang waren, als wir den Aufstieg in Angriff genommen haben. Denn die Entfernungen zwischen den jeweiligen Höhenlagern waren sehr groß, und genau das hat die Schwierigkeit bei der Besteigung des Cho Oyu ausgemacht.“

Jan Trávníček: „Zum Glück sind wir alle Zehn wieder gesund zurückgekommen. Drei Mann von uns haben den Gipfel des Cho Oyu bestiegen. Und Jan Říha hat einen persönlichen Höhenrekord aufgestellt, er ist bis 7500 Meter hinaufgeklettert.“

Einer der zehn Männer konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Expedition teilnehmen, ein zweiter brach seinen Aufstieg am Basislager ab. Die letztlich noch zehn Mitglieder starke Gruppe ist am 18. Oktober wieder in Prag gelandet. Danach konnte Expeditionschef Trávníček zufrieden konstatieren:

„Zum Glück sind wir alle Zehn wieder gesund zurückgekommen. Drei Mann von uns haben den Gipfel des Cho Oyu bestiegen. Und Jan Říha hat einen persönlichen Höhenrekord aufgestellt, er ist bis 7500 Meter hinaufgeklettert.“

Jan Říha war in der Gruppe das Mitglied mit dem größten Handicap: Er kann seit seiner Kindheit fast nichts mehr sehen. Das hat ihn jedoch nicht davon abgehalten, sportlich aktiv zu sein:

Jan Říha (Foto: Archiv von Jan Říha)
„Natürlich habe ich schon als Kind Sport getrieben, insbesondere als Leichtathlet war ich sehr aktiv. Irgendwie kam ich zum Klettern, und das hat mich dann nicht mehr losgelassen. Mir macht das Bergsteigen einfach Spaß.“

Mit dem Spaß allein aber ist es nicht getan. Jan Říha ist ein Bewegungstalent. Er lässt eigentlich keinen Tag aus, an dem er sich nicht fit hält und etwas für seinen Körper tut. Deswegen hat er auch schon einige beeindruckende Aufstiege vorzuweisen:

Aconcagua (Foto: Winky from Oxford, UK, CC BY 2.0)
„Ich habe bereits den Mont Blanc, den Elbrus, den Kibo im Kilimandscharo-Massiv und den Aconcagua bezwungen. Auf allen vier Bergen habe ich den Gipfel erreicht. Und jetzt bin ich beim Aufstieg zum Cho Oyu bis auf 7500 Metern gekommen, was für mich mein neuer Höhenrekord ist.“

Die genannten Gipfel gehören zu den sogenannten Seven Summits, was nichts anderes bedeutet, dass sie die jeweils höchsten Berge ihrer Kontinente sind.

Während der Expedition auf den Cho Oyu feierte Jan Říha zudem seinen 30. Geburtstag. Der persönliche Höhenrekord war gewiss ein schönes Geburtstagsgeschenk für ihn, doch noch lieber hätte er gern auch den Gipfel der Göttin des Türkis erklommen. Weshalb man ihm dieses Vorhaben letztlich im dritten Höhenlager verwehren musste, dazu Expeditionsleiter Trávníček:

„Ich habe gewusst, dass wir bei dem starken Wind, der uns dort um die Ohren pfeift, keine Chance haben, mit der gesamten Gruppe aufzusteigen. Schon deshalb, weil wir mit Jan um einiges langsamer sind als ohne ihn. Deswegen haben wir abgesprochen, zwischen 6 und 8 Uhr morgens im Camp abzuwarten, wie sich das Wetter weiter entwickelt. Mit einer Tasse Tee haben wir uns noch ein wenig aufgewärmt, doch gegen 8 Uhr musste eine Entscheidung fallen. Das sind die Augenblicke, die man nicht voraussagen kann und bei denen nicht selten sehr viele Emotionen im Spiel sind. Und diese Entscheidung ist leider gegen Jan ausgefallen.“

Marek Novotný: „Das war natürlich etwas Besonderes, einen Kilometer weit allein hinaufzukraxeln, und das elf Stunden lang. Und dabei nicht zu wissen, was einen da oben erwartet.“

Von der Fünfergruppe, die das dritte Höhenlager erreicht hatte, sind daraufhin David Knill und Petr Mašek mit dem blinden Jan Říha in das zweite Höhenlager auf 7200 Meter hinabgestiegen. Den Gipfelsturm nahmen an jenem Tag lediglich Trávníček selbst und Aleš Bílek in Angriff. Das war am 7. Oktober. Einen Tag früher war bereits Marek Novotný ganz oben angekommen.

„Das war natürlich etwas Besonderes, einen Kilometer weit allein hinaufzukraxeln, und das elf Stunden lang. Nicht zu wissen, was einen da oben erwartet, und alle Entscheidungen selbst zu treffen, weil man nur auf sich allein gestellt ist, das ist schon interessant“, sagte Novotný noch tief gerührt nach seiner Rückkehr in Prag.

Jan Trávníček (Foto: Radek Jaroš)
Auch Novotnýs ständiger Begleiter, der junge Aleš Bílek, machte aus seiner Freude keinen Hehl. Trávníček hatte zuvor schon vier Achttausender bestiegen, für Bílek aber war der Cho Oyu sein erster:

„Ich habe auf dem Gipfel ein Gefühl der Genugtuung und Dankbarkeit gespürt. Die Dankbarkeit rührt daher, dass sich für mich sämtliche Faktoren so gut zusammengefügt haben und ich zum Aufstieg zugelassen wurde. Denn sowohl im Basislager als auch beim nachfolgenden Aufstieg konnte man ständig sehen und spüren, wie einem die äußeren Einflüsse in diesen Höhen zusetzen. Eine Mehrzahl der Bergsteiger ist erkrankt, hatte Schnupfen, Husten, Darmprobleme oder andere Beschwerden. Hinzu kamen die Faktoren Wetter und Akklimatisierung. Ich wusste zum Beispiel nicht, wie ich diese Höhe vertragen werde. Vordem hatte ich nur Erfahrungen bis in 6500 Meter Höhe, daher wusste ich bis zuletzt nicht, wie ich über 7000 Meter zurechtkommen werde.“

Jan Říha: „Ich werde ich das Bergsteigen in dieser Form fortsetzen. Das mache ich aber nicht nur für mich, sondern auch für die anderen Menschen mit einer Behinderung. Ihnen will ich zeigen, dass man viel erreichen kann, wenn man an sich glaubt.“

Für den blinden Jan Říha hat sich der komplette Aufstieg auf einen Achttausender zwar noch nicht erfüllt, doch aufgeben will er noch lange nicht. Gegenüber Radio Prag verriet der Bergsteiger aus Stříbrná Skalice in Mittelböhmen, dass er den Klettersport solange betreiben werde, solange seine Füße ihn dabei tragen. Für den nächsten Versuch, auf einen Achttausender zu gelangen, müsse er nun zwar Geduld haben, doch er wolle nicht zuletzt auch anderen ein Vorbild sein:

„Wenn ich wieder solch tolle Leute wie in dieser Expedition um mich herum haben werde, und wenn mich irgendeine Firma als Partner finanziell unterstützt, dann werde ich das Bergsteigen in dieser Form fortsetzen. Das mache ich aber nicht nur für mich, sondern auch für die anderen Menschen mit einer Behinderung. Ihnen will ich zeigen, dass man viel erreichen kann, wenn man an sich glaubt.“

Und vielleicht ist es auch beim nächsten Mal wieder der Cho Oyu, den er bezwingen will. Nicht ohne Grund, denn dieser Berg hat für ihn und seine Landsleute eine besondere Bedeutung. Die erste Besteigung des Gipfels durch ein Frauenteam gelang schließlich der Tschechoslowakin Dina Štěrbová und der Amerikanerin mit tschechischen Wurzeln, Vera Komarkova, zusammen mit Ang Rita Sherpa und Nuru Sherpa am 13. Mai 1984.

Autor: Lothar Martin
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