Tschechisches Bophal ?

Greenpeace-Aktivisten vor dem Chemiekonzerns Spolana, Foto:CTK

Rund zwei Dutzend Greenpeace-Aktivisten zogen vergangene Woche vor die Tore des Chemiekonzerns Spolana im mittelböhmischen Neratovice, etwa 25 Km nördlich von Prag. Ihre Aktion galt dem am meisten verseuchten Industriegelände Europas - so die Greenpeace-Diktion. Man warnte eindringlich vor den Gefahren, die mit einer möglichen Überschwemmung des Areals verbunden sind. Olaf Barth berichtet.

Greenpeace-Aktivisten vor dem Chemiekonzerns Spolana, Foto:CTK
Das verseuchte Areal inmitten des Firmengeländes der Spolana AG liegt nämlich in unmittelbarer Nähe eines Flusses. Das ganze Ausmaß der drohenden Gefahr wird dann klar, wenn man weiß, dass es sich bei dem Fluss um die Elbe und bei den dortigen Giftrückständen u.a. um Dioxin handelt. Noch bedrohlicher wird es, wenn man die Wasserstandsmeldungen verfolgt: Die Pegel der Elbe steigen wegen des Tauwetters beinahe täglich an - in einigen Gemeinden wurde bereits die 3. Hochwasseralarmstufe ausgerufen. Greenpeace-Kampagnenleiter, Jan Haverkamp, sieht bei Spolana im Moment zwar noch keine unmittelbare Gefahr, kämen aber zu der derzeitigen Schneeschmelze noch einige Regentage hinzu, dann sehe die Situation wieder ganz anders aus. Und weiter:

"Es geht um ein Hochwasser, das einmal in 50 Jahren auftritt. Es würde dann in zwei dioxinverseuchten Gebäuden etwa 50 cm hoch Wasser durchfließen. Das ist ziemlich viel und das Problem ist, es könnte sogar schon dieses Jahr passieren. Und Spolana hat bisher noch keine Maßnahmen unternommen, um einer möglichen Katastrophe vorzubeugen."

Bei Spolana sieht man das natürlich ganz anders und betont, eine erste Sanierung der Anlagen sei bereits 1998 abgeschlossen worden, in dem man sie u.a. in einen Betonmantel gehüllt hätte, erklärt Pressesprecher Zdenek Joska.

Bezüglich des Risikos von zwei weiteren Objekten habe die US-Firma "Aquatest" eine Gefahrenstudie erstellt, deren Ergebnisse derzeit vom tschechischen Nationalen Besitztumsfonds beurteilt würden. Joska schickt aber schon mal voraus:

"Die Altlasten werden sich keinesfalls kurzfristig beseitigen lassen."

Die Dioxinbelastungen der beiden geschlossenen Objekte seien aber bei weitem nicht so hoch wie von den Umweltschützern behauptet, betont der Spolana-Pressesprecher. Doch Jan Haverkamp bezieht sich auf die bereits genannte Studie:

"Diese Risikostudie wurde im letzten Jahr durch die amerikanische Firma Aquatest fertiggestellt und sie zeigt deutlich, dass es hier um ein großes Risiko geht. Wir waren sehr überrascht davon, dass auch das zuständige, dem die Swtudie vorlag, sich nicht bewusst war über die Gefahren, bis wir dem Ministerium die Stellen gezeigt haben, an denen die Risiken aufgelistet stehen."

Die tschechische Umweltinspektion habe eine Dioxinkonzentration von bis zu 1255 Nanogramm gemessen. Das sei 125 Mal mehr als die zugelassene Grenze für Giftmüll. Laut Greenpeace hätten weitere Analysen gezeigt, dass auch Luft und Grundwasser stark dioxinbelastet seien, was eine Gefahr für alle Arbeiter auf dem Industriegelände darstellt. Die höchste gemessene Konzentration in den geschlossenen Gebäuden läge demnach bei 24000 ng.

Deshalb fordert Greenpeace Spolana auf, umgehend entsprechende Präventivmaßnahmen gegen eine mögliche Überschwemmung und damit Giftkatastrophe zu treffen. Jan Haverkamp sieht die diesbezügliche Firmenpolitik kritisch und meint:

"Sie können, was das angeht, Spolana ruhig als das tschechische Bophal bezeichnen."

Autor: Olaf Barth
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